Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 41-42 (28.5.1903)
- Date
- 1903-05-28
- Page
- – (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449929--58344-2522712- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Theorie bekannt. Sie sprach zum Herzen, obschon sie in ihrer Brust keines fühlte, und zur Eitelkeit, deren sie Jeden beschuldigte'. Sie schmeichelte, bezauberte, verpflichtete, war gefühlvoll, traurig, flatterhaft zur Veränderung, und immer unvergleichlich anmuthig. Jakob durchschaute diese Komödie, aber in ihm vibrirte keine jener Saiten, welche sonst ein Flammenblick oder ein neckisches Wort in Schwingungen setzt. Er blieb kalt, ernst und traurig. Seine Blicke richtete er mit Schmerz auf dieses Opfer. Es erinnerte ihn an eine Gestalt Ary Scheffers, welche auch so schweigend dasaß, ganz in sich versunken vor sich hinblickend, ohne etwas zu sehen. Wenn irgendwo, so kann in einer glänzenden, schimmernden und fröhlichen Umgebung ein von Schmerz und Leid begriffenes Weib sich in seinem ganzen Glanze zeigen. Es ist etwas Heiliges in dem Schmerze, der es wie mit einer goldenen Aureole umgibt. Neben ihm verschwinden die schönsten, stolzesten Erscheinungen. Thilda sab aus wie eine Königin. Musa kaum wie ihre Hofdame und Vertraute aus der alten Tragödie.'—: Musa ärgerte sich über diese Gleichgültigkeit Jakob's. Aber je kälter er war, desto mächtiger wurde in der Beleidigten das Verlangen, diese stolze Gestalt zu ihren Füßen zu sehen. Daher affichirte sie sich fast, wie man sagt, in den Salons für Jakob. Sie sprach mit ihm, sah nach ihm, gab ihm zu erkennen, daß er sie lebhaft beschäftige, daß er ihr gefalle. Die Mutter ließ, obgleich sie die Unterhaltung leitete, die Wirthin machte und von Winkel zu Winkel lief, ihre Tochter nicht aus den Augen. Auch ihr schlug das Herz. Nicht immer war sie mit Musa's Taktik einverstanden, indem sie dieselbe für zu verwegen hielt. Sie mußte ihr aber doch darin Gerechtigkeit widerfahren lasten, daß sie heroisch kämpfte und that, was sie irgend konnte. Jakob war genöthigt — sie selbst hatte ihm den Arm geboten —-sie mitten unter lauten Schmeicheleien zum Fortepiano zu führen, an welches sie sich endlich setzte, aber nachdem sie langsam die Handschuhe abgelegt, noch lange sich zu ihm umwandte, um vor den Gästen zu zeigen, wie nahe und gut bekannt sie mit ihm sei. Sie nickte ihm zu, flüsterte zu ihm, brachte ihn zum Lachen und kokettirte fortwährend mit ihm. „Meine Theure," sprach leise Frau von A. zu Frau von B. „Sehen Sic nur, wie diese Wotkowska sich mit Jakob, vergibt, wie sie Jagd auf ihn macht! Me unverschämt!". „O, solche Damen, wie sie. verstehen immer, sich ihr Wild zu erjagen," antwortete Frau von V. Hier trat die Wotkowska zu ihnen. „Wir sprachen soeben von Ihrer reizenden Tochter," sagte laut Frau von A. „Sie ist heute wirklich bezaubernd. Auch Frau von B. kann sie nicht genug rühmen und bewundern. Sie verdreht Allen die Köpfe, sogar unseren Alien!" . Die triumphirende Mutter setzte bescheiden hinzu: „O. und doch ist meine Emuscha noch so kindlich naiv! Oft noch der reine Windbeutel! Ich muß ihr das sagen. Wer sie nicht kennt, möchte sie etwa gar für kokett halten. Sie ist aber noch so schuldlos, wie ein Kind! Und das macht sie so kühn!" Die Damen A. und B. blickten sich verstohlen an. Frau von B. zog unwillkürlich vor Bewunderung die starkgeschwungenen dunklen Augenbrauen in die Höhe. „Ho? der Satan diesen Glückspilz, den Jakob! Sehen Sie nur, wie das Mädel um ihn herumhüpft!" sprach Tilda's Vater zu Mann. „Fast mit Gewalt möchte sie ihn fangen! Sehr neugierig bin ich, ob sie sich um ihn reißen würde, wäre er jener arme Teufel geblieben, der er war, als ich ihn in Erziehung nahm!" „Und bevor der brave alte Berliner ihm sein Vermögen vermachte!" fügte Mann hinzu. Beide lachten laut. „Daß sie ihn fangen wird, unterliegt keinem Zweifel." „Oder auch nicht." entgegnete Tilda's Vater. „Ich kenn ihn besser. Das Mädel ist, obwohl geistreich, doch viel zu ungeschickt dazu. Sie weiß noch nicht, daß man nicht alle Fische mit einem Netze fängt. Heinrich, mein Schwiegersohn, wird bald wahnsinnig um sie. Jakob schreckt vor ihr zurück. Er zieht die stillen, verschämten Frauen vor, der Poet!" „Ja! Und die Musa ist durchaus weder still noch verschämt!" lachte Mann. Inzwischen war das Fortepiano erklungen. Jakob entfernte sich langsam, nachdem er sich der Fesseln der Höflichkeit entledigt, und schritt, da er ermüdet war, auf Tilda zu, und nahm neben ihr Platz, die in Träumereien versunken, ihn vorher nicht bemerkt hatte. Wiederholt erhob sie zu ihm die Augen und lächelte ihn lieblich an; sie war zufrieden und glücklich, wenn sie ihn nur sah. Durch die geöffneten Fenster war die Veranda zu sehen, umwunden von wildem Wein, dessen Laub hie und da der Mond mit bleichen Strahlen durchdrang. Beide schauten dorthin, voll Sehnsucht nach Einsamkeit mitten in dieser bunten Schaar. Sie wären gern ein wenig hinausgetreten, um allein zu sein. Sie verstanden sich nur zu wohl. Aber die Künstlerin spielte. Es war unmöglich, sich hinauszuschleichen. Das Klavier weinte, seufzte, schnwllte. lachte, donnerte und wimmerte unter den gewandten, wohleingeschulten, zarten Fingern. Alles war entzückt. Sie spielte wie Liszt. Ihre Händchen schienen aller Schwierigkeiten zu spotten. „Sie spielt ganz wundervoll!" flüsterte Tilda. „Wenn ich eine halbe Stunde am Klavier sitze, fühle