Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 41-42 (28.5.1903)
- Date
- 1903-05-28
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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_ 44. Jahrgang. ' ' Aweite Aeikage zu 41 ä- 42 des „Israelit.^ Aifchinew! lLrlginal-lkorrespondeni des „Israelit.") Wer ist K r u s ch e w a n? Der jetzt zur traurigen Berühmtheit gelangte „Vater des Antisemitismus in Bessarabien," der Herausgeber des antisemitischen „Bessarabetz". Kruschewan, ist ein dunkler Ehrenmann, der mehrfach öffentlich als Hallunke gebrandmarkt wurde. Obwohl er stets im Namen des russischen Volkes spricht und alle Tage das Wort „wir Russen" mißbraucht, ist der Mann dennoch kein Russe, sondern ein in Rußland eingewanderter Rumäne. Ebensowenig wie Kruschewan haben alle übrigen Antisemitenhäuptlinge, die bei der Katastrophe von Kischinew eine hervorragende Rolle gespielt haben, das Recht, sich als Russen zu gebärden. Herr v. Raa"ben ist ein Balte, der Notar S ch t s ch e b r a n ein Zigeuner. der Stadtverordnete S i n a d i n o ein Grieche und der Advokat P i s s a r j e w s k i ein Pole. Und diese internationale Antisemitenbande hat sich aus aller Herren Ländern in Kischinew zusammengefunden, um im Namen des russischen Volkes gegen die seit vielen Jahrhunderten in Bessarabien wohnenden Juden zu hetzen. Bezeichnend für die den Juden in Rußland gezollte Mißachtung ist es ferner, daß der talentlose Rumäne Kruschewan in Rußland die Erlaubniß zur Herausgabe zweier Tageszeitungen erhalten hat. von denen die „Snamja" in Petersburg erscheint und von der russischen Regierung subventjonirt wird. Nirgends hat sich der Ausspruch des Talmud: „Kol haineitzar l'jisroel naasso rosch" (wer Israel bedrängt, gelaugt zu Aemtern und Würden) so bewahrheitet, wie bei den beiden minderwerthigen Menschen Suworin und Kruschewan. Der Geschäftsantisemit Suworin ist als Herausgeber und Besitzer der „Nowoje Wremja" vielfacher Millionär getvorden, und Kruschewan hat für seinen in Kischinew erscheinenden „Bessarabetz" von der Eensurbehörde vollkommen freie Hand erhalten. Er durfte in demselben bluttriefende Artikel schreiben, in denen folgende Sätze vorkamen: „Auf zu einem zweiten Krcuzzug gegen die Juden!" „Wir Russen wollen nicht länger dulden, daß 7—10 Millionen Juden uns aussaugen und unsere Wohlfahrt untergraben!" „Traut nicht den Worten eines Juden! Seine Lippen sind von genossenem Christenblut gefärbt!" Als der gleich nach den Krawallen nach Kischinew beorderte Staatsrath Lcpuchin diese greulichen Sätze dem Vicegouverneur Ilstrugow vorhielt und ihn fragte, wie er als Censor sie dein „Bessarabetz" durchgehen ließ, hielt dieser ihm einige Nummern der „Nowoje Wremja", wo ähnliche Sätze vorkamen, vor und erwiderte ruhig: „Weßhalb sollte ich einem Kischinewer Blatte etwas verbieten, was in einem Petersburger Blatt zu schreibell erlaubt ist!" — Der zweite I g n a t i e w! In derThat scheint unan im russischen Ministerium des Innern in Petersburg nicht minder antisemitisch gesinnt zu sein, als im Gouvernementsgebäude zu Kischinew. Das von rer „Tinres" veröffentlichte Rundschreiben an die Gouverneure beweist, daß der vom Czaren als Nihilistentödter berufene Herr v. Plehve entschlossen ist, es mit dem Lumpenproletariat um keinen Preis zu verderben, da er diese Hefe der Gesellschaft braucht, um sie im Nothfalle gegen die klassenbewußten Arbeiter zu verwenden. Auch möchte dieser Minister es versuchen, in die Fußtapfen Jgnatiews zu treten und den revoltirenden Arbeitern, sowie den seit einigen Jahren ihre Unzufriedenheit mit „Väterchen" in verschiedenen Krawallen gegen die Gutsbesitzer Luft machenden Bauern gelegentlich die Juden als Beute hinwerfen. „Der Kreuzzug wider die Ungläubigen" hat sich in Rußland von jeher als vortreffliches Ablenkungsmittel der Unzufriedenheit im Innern bewährt. Aber ein Krieg gegen die ungläubigen Türken würde viel Geld kosten, das in Rußland momentan knapp ist. Dagegen gibt es in Väterchens Reich genug Juden, von denen einige Tausend wohl entbehrt werden könnten. — Panik i m Rayon! Unter solchen Umständen ist es erklärlich, daß die Kischinewer Krawalle weit über die Grenzen Vessarabiens unter den Juden Rußlands eine furchtbare Panik hervorgerufen haben. Die judenfeindliche Communique, welche anläßlich der Kischinewer Ereignisse im „Negierungsboten" erschienen ist, haben im Verein mit dem Hinweis, daß die von den Juden begründeten Abwehrvereinigungen unstatthaft seien, unter der jüdischen Bevölkerung des Ansiedelungsrayons die Befürchtung gesteigert, daß man in Petersburg entschlossen ist, die Juden als Blitzableiter zu benutzen, und die Katastrophe von Kischinew nur des blutigen Dramas e r st e r Akt war, dem zu Pfingsten weitere Akte folgen werden. In Kiew verbreitete sich das Gerücht, daß man am 2. Mai die „Juden schlagen" werde. Die 50,000 Juden dieser Stadt wußten kein anderes Mittel, als ihre Habseligkeiten bei den Banken zu deponiren und selbst nach den Hotels zu übersiedeln oder aus der Stadt zu fliehen. Die Hotelbesitzer benutzten die günstige Gelegenheit, um für ihre Zimmer ganz horrende Preise zu fordern, und die geängstigten Juden bewilligten die geforderten Preise, die in manchen Hotels bis zu „einem Rubel pro Stunde" hinaufgeschraubt wurden, ohne Widerrede. Die Eisenbahnzüge waren überfüllt, und djr^abgehenden Dampfer konnten die Menge der Passagiere nicht fassen. „Ueber 3000