Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 41-42 (28.5.1903)
- Date
- 1903-05-28
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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922 jüdische Familen haben Kiew verlassen." Der Handel liegt darnieder, der Verkehr stockt derart, daß ein großes Waarenhaus, welches sonst täglich 1000 Nudel Umsatz zu haben pflegte, in der letzten Woche pro Tag nur Rudel. Losung hatte. Der „Kiewljanin" kann es nicht begreifen. daß die Juden Hab und Gut im Stich lassen und vor einem Gespenst kopflos die Flucht ergreifen, obgleich sie wohl wissen, daß es in Kiew von Militär und Kosaken wimmelt. 9hm, die Ereignisse in Kischinew haben gelehrt, wie wenig das Militär den Juden helfen kann, wenn die Polizei selbst die Gesetze für zwei Tage außer Kraft setzt. Wie wenig die Juden von der Polizei auch in Kiew zu erwarten hatten, beweist das Benehmen des Chefs der Kiewer Gendarmerie, Nowitzki, des Polizeimeisters Tsttowski und des Vicegouverneurs Stakelberg, an die die Juden eine Deputation abgeschickt haben. Alle diese Tschinowniks haben den Juden eine wenig günstige Antwort gegeben, und der edle Stakelberg hat wörtlich gesagt: „Ich werde es niemals so weit kommen lassen, wie in Kischinew." .... Diesen recht ermunternden Worten des Vicegouverneurs fügte der Polizeimeister noch den Hinweis auf die anläßlich des 1. Mai zu befürchtenden Aröeiterdeinonstrationen hinzu und deutete an, daß den Juden völliger Schutz garantirt werden könne, wenn diese ihrerseits sich dafür verbürgen würden, daß „keine Maidemonstration stattfinde." Erst die allgemeine Flucht und die in Folge dessen eingetretene Stockung im Handel und Wandel haben die Behörden veranlaßt, Kosakenpatrouillen auszusenden, deren bloßer Anblick den Mob zur Raison gebracht hat. Gegenlvärtig herrscht in Kielv vollständige Ruhe, allein die Juden haben beschlossen, das ganze Jahr als ein Trauerjahr zu betrachten und bis zum nächsten Pfingsten loeder Theater noch sonstige Vergnügungsorte zu besuchen. — Auch in Elisabethgrad hat die Katastrophe von Kischinew eine wahre Panik hervorgerufen. Die dortigen Juden haben den Krawall vom Jahre 1881 loeder verschmerzt, noch vergessen. Da am 6. Mai in dem Orte Blesse ist, haben die Juden an diesem Tage mit großer Bestimmtheit Krawalle befürchtet. Die Polizei hat aber für die Bevölkerung warnende Proklamationen ankleben lassen, und der Gouverneur von Cherson, Lewaschew, ist an diesem Tage persönlich in Clisabelhgrad erschienen. Die befürchteten Kratvalle sind in Folge dessen ausgeblieben, allein auch der' große Jahrmarkt, auf den die Bevölkerung der Stadt das ganze Jahr hindurch ihre schönsten Hoffnungen setzt, ist unter diesen Umständen zu Wasser geworden. Handel und Wandel liegen darnieder, die Bauthätigkeit hat gänzlich aufgehört, und eine noch nie dagewesene Arbeitslostgleit beweist der christlichen Bevölkerung, lvie traurig es ist, wenn der jüdische Unternehmungsgeist gelähmt wird. Aehnliche Berichte kommen aus Dwinsk, Shitomir und 'SR e n i In allen diesen Orten wurde der 1. Mai als kritischer Tag erster Ordnung angesehen; die Polizei traf jedoch ihre Vorkehrungen, so daß der gefürchtete Tag ohne besondere Vorfälle verlief. In Kowno wurden für den 3. Mai Judenkraivalle angekündigt. Aengstlich sah die jüdische Bevölkerung diesem Tage entgegen. Der 3. Mai kam und ging fast ganz vorüber, ohne daß etwas Besonderes passirt wäre. Gegen Abend aber ertönte plötzlich auf dem alten Markt der Schreckensruf: „Ein Krawall!" Entsetzt schlossen die Juden ihre Läden und Jedermann eilte, sich zu verbergen, wo und wie er konnte. Als aber eine halbe Stunde ruhig verging, kamen die Geängstigten aus ihren Berstecken hervor und sahen zu ihrer Beschämung, daß sie das Opfer eines Mißverständnisses geworden sind. Ein Jude war mit einem Bauer in Streit gerathen, der bald in eine Prügelei ausartete. Der Jude rief um Hilfe und dieser einzige Hilferuf genügte, um eine Bevölkerung von 30,000 Seelen in eine Todesangst zu versetzen. Bessarabien. Das 634 Quadratmeilen umfassende Gouvernement Bessarabien liegt in Südwestrußland an der Grenze zwischen Rußland, Oesterreich und Rumänien. Seiner internationalen Lage entsprechend ist seine Bevölkerung eine sehr gemischte. Nebst den Moldauwanern (Rumänen), welche über 50 pCt. seiner im Jahre 1897 ca. 1,934,000 Seelen zählenden Einwohnerschaft ausmachen, weist es noch zahlreiche der orthodoxen Kirche angehörenden Zigeuner auf. Außer diesen beiden Völkerschaften leben in Bessarabien zahlrciche Rusniaken, Kleinrussen, Griechen, Bulgaren und Deutsche. Das Hauptkrodukt des Landes bildet der türkische Weizen (Kukuruz), aus dem die Bevölkerung ein Nationalgericht, Mamaliga genannt, herstellt. Daneben werden aber vier Millionen Eimer Wein, Million Pud Obst und 200.000 Pud Tabak erzeugt. Der Handel ist wegen der günstigen geographischen Lage des Gouvernements stark entwickelt, dagegen ist die Industrie noch vollkommen in den Kinderschuhen. In den 380 „Fabriken" des Gouvernements werden nur für 14- '. Million Rubel Fabrikate heraestellt. Die Juden bilden im Gouvernement Bessarabien mit 225,637 Seelen 11,6 pCt. der Gesammtbcvölkerung. Davon ernähren sich 2000 als Landarbeiter, 6000 Juden erwerben ihr Brod als ungelernte Arbeiter, wie Lastträger. Rollkutscher etc. 20.946 Juden betreiben ein Handwerk. Von diesen sind 8550 selbstständige Meister, die zusammen 7075 Gesellen und 5321 Lehrlinge beschäftigen. 1000 Inden, davon 934 Männer. 30 Frauen und 36 Kinder, arbeiten in 106 jüdischen „Fabriken". Endlich gibt es in Vcffa-