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Der Israelit · 1903-05-20 · Heft 39 (20.5.1903) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 39 (20.5.1903)
Date
1903-05-20
Page
– (sequence 19)
Language
German
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irgend eilte Absicht. Jakob aber stieß damals bei jedem Schritte auf so viele GeheiMniffe und Räthsel, daß er sich nicht einmal bemühte, sie Alle zu lösen. Was endlich konnte es ihn angehen, dieses Paar fremder Leute, die vielleicht dort ihre Geschäfte hatten, vielleicht persönliche Angelegenheiten. Die Colomi und Gromvw waren seinen Augen schon entschwunden und fast hatte er sie schon vergessen. Die Angelegenheit seines Freundes Jwas war geordnet. Man hatte nach ihm geschickt, sich seines Geschickes und seiner Zukunft angenommen. Dieser Sorge also konnte Jakob sich ruhig entledigen und allein daran denken, was das Hauptziel seines Lebens war, seine leichtlebigen Mitbrüder'zu dem alten, überlieferten, gesetzestreuen Judenthume zurückzuführen. Nach einigen Tagen schon überzeugte er sich davon, welche Schwierigkeiten hier seiner harrten, die von flacheren Geistern bei Zeiten vorhergesehen worden waren, die aber sein tieferer Geist noch in Abzug brachte, indem er durchaus in der 'menschlichen Natur nach edleren Triebfedern suchte, die schon nicht mehr vorhanden waren. Die Untersuchung des Zustandes im Lande führte ihn nur zu den gewöhnlichen Resultaten, die gewöhnliche Leute ihm vorhergesagt halten, an die er aber nicht glaubte.. Trotz aller Mühe und Arbeit stand er vereinsamt und mußte sich mühsam erobern und erkaufen den Eintritt in eine Gesellschaft, die ihn zu fürchten und zu meiden schien. Bittere Gedanken bemächtigten sich Jakob's. Es ward ihm Bedürfniß, seinen Geist zu sammeln, seine Kräfte zü üben, und nach seiner Gewohnheit verschloß er sich einsam über die alten Bücher, die ihm Trost in Leiden gaben. Er begann wieder zu lesen, was er schon hundertmal in Kummer und Schmerzen wiederholt hatte: das Buch Hiob, die Klagelieder Jeremias, die begeisterten Dichtungen der Propheten, und dann den Talmud, auf dessen Blättern so viele Traditionen sich befanden, die man fast auf jede Epoche anwenden konnte. Ganze Tage verbrachte er so bei verschlossener Thüre, vergaß er die Menschen, und suchte er in sich selbst die Kraft, die das Eis der Gleichgiltigkeit des Jahrhunderts schmelzen könnte. Götzendiener zu bekehren und glühende Verehrer falscher Götter zu dem wahren Glauben zu führen, ist verhältnißmäßig leicht. Da brennt schon eine Flamme, die nur genährt und auf einen anderen Altar gestellt zu werden braucht. Aber diesen Funken anfachen in erstarrten Herzen, von Moral zu predigen zu denen, die alles im Schmelztiegel der Kritik zu Schlacke schmelzen, wer vermöchte dies?! Niemand stritt. Niemand kämpfte mit Jakob! Man floh ihn und wandte sich von ihm ab. Mitunter wurde seine Bercdtsamkeit hinreißend. Man taxirte sie aber nur als einen schönen rhetorischen Vortrag — als nichts weiter. ' 1 Die deutfchgewordenen Juden waren Hegelianer, die französischen schätzten die positive Lehre Kant's am höchsten und bewunderten Proudhon's vermeintliche Logik. Andere behalfen sich sogar ohne jede Philosopbie. Mit leerem Kopfe und leerem Herzen suhlten sie sich vollkommen zufrieden. Auf diesem unfruchtbaren Felde also war eine Bekehrung unmöglich. Die Gesellschaft kannte ihr Judenthum nur noch von der poetischen und malerischen Seite.. Sie klatschte ihm Beifall in der .-Jüdin", in der Musik eines Mendelssohn und. eines Meyerbeer, in den Witzen eines Heine und eines Boerne, in den Millionen und der Allmacht der Geldaristokraten, überall, wo eine Spur war von Israel und ein Beweis seiner Kraft. Aber das alles waren nur schmeichelhafte Erinnerungen an eine zertrümmerte Vergangenheit. Die große Mehrheit war für den europäischen, ftanzösischen Ton, verläugnete all das Ihrige und erröthete bei der Erinnerung. In der großen Welt nahm man Jakob mit jener Furcht gut erzogener Juden auf, daß er an das Judenthum erinnert, es in die Unterhaltung einflechten, und — wie man sich ausdruckte — mit dem ihm eigenthumlichen „Cynismus" offenbaren könne. Betrat er einen. Salon, so begrüßten ihn verwirrte.Augen, besorgte Gesichter, flehende Blicke, die gleichsam ihm zuriefen: „Erbarme Dich und schweige!" Mit den echten Altgläubigen wurde es ihm auch schwer zu reden. Sie hielten ihn für einen leichten, nicht ausgelernten, eingebildeten Menschen, der sich als Gottloser in den Tempel eindränge, den zu betreten er" gar nicht das Recht habe. Man speiste ihn mit halben Worten ab, man verwies ihn auf die Buhne. Nach langen Tagen des Sichabschließens. Sinnens und Marterns. beschloß Jakob, eine Stütze und Anregung bei der Jugend zu suchen. Auch er war gezwungen. sich an die edlen Instinkte des jugendlichen Alters zu wenden, und auf dieses zu hoffen. Etwas getröstet durch diesen Gedanken, raffte er sich endlich, nachdem er von Schlaflosigkeit, Arbeit und Schmerz förmlich abgemagert, wieder auf, um an das Tageslicht zu treten, als eines Morgens an seine Thüre geklopft wurde. Es war Wolf, derselbe junge Eiferer, den er bei Barthold gesehen. Nachdem dieser ihn bei Seite geführt, sprach er kühn: „Ich erkannte in Ihnen ein edles Herz. Mir scheint, ich weiß seine Denkungsart. Mein Herr, Sie sind ein Gegner unserer Arbeit. Ich bin aber auch davon fest überzeugt, daß, sobald daS ganze Land zu uns steht. Sie sich uns nicht entziehen wollen. Jh komme daher zu Ihnen im Namen meiner Genossen!"

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