Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 39 (20.5.1903)
- Date
- 1903-05-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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zurückgekehrt. Die Furcht vor dem Feinde war zu j groß. Schon schickte - Gras sich an,' die Stätte der Verwüstung mit schonender Hülle zu bedecken, dem Auge den Anblick ülötzer, thierisch-menschlicher Wuth zu entziehen. Aber kein Gras wollte wachsen auf den brennenden Leiden der armen Verfolgten, kein lindernder Balsam ihre heißen Schmerzen stillen. Ohne Unterkunft irrten sie zitternd und zagend im Lande umher und trugen im Herzen die Sehnsucht nach vergangenem Glück und Frieden, den der Feind ihnen geraubt. Doch auch der Feind wagte es fürder nicht, die Stätten seiner Frevel zu betreten. Die Geister der Gemarterten, hieß es, liefen, von Wunden gräßlich entstellt. umher. Psalmen singend, weheklagend, Rache heischend am tückischen Feind. Sie irrten sich, die Elenden. Keine Geister armer Gemarterter liefen umher. O. die lagen im kühlen, kühlen Grabe, tief drunten in der Erde und freuten sich der Ruhe, die sie nimmer auf Erden genossen. Ja dort, auf . „der Stätte des Lebens", da war cs ruhig. Grab reihte sich an Grab, Stein an Stein. Schon war mancher in die Erde gesunken. Die meisten aber standen noch, einfache, schmucklose Steine, von denen gar viele erzählten, daß unter ihnen der „heilige" Rabbi . . . ., die „heilige" Frau . .... lagen: Die den Tod für die Wahrheit erlitten, gälten heilig für olle Zeiten. Still war's. Kein Baum, der gerauscht, keine Blume, die ihren Duft entsandt hätte. Kein Zeichen des Lebens im Bereiche des Todes. Da erklang plötzlich das schürfende Geräusch einer Hacke. Ein Mann war da, der einzig Lebende unter den vielen Todten. Er grub ein Grab. Immer größer wurde es unter seinem kräftigen Arm. Endlich legte er die Hacke fort. Das Grab war fertig. Für wen war es bestimmt? Vielleicht für ihn selbst, der todtenbleichen Gesichtes? Doch er ging fort und kehrte bald, langsam und schwer schreitend, wieder, keuchend unter der Last einer Kiste. In der Kiste aber lag, in den Gebetmantel gehüllt, der Jude Baruch aus Jork. Kollernd sank die Kiste in's Grab. Bald war sie von Erde bedeckt. ' . " Und wieder würde es still auf der Stätte. Der andere hatte sich zur Erde niedergelassen. Furchtbar starr schaute er in die Leere. Sollte er Weggehen, sollte er hier bleiben? Er wußte es selber nicht. Was konnte er denn noch thun? Er hatte das ganze Ghetto durchstöbert, von einem Ende zum anderen. Er hatte im Schutte gegraben und unter den Entflohenen geforscht. Aber die er suchte, hatte er nirgends gefunden. Von Gattin und Kind keine Spur. Er fühlte keinen Schmerz im Herzen. Keine Verzweiflung durchtobte ihn. Kein Gedanke quälte sein Hirn. Er betete wie ehedem, aß und trank wie ehedem, aber so leer, so leer war's in seiner Brust. So matt fühlte er die Glieder. Es war, als wenn sein Blut plötzlich aufgehört hätte, zu fließen, als wenn er tobt wäre, sich aber noch bewegen könnte, wie auch der Mensch sich noch regt, dem der abgeschlagene Kopf genau auf den Nacken gesetzt wird. Er stützte den Kopf mit der Hand und starrte still in die Leere. Da erscholl es hinter ihm wie von herannahenden Schritten. Er wandte sich um. Ein rauher Knecht stand vor ihm, ein blühendes Kindlein im Arme. Einen Augenblick schaute er wie abwesend auf die Erscheinung. Dann aber schnellte er mit jähem Schrei empor, riß dem Knechte das Kind aus dem Arm und bedeckte es mit Küssen. Das Kind lallte und legte die Arme um seinen Hals. Endlich weinte er. Und wieder und wieder herzte er es. (Fortsetzung folgt.) Der „Israelit" erscheint wöchentlich zweimal. Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis pro Vierteljahr bei der Post 3 Mark ohne Bestellgeld. Ausland entsprechend höher. Man .abonntrt ganzjährlich, halbjährlich oder vierteljährlich. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — 'Dev Buchhandel vevkrhvl durch V. K Sleiuackev, Lriprrg, Rvtzplatzjö. — Inserate 25 Pfennig die viergespaltene Nonpareillezeile oder deren Raum. Preis der Zeile im Reclametheil 75 Pfennig. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 16 Kronen österr.. für's Ausland 18 Mark, an die Expedition franco emsende». Postzeitungsliste 3932. Telephon 1015. Slellesutbende und sonstige Interessenten können auf Wunsch die jeden Dienstag und Freitag erscheinende „Kleine AuSgabe deS Israelit" vier Wochen lang gratis und franco erhalten. Wünscht man den Empfang der „Kleinen Ausgabe" längere Zeit, so kann man sich für 25 Pfennige das Vierteljahr, indeß ausschließlich Lei der Post aus dieselbe unter Nr. 3S33 abonnire». Auf Wunsch stunden wir die Zahlung deS JnserttonsbetragS an außer Stelle Befindliche bis «ach Erlangung einer solchen. Inhalt lHauptblaltl: Professor Dr. A. Berliner. Die festlichen Veranstaltungen zur Feier von besten 70-iährigem Geburtstage. — Aeltunasnakbrichten und Carrefpondenzen: Deutschland: Frankfurtn.M. München. Rußland: Petersburg.—Vermischtes.— Feuilleton: Jerusalem. fFortjetzung.) Anhalt ver ersten Bella-«: Vcasestor Dr.A. Berliner. Dre festlichen Veranstaltungen zur Feier von dessen 70-jährigem Geburtstage. ISchluß.) — Zeitunasnachrichteu u. Corcesponden-ien: Deutschland: Frankfurt a.M. Marburg.Rußland: Wilna. Koioiio. Amerika: Newvork. Legte Nachrichten.- Berlin. Brüssel. Petersburg. Washington. - NelletriMkch» Betrage: Der Jude. (Fortsetzung.)• - - Ertra-Bettagen: Svenden-Verzeichnisse. — Register der rituellen Spessehauser u. Hotel-RestaurantS des „V-'reius zur Förderung ritueller Speisehäuser" (Sitz Hamburg) . . _; . . , . - Verantwortliche Redactlon: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des »Israelit". Schottstraße Nr. 2, Main-.. M:;-.1 '' ' Lrttik und Verlag der Job. Wirtb'schen Hasbuchdruckerei Actien-Gesellschaft in Mainr» , Hierzu vier Beilagen.;