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Der Israelit · 1903-05-25 · Heft 40 (25.5.1903) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 40 (25.5.1903)
Date
1903-05-25
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Das ist alles, was ich anläßlich des Kischinewer Massakres sagen könnte, aber all dies habe ich schon längst gesagt! Ihr Leo Tolstoi. Jassnaja'Poljana, 27. April 1903. ■ H- Maxim Gorki. In den letzten Jahren ereignen sich immer häufiger in unserem Lande Dinge, die es mit Schmach überdecken, das Schmachvollste aber, das unser Entsetzen, unsere Scham und Empörung hervorruft — das ist das schreckliche Judenmassakre zu Kischinew. Leute, die sich für Christen halten, Leute, die vorgeben, an den Gott der Barmherzigkeit und des Mitleids zu glauben — diese Leute beschäftigten sich an den Tagen, die von ihnen der Feier der Auferstehung ihres Gottes von den Todten geweiht sind, damit — Kinder und Greise zu ermorden, Frauen zu vergewaltigen, Menschen von jenem Stamme zu martern und zu berauben, der ihnen den Stifter ihrer Religion geschenkt hat. Wer trägt an diesem gemeinen Verbrechen, das sich auf uns alle wie ein blutiger Fleck legt, die Schuld? — die Schuld an dieser Befleckung, die auch Jahrhunderte von der traurigen Geschichte unseres finsteren Landes nicht weggewischt werden? Es wäre ungerecht und allzu einfach, die „Masse", die die Juden mordete,- zu verurtheilen; die Masse — ist eine Hand: schuld daran ist das verdorbene Bewußtsein, das sie zu diesem Raub und Mord lenkte. Wie bekannt, wurde die Masse in Kischinew durch Leute von der intelligenten Gesellschaft angeführt, aber was ist eigentlich die „russische intelligente Gesellschaft?" Das ist auch eine Masse, dazu noch eine viel schlimmere, als die des „Volkes", weil unser Volk durch sein schweres Leben aufgestachelt ist und blind gemacht und in Ketten geschmiedet durch die ringsum künstlich geschaffene Finsterniß... Die intelligente Masse aber — das ist ein Haufen feiger Sklaven, die. des Gefühls der Selbstachtung und des Bewußtseins ihrer Rechte beraubt, bereit ist, vor jeder Macht ihre Knie zu beugen, die bereit ist, eine jede Lüge anzunehmen, bloß, damit sie ihre Ruhe nicht störe, eine kraftlose, rechtlose und graue Masse, ganz ohne Bewußtsein, und eine schamlose, ungeachtet ihres anständigen Aeußeren. An der schmachvollen und schaudererregenden That, die in Kischinew vollbracht wurde, ist unsere intelligente Gesellschaft nicht minder schuld, als die aktiven Mörder und Vergewaltiger. Sie ist nicht bloß schuld daran, weil sie die Ermordeten nicht nur nicht in Schutz nahm, sondern weil sie sich sogar daran ergötzte — ihre Schuld besteht hauptsächlich darin, daß sie während langer Jahre sich von Menschenhassern verderben ließ, von Leuten, die schon seit langem den abscheulichen Ruhm genießen, Lakaien der Macht und Verherrliche! der Lüge zu sein, wie Alexei Csuworin, Victor Vurenin, Waffilij Welitschko, Csergey Scharapow, Wissarion Komarow, Kruschewan, Pjakowski und andere, die ihres gleichen sind. Das sind die wahren Anstifter des für uns schmachvollen und schaudererregenden Verbrechens in Kischinew! All den abscheulichen Benennungen, die von jeher diesen widerlichen Leuten gehören — müssen wir heute noch eine von ihnen wohlverdiente Bezeichnung hinzufügen: sie sind Aufhetzer zu Raub und Mord! Diese Heuchler mit dem Gottesnamen auf ihren Lippen, die der russischen Gesellschaft den Haß gegen die Juden, die Armenier und Finnen predigen und sie dadurch verderben — heute überschütten sie die Leichen der durch ihre Einwirkung Getödteten mit feigen und gemeinen Infamien und setzen schamlos ihr häßliches Werk fort: die Verderbung des Gefühls und des Gedankens der ganzwillenlosen russischen- Gesellschaft. Schmach auf ihre bösen Häupter, und möge das Feuer des Gewissens in ihren verfaulten Herzen brennen, die voll von Eitelkeit und Kriecherei vor jeder Macht sind! Und' auch der russischen Gesellschaft, die schmachvoll der Aufhetzerei dieser Sklaven folgt, liegt jetzt die Pflicht ob, zu beweisen, daß sie noch nicht ganz durch diese Banditen verdorben ist, daß sie nicht identisch ist mit den Aufhetzern zu Raub und Mord, daß sie noch ein Kernlein edlen menschlichen Gefühls in sich birgt. Die russische Gesellschaft muß, um einen Theil der Schmach und Scham von'ihrem Gewissen'zu nehmen, den beraubten und verwaisten Juden zu Hilfe kommen, diesen Angehörigen einer Nation, die der Welt so viele wahrhaft große Männer gab und die — trotz des Entsetzens und des Drucks ihrer Lage in der Welt — noch immer Lehrer der Wahrheit und Schönheit hervorzubringen fortsetzt. Nun also — ein jeder, der sich nicht als Lakai zu Lakaien gehörig betrachtet, alle in denen das Gefühl der Selbstachtung noch nicht erstorben ist — Ihr alle auf, den Juden zur Hilfe! Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschla n'd. Mainz, 24. Mai. Der „Jsr. Verein zur Unterstützung und Erziehung mittelloser Waisen" - feierte heute das Fest seines 50jährigen Bestehens. Der Verein hat während dieser 50 Jahre im Ganzen 178 Main-

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