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Der Israelit · 1903-05-28 · Heft 41-42 (28.5.1903) · page 35

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 41-42 (28.5.1903)
Date
1903-05-28
Page
– (sequence 35)
Language
German
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Mondenstrahlen, aus dem Liede der Dichter, und Musa, diese von Lebenslust uberschäumende Bacchantin, ergänzten stch gegenseitig. Heinrich entflammte sichtlich immer leidenschaftlicher für Musa. „Weißt Du," sprach er leise zu Jakob, „wär i ch — Du — ich schwankte keinen Augenblik. Morgen bat' ich um die Hand dieser Sirene!" „Und wär ich — D n," entgegnete Jakob, „so säh' ich nicht einmal nach ihr hin!" Heinrich schwieg mit verdrießlichem Lächeln, wühlte stch in seinem schwarzen Haare und — drängte stch wieder an Musa. „Errathen Sie mal, gnädiges Fräulein," fragte er ste leise, „was ich vorhin Jakob anrieth!" „Wie sollte ich dies wohl errathen können." flüsterte scheinbar gleichgültig Musa. obschon ste es vortrefflich errieth. „Ich rieth ihm. leider, als nur zu guter Freund, was ich an seiner Stelle sofort thäte, nämlich: sich rasend in Sie zu verlieben, gnädiges Fräulein!" „Ah! Das war ein schlechter und verrätherischer Rath!" erwiderte Musa lachend. „Ich denke gar nicht daran. Jemand zu lieben!" „Wieso? Gar Niemand!?" . „O, Gott bewahre mich davor! Ich halte die Liebe für eine Art gefährlicher Krankheit, vor der man sich in Acht nehmen muß!" , „Halten Sie, gnädiges Fräulein, sie für so todtlich?" „Ich weiß nicht, aber ich fürchte sie!" „Man sagt, daß Alle, die z. B. die Cholera oder den Typhus fürchten, daran am ersten ertranken. Das ist ein Vorgefühl. Nicht wahr, Jakob?" „Ach, lassen Sic mich zufrieden mit diesem Philosophen!" „Er ist schlimmer, als ein Philosoph: ein Mystiker und Pietist!" Musa richtete schweigend den Blick auf ihn. „Das ist in der That interessant! Machen Sie. daß ich mit ihm sprechen und ihn näher kennen lernen kann. Er ist so menschenscheu!" „Was thäte ich nicht Alles für Sie, gnädiges Fräulein!" rief Heinrich, der Alles errieth. „Ich werde ihn herführen und abliefern." Und leiser fuhr er fort: - „Aber ich bitte, gnädiges Fräulein, nicht wahr, wenn man die erste schwere Liebe ernstlich durchgemacht hat, kann man sich ohne Gefahr an ihr ergötzen?" „Das verstehe ich nicht!" entgegnete Musa trocken, Ihre Augen aber, die sie auf ihn heftete, sagten ganz etwas anderes. Es war gerade kein Einverständniß, aber sie verstanden sich doch. „Willst Du durchaus heirathen," sagte stch Heinrich im Geiste, „gut, so kann ich Dir dienen. Auf der Welt aber ist nichts umsonst. Ich muß erwarten, daß auch ich ein Lächeln dafür erhalte. Wer weiß!" Nach dieser schweigend, aber ausdrucksvoll getroffenen Uebereinkunft, brauchte man nichts mehr zu sagen. Heinrich wußte, daß er verstanden wurde, drängte sich durch die Gäste, nahm Jakob bei Seite, der Tilda zuschaute, und sprach zu ihm:?’°; „Geh' doch einmal zu der reizenden Musa, die sehr neugierig auf Dich ist! Thu' dies für mich! Das Mädel schwärmt für Italien! Und Du kommst eben von dort!" „Wahrhaftig!" antwortete Jakob. „Schwer würde es mir fallen, mich zu einer solchen Reisebeschreibung zu sammeln, wie sie ihrer würdig wäre!" „Nun, nun! Versuch' es! Geh' nur!" Mit Gewalt fast zog er ihn mit sich zu ihr. „Gnädiges Fräulein." sprach Heinrich zu Musa, „die Sie Italien so lieben, dieses Vaterland der Kunst! Sie wollten von mir, einem Profanen, etwas von ihm hören! Mehr erfahren Sie gewiß von Jakob.. Ihn führe ich Ihnen deßhalb zu. Der Vortrefflichste aller Touristen, wanderte er zu Fuße, wo ich mit der Eisenbahn vorübersauste!" „Ah!" rief Musa, indem sie sich ihm zuwandte, um ihm ihr lächelndes, wunderhold strahlendes Antlitz zu zeigen. „Erwisch' ich Sie doch, mein Herr! Sie müssen mir von Italien erzählen! Fortwährend bitte ich Mama flehentlich, mich dorthin zu führen!" „Heute bedauere ich unendlich, nicht beredter zu sein, und Italien nicht besser zu kennen," erwiderte Jakob, „um Ihnen davon erzählen zu können. In Italien aber muß man leben, um es kennen zu lernen, und nicht, wie ich, es nur durchfliegen!" - „Ah! Entschuldigen Sie," unterbrach ihn Musa lebhaft, „das ist gewiß, daß, wer frisch in das Land kommt, oft mehr sieht und besser beobachtet, als wenn er dort geboren ist!" „Zum Theil ist dies die Wahrheit. doch.mehr init Bezug auf die äußere Physiognomie des Landes. Seinen Geist muß man erforschen, sich in ihm berauschen, um ihn kennen zu kernen." „Aber schön sind doch diese Italiener?" fragte Musa. Diese Frage war zwar ungeschickt und abgedroschen; es war ihr eben nur um den Anfang einer Unterhaltung zu thun, welche, mit Gewalt herbeigezogen, sich hinschleppcn sollte, um als Deckmantel ihres koketten, eingelernten Spieles zu dienen, eines Spieles weiblichen Instinktes, der zu bezaubern wünscht, und sich hier aller ihm von der Natur verliehenen Mittel bedient. Musa war in jeder Bewegung, jedem Blicke, jedem Winke und Worte eine unvergleichliche Künstlerin. Sie sprach zu den Sinnen, obgleich sie selbst deren noch nicht besaß, sie waren ihr nur aus der

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