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Der Israelit · 1903-05-20 · Heft 39 (20.5.1903) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 39 (20.5.1903)
Date
1903-05-20
Page
– (sequence 18)
Language
German
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„Und wird ein (Sewittei aus dieser Gluth? Oder nicht? Was meinst Du?" „Ich meine, es kann sich wohl noch zertheilen!" >,Und ich — nicht!" entgegnete Mann. „Die Regierung hatte Anfangs hierauf ein wachsames Auge. Jetzt ist sie des Wachens überdrüssig geworden. Sie selbst treibt zum Ausbruche, und mit Blut wird sie die Feuersbrunst löschen!" - „Das ist alles schon möglich," meinte Barthold. „Run! Wir müssen aber auch an uns denken. Sind auch die Unsrigen unter den Hitzköpfen?" „Es finden sich ihrer genug!" „Gut!" -sprach Mann nach kurzem Nachdenken. „Mag's auch so sein! In diesem Falle müssen auch wir dazu gehören! Zurückstehen kann man nicht! Dummheit! Sie werden zum Opfer. Aber sie können untergehen, wir nicht! Wir wekden die Unsrigen retten, und in denen, die fallen, werden wir die besten Patrone haben. Das Land wird in jedem Falle das Unsere! Was meinen Sie, Herr Jakob?" „Ich frage mich nur, wer sind — w i r?" sagte Jakob. ' „Das verstehe ich nicht!" brauste Mann auf. „Ich sehe — u n s nicht!" sagte der junge Mann. „Vor Jahrhunderten waren wir ein gemeinsames Ganzes — heute gibt es — uns fast nicht mehr!" sagte Jakob. „Aus unserem Lager flieht tagtäglich Jemand. Die Einen nehmen einen fremden Glauben an, die Anderen schämen sich des ihrigen und verbergen ihn. Noch Andere haben gar keinen Glauben. Von denen, die man noch Juden nennt, ist ein Theil Neophyten, ein anderer Theil Atheisten. Wir zerzausen, bekämpfen und zerschlagen uns!" „Fürchten Sie nichts," rief Mann. „Kleinmüthiger! Im Augenblicke der Gefahr werden wir uns schon finden! Sie kranken, wie ich sehe, wahrhaftig am — Juden!" „Die Krankheit ist unheilbar!" sprach Jakob. „Sie steckt im Blute!" „Nun, sehen Sie!" erwiderte Mann, um die Sache in das Lächerliche zu ziehen, denn ernsthaft konnte er nicht lange bleiben. „Ein Jude wollen Sie sein, und doch übertreten Sie das Gesetz! Ich habe Sie schon einmal gefragt: Warum heirathen Sie nicht?" Jakob zuckte die Achseln. „Haben Sie die schöne Musa gesehen?" „Sie ist keine Israelitin!" „Das ist mir . unbekannt!" erwiderte Mann. „Will ein Israelit, und ein reicher, sie heirathen, wird sie sein, was daraus folgt. Mir scheint, für sie und ihre Mutter ist dies Alles einerlei!" „Von wem ist die Rede?" fragte Barthold. \ „Ah! Du kennst ja die Musa! Du mußt sie kennen, wenn Du auch längst verheirathet bist! Das ist ein reizendes, aber gefährliches Fraulein! Ich spreche von der — Wtorkowska!" „Ah!" sagte Barthold. „Ich sah sie im Konzerte für die Armen! Mir erschien.sie — schrecklich!" ' „Wie? Schrecklich?" fragte Mann lachend. „Fürchten Sie sich vor ihr?" „Ich würde fliehen vor ihr, denn ich liebe solche Damen nicht!" „Ich stimme vollständig mit Dir überein!" fügte Jakob hinzu. ' „Das thut mir leid um sie. Mir scheint, sie bog ein Parolie um Sie!" ' „Dann hat sie verspielt!" „Na! Bürgen Sie noch nicht dafür! Die Frauen vermögen viel. Und Sie sind ein Mann — und jung!" „Gerade das sichert mich, daß ich jünger bin!" meinte Jakob lächelnd. „Ihr älteren Herren seid weit tveniger Kostverächter, als wir! und — verzeihen Sie — vielleicht auch noch zügelloser!" „O! Welch ein Philosoph! Seht einmal an!" rief Mann, sich aufblasend, nahm seinen Hui und entfernte sich, indem er pikirt etwas vor sich hinbrummte, fast ohne sich von Jakob zu verabschieden. Einige Wochen nach seiner Ankunft erstaunte Jakob, als er über die Straße ging, nicht wenig darüber, daß er dort der italienischen Signora Colomi begegnete, die er in Genua kennen gelernt. Zwar hatte sie von einer Reise nach Warschau und sogar noch weiter in das Innere Rußlands gesprochen; aber ihm schien es, als ob er bei ihr auch ihren unzertrennlichen Freund Gromow bemerke, obgleich, er. wußte, daß diesem die Rückkehr in das Vaterland verboten war, denn er galt als ein Freund und Mitarbeiter Herzens. Es fiel ihm daher sehr auf, daß er in diesem Augenblicke es wagen konnte, hierher zu kommen, indem er natürlich vermuthete, daß dies nicht ohne wichtige Gründe geschehen sein konnte. Zu diesen konnte er die Liebe zu der schönen Italienerin nicht zählen. Denn der Russe erschien ihm längst abgekühlt und gleichgültig geworden. Sein Verhältniß zu der Sängerin war auch nicht mehr so frisch, daß er sich für sie den Folgen einer Verhaftung, vielleicht dem Tode hätte aussehen können. Andere Ursachen hatten gewiß Beider Hierherkunft veranlaßt. Jakob wollte im ersten Augenblicke sich ihnen nähern. Die Italienerin aber, die ihn zweifellos erkannt hatte, beeilte ihre Schritte, zugleich mlt ihrem Begleiter, als wollte sie eine Begegnung und Unterhaltung vermeiden. Jakob hielt sich daher zurück, um sich ihnen nicht aufzudrängen. Auffallend blieb ihm aber doch die Anwesenheit dieses Russen in Warschau, und. mehr noch, daß er, nachdem er einmal hier war, sich vor Bekannten zu verbergen wünschte. Offenbar lag darin

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