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Der Israelit · 1903-05-20 · Heft 39 (20.5.1903) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 39 (20.5.1903)
Date
1903-05-20
Page
– (sequence 20)
Language
German
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„Was wünschen Sie von mir, mein Herr?* „Nur ein Wort, daß Sie von der Arbeit für das Land Ihre Glaubensgenossen, auf die Sie Einfluß ausüben können, nicht abwenden, und daß Sie, wenn entscheidende Schritte gethan werden, sich nicht zurückziehen!* „In zwei Worten werde ich Ihnen meine Entschließung mittheilen," antwortete Jakob. „Ich bin kern Mann der Revolution. Ich glaube nicht an ihre Kraft. Ich bin vielmehr fest davon überzeugt, daß zede Gewalt nur Vernichtung zur Folge haben kann, niemals eine Wiedergeburt. Wenn aber Polen, welches ich für mein und meiner ansässigen Mitbrüder als Vaterland ansehe, mein Blut verlangt, werde ich es ihm mit Freuden opfern!" . Wolf verneigte das Haupt und rief: „So können wir also auf Sie rechnen!" „Nur nicht auf eine Initiative meinerseits! Könnte ich Euch zurückhalten, würde ich Euch beschwören! Aber — Ihr seid zu verblendet!" Wolf lächelte. Die Unterhaltung ging auf die allgemeinen Angelegenheiten über. Der in diesen Befangene drängte unvorsichtig, wie die ganze damalige Agitation und Bewegung, mit dem ihr eigenen kindlichen Vertrauen vorwärts. Jakob machte einige Einwendungen. Sie waren aber vergebens. Der junge Mann hörte sie an und lachte, entweder geradezu darüber, oder er wollte nicht einmal widersprechen, da er fest überzeugt war, das, was geschehe, könne nicht anders ausgeführt werden. Jakob bemerkte nur zu bald, daß er. ihn weder zurückhalten, noch überzeugen werde. Und daher schwieg er. — - In der That herrschte in allen Arbeiten jener Tage diese heilige, heroische Verblendung der Jugend, die nicht sah. was sie nicht sehen wollte. Politischer Spione bediente man sich als Agenten. Mitten auf der Straße verschwor man sich laut. Zu dieser allgemeinen Verschwörung gehörten Kinder, Weiber und Volk. Die Begeisterung war so stark, so allgemein, daß sie die widerstrebendsten Elemente mit sich fortriß und zu unüberwindlicher Strömung erhob. Wolf gehörte zu diesen Leuten voll riesigen, blinden Glaubens, denen man die Augen nicht offnen konnte. Nach langer, aber erfolgloser Unterhaltung, trennten sich Beide endlich, ohne etwas ausgerichtet zu haben. Jakob gedachte in die Stadt zu gehen, als der Diener ihm ein höchst zierliches Villet von Fron Wtorkowska überreichte. Geschrieben war es von der Hand der Tochter, an Stelle der Mutter, die in der Orthographie wohl nicht geläufig genug war. Es lautete: „Sehr angenehm würde es uns sein, Sie, geehrter Herr, heute Abend in unserem Häuschen bei uns zu sehen. Wir erwarten einige gute Freunde und ein wenig Musik. Benigna Wtorkowska." Abzusagen war nicht möglich, obgleich Jakob nicht die geringste Sympathie für dieses Haus hegte. Vielleicht kam ihm auch der Gedanke, daß er dort Tilda Wiedersehen könne, nach der er sich sehnte. Nachdem er fast den ganzen Tag zu Straßenbeobachtungen und zu Besuchen verwandt, die es ihm mit der Karte zu erledigen gelang, kehrte er heim, kleidete sich um und fuhr, ziemlich traurig gestimmt, nach dem Häuschen in der Allee. Das Häuschen war fürwahr ein Meisterstück jener traurigen Kunst, die das wirkliche Elend in erlogene Pracht und Wohlhabenheit zu " verwandeln versteht. Hier war auch Alles Lüge, von der noch nicht bezahlten Gala-Livree der Dienerschaft an bis zu den auf Kredit und ein Lächeln bei Hoser entnommenen Blumen, sowie dem aus der Konditorei geholten Backwerk, dem Pleyel'schen Flügel, an dessen Bezahlung der Lieferant zweimal wöchentlich mahnen mußte,' und selbst bis zu der Damast-Robe der Mutter und den von dem Sammt wunderschön abstechenden Spitzen des Fräuleins — dies Alles war mit Schulden belastet. Was man nicht mit scheinbarem Luxus verhüllen konnie, verstand man geschickt zu verbergen. Die abgenutzten Möbel wurden mit verschiedenen Ueberzügen bekleidet, soweit sie noch irgend zu brauchen wären.. Die aus Stückchen zusammengeflickten Spiegel umflocht ein vergoldetes Schnitzwerk aus Weinreben. - Das Häuschen sah namentlich Abends ganz reizend, heiter und frisch aus. Mit der größten Berechnung war hier alles arrangirt und aufgestellt. In jedem wie zufällig hingeworfenen'Buche verbarg sich irgend ein geheimer Gedanke.. Nur solche Noten lageu obenauf, die vom Talente der Künstlerin die glänzendsten Vorstellungen machen konnten. Die Albums enthielten die Photographien sämmtlicher Bekannten und bezeugten die ausgedehnten Verbindungen. Alles erschien so ungezwungen und natürlich, und doch wie viel Mühe. Berechnung und Ueberlegung hatte es selbst der Mutter und Musa gekostet! Jakob, der sich nicht allzusehr für den Abend beeilt und sich sogar etwas verspätet hatte, fand schon eine glänzende Versammlung aus den Sophas. den Sesseln sitzend und an den Thüren stehend, vor. Er mutzte die Begrüßung entgegennehmen.. Die Wirthin war außerordentlich freundlich. Musa empfing ihn mit vertraulichem Lächeln und führte in ihren Kreis, in welchem auch in weißem Kleide,, mit einem Bouquet aus weißen Kamelien, Tilda saß, bleich wie erstarrt, und kaum auf das achtend, was um sie her geschah. Sie fühlte Jakob's Eintritt, erhob die Augen zu ihm und lächelte ihm kindlich zu, ohne ihre Freude zu verbergen. Dann wieder verfiel sie in ihre eisige Erstarrung. * . ' .; : _. (Fortsetzungfolgt.)

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