Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 40 (25.5.1903)
- Date
- 1903-05-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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44» Jahrgang. zu M 40 MW ÄW üi lorfi irr WiW. Mit großer Ungeduld und innerer Erregung erwarteten Viele, die durch die schrecklichen Vorgänge in Kischinew in Empörung versetzt worden, was die edelsten Vertreter des russischen Geistes und der russischen Kultur dazu sagen wurden. Nun haben zwei bedeutende Männer gesprochen: der große Weise von Jaßnaja Poljana, der fern vom Alltaglärm lebt, dessen Blicke auf unendliche Fernen gerichtet stnd, äußerte sich darüber vom Standpunkte feiner allgemeinen Weltanschauung, aber mit tiefer Empörung und Erregtheit über die Rolle, die die russische Negierung bei diesen Ereignissen spielte. Der junge, kampsesfrohe und stolze Dichter Maxim Gorlr. mit seinem heißbllitigen, ehrlichen Temperament klagt die russische intelligente Gesellschaft an, die von Sklaveninstinkten durchsetzt isi. Beide Dokumente sind von allgemeiner Bedeutung. Man sieht hier d^s Verhältniß zweier großer Männer zu der gegenwärtigen Lage ihres „finsteren" Vaterlandes. Leo Tolstois Brief ist an einen befreundeten Moskauer Musiker gerichtet; der Aufsatz Gorkis war für den „Nisbi-Gorodfki Listok" bestimmt, wurde jedoch von der Zensur unterdrückt, worauf ihn der Verfasser dem Gewährsmann der „Kleinen Presse" zur Verfügung stellte. L Leo Lieber N. N.l Ihren Brief habe ich erhalten. Ich habe schon einige ähnliche Briefe zugefchickt bekommen. Alle Korrespondenten, ebenso wie Sie. verlangen von mir. daß ich meine Meinung über die Kischinewer Vorgänge äußern solle. Mir scheint, daß in diesen Aufforderungen ein Mitzverständniß enthalten ist. Es wird vorausgesetzt, daß meine Stinime Gewicht besitzt, und detzhalb wird von mir verlangt, ich möge meine Meinung über einen solchen wichtigen und nach seinen Ursachen so komplizirten Vorfall, wie die Kischinewer Greuelthat es ist, abgeben. Das Mitzverständniß besteht darin, daß von mir die Thätigkeit eines Publizisten verlangt wird, wahrend ich ein Mensch bin, der sich mit einer ganz bestimmten Frage, die nichts Gemeinsames mit den gegenwärtigen Vorfällen hat, sich beschäftigt':.-nänrlich mit der religiösen Frage und ihrer' Anwendung auf dos Leben. Von mir eine öffentliche Aeußerung meiner Meinung über gegenwärtige Geschehnisse zu verlangen, ist ebenso grundlos, wie wenn man dies von irgend einem Spezialisten verlangen wollte, der ein gegenwärtiges Ereigniß zur Illustration des von mir unterstützten Gedankens gebraucht; aber über alle gegenwärtige, wenn auch sehr wichtige Vorkommnisse ein Urthe.il abzugeben, wie dies die Publizisten thun. ist mir durchaus unmöglich, wenn ich es auch für noch so nothwendig hielte. Wenn ich so handeln, würde, hätte ich längst von anderen Gesagtes wiederholen müssen, und dann würde wahrscheinlich auch jene „Bedeutung" meiner Meinung nicht existiren; auf Grund deren man mir ihren Ausdruck, verlangt. Was mein Verhältniß zu den Juden und'zu den schrecklichen Vorfällen in Kischinew betrifft, so müßte es, glaube ich. für alle klar sein, die sich für meine Weltanschauung interessirt haben. Mein Verhältniß zu den Juden kann kein anderes, als das zu Brüdern sein, die ich liebe, und zwar nicht deßhalb, weil sie Juden sind, sondern weil wir und. sie, wie alle Menschen, Söhne eines Vaters und Gottes sind, und diese Liebe fordert keine Anstrengungen meinerseits, weil ich vorzüglichen Judenmenschen begegnet bin und sie kenne. Mein Verhältniß zu dem Kischknewer Verbrechen wird auch durch meine religiöse Weltanschauung von selbst bestimmt. Noch bevor ich alle Einzelheiten, die nachher publizkrt wurden, kannte, bald nach dem ersten Zeitungsbericht, begriff ich all das Entsetzen des Geschehenen und empfand ein schweres und gemischtes Gefühl des Mitleids gegenüber den schuldlosen. Opfern der Bestialität der Masse, der Verwunderung über die Verthiertheit dieser Leute, dieser Scheinchristen, ein Gefühl des Abscheus und des tiefsten Ekels vor denjenigen, den sog. „gebildeten".Leuten, die die Masse aufhetzten und sie in ihren Gewaltthaten unterstützten und, hauptsächlich ein Entsetzen vor dem eigentlichen Anstifter des Blutbades, vor unserer Negierung mit ihrer die Leute betörenden und fanaiisirenden Geistlichkeit und ihrer raubsüchtigen Bande der der Tschinowniki. Die Kischinewer Gewaltthat ist eine direkte Folge der Lüge und Vergewaltigung, die mit solcher Spannkraft und Beharrlichkeit von der russischen Regierung geübt wird. Das Verhältniß der Regierung zu diesem Ereigniß ist nur ein neuer Beweis ihres groben Egoismus, der vor keiner Grausamkeit zurückschrickt, wenn es sich um die Unterdrückung einer-ihr gefährlich scheinenden Bewegung handelt, und ihrer völligen Gleichgültigkeit (ähnlich der Gleichgültigkeit der türkischen Regierung gegenüber.den armenischen Metzeleien), gegenüber'den schrecklichsten Greuelthatenfalls - diese ihre Interessen nicht berühren.: ,