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Der Israelit · 1903-05-18 · Heft 38 (18.5.1903) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 38 (18.5.1903)
Date
1903-05-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
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wegen ihrer Uebrrleitung in einen normalen Zustand Unruhe zu bereiten. Herr Tale Jonescu gab das alles zu! „Ich sage Ihnen offen: Wir wissen nicht, was geschehen soll. Eine grundsätzliche Lösung der Frage weiß ich nicht. Hat Ihnen einer der Politiker von den anderen Parteien eine genannt?" Ueber diesen Punkt konnte ich Herrn Jonescu beruhigen: die anderen wissen auch nicht viel mehr. Der Spezialkorrespondent der „Frkf. Zt." hatte außerdem Interviews mit dem früheren Ministerpräsident P. Carp, dem Führer der Jungkonservativen, und mit dem jetzigen Ministerpräsidenten Demeter Sturdza. Beide äußerten sich über die Judenfrage. Ministerpräsident Sturdza erhofft für dieselbe eine künftige Lösung durch die allmähliche, ruhige Annäherung der beiden Nationalitäten. Freilich, wie er sich das denkt, wenn Niemand diese Annäherung befördert, das ist mir nicht klar geworden. Besonders fatal ist Sturdza die Einmischung des Auslandes in die rumänische Judendebatte. Er sagt, die Rumänen seien nach der langen Türkenherrschaft doppelt eifersüchtig auf ihre Unabhängigkeit und würden leichter als andere Völker nervös bei dem Gedanken, andere könnten sich in ihre Sachen einmischen. Es ffi ein schwerer Fehler der rumänischen Juden, daß sie das nicht einsehen wollten und fortführen, durch Agitation in der ausländischen Presse die Rumänen zu reizen; es sei das gerade so, als wenn Jemand in ein Haus komme, um die Hand der Tochter zu erbitten und gleichzeitig in der Nachbarschaft auf seine zukünftige Familie schimpfte. Ueber die Juden sagte ihm Carp Folgendes: „Ich sehe das wesentlichste Mittel, um die Lage der Juden besser zu gestalten, namentlich in der Provinz, in der Einführung einer.besseren Administration, als wir sie jetzt haben. Unsere Verwaltung steht leider noch nicht auf der Höhe, daß jeder einzelne Beamte seinen Pflichten nachkäme. Ungetreuen Beamten bieten sich nun natürlich die Juden als ein bequemes Vexationsobjekt dar. Da ist z. V. das' Gesetz, daß Inden auf den Dörfern nicht wohnen dürfen, falls die Gemeinde nicht damit einverstanden ist. Nun kommt so ein armer Teufel von Jude zum Ortsvorsteher, der ihm denn auch gegen Vakschisch die Wohnungserlaubniß gibt. Der Jude zieht in das Dorf und treibt dort sein Geschäft. Eines Tages stirbt der Ortsvorfteher. Der Nachfolger hat nichts Eiligeres zu thun, als die Wohnerlaubniß zurückzuziehen. Natürlich kann sich der Jude nicht so wegjagen lassen und er muß, um bleiben zu dürfen, wieder auf Bedingungen eingehen. Zweitens erschwert es die Situation der Juden in Rumänien, daß ihre Gemeinden als. solche dem Gesetze gar nicht bekannt sind. Allerdings geht es auch allen anderen Fremden so; nur rumänische Korporationen werden als juristische Personen anerkannt. Die Juden sind deßwegen namentlich mit allen ihren Humanitären Einrichtungen, Schüken und Krankenhäusern in sehr, prekärer Lage. Es sind das alles ganz private Unternehmungen; gehen die freiwilligen Beiträge nicht mehr ein, so schwebt die Stiftung in der Luft, denn Niemand besitzt ein Recht, etwas zu fordern. Ich bin dafür, den jüdischen Gemeinden gegen ihre, Angehörigen ein Vollstreckungsrecht zu gewähren. Natürlich dürfte es sich nur auf die pekuniären Leistungen beziehen, nicht etwa auch auf rituelle Vorschriften; das jüdische Schächtverbot kann ich als Minister nicht von Staatswegen schützen. Man ist nämlich auch , mit derartigen Forderungen schon an uns herangetreten.. Ich bereitete, während meiner Ministerpräsident schuft ein Gesetz vor, das den jüdischen Gemeinden die Rechtspersönlichkeit geben und ihnen damit ihre kulturelle Arbeit erleichternsollte. Der Entwurf war noch nicht fertig, als ich die Regierung abgab. Ob die Kammer das Gesetz angenommen hätte, ist allerdings zweifelhaft." Ich fragte Herrn Carp, was man sich in den re< gierenden Kreisen Rumäniens wohl eigentlich für Vorstellungen über die schließ'kiche Gestaltung der Rechts-' löge der einheimischen Judenbevölkerung mache. „Ob sich die gegenwärtige Regierung darüber überhaupt Gedanken macht, weiß ich nicht.' Meine Pläne zur Besserung der Lage der Juden habe ich Ihnen gesagt. Im klebrigen bin ich für eine Wesentliche Erleichterung der Naturalisationen. An eine allgemeine Ertheilung des Bürgerrechts an alle Juden ist aller-' dings nicht zu denken." „Sind Sie denn auch der Ansicht, Excellenz, daß die Meinung des Berliner Vertrages wirklich erfüllt sei, indem die Juden wie die fremden Christen behandelt werden?" „Gott bewähre. Wenn man das bei uns sagt, so ist - das eine Fiktion, mit der wir uns aus der Affaire ziehen. Schließlich kann man doch nicht verlangen, daß wir den Großmächten durch diplomatische Noten anzeigen, wir beabsichtigen, die Vertragsbestimmungen nicht zu erfüllen. Wir erfüllen sie nicht, weil wir sie nicht erfüllen können. Man hat von uns da ein Versprechen verlangt, das wir nicht zu hakten in der Lage sind; wir mußten es geben, um unsere Unabhängigkeit zu sichern. Wenn aber auch die Naturalisation in Massen nicht ausführbar ist, so wäre doch eine vermehrte Aufnahme von Juden am Platze. Ganz falsch ist vor allem das jetzige Naturakisakionsverfahren, wonach in jedem einzelnen Falle ein Gesetz ergehen muß. Kammer- Senat und König, der ganze legislatorische Apparat muß dazu in Bewegung gesetzt werden. Viel vernünftiger wäre es, die Verleihung des Bürgerrechts durch administrative Bestimmung erfolgen zu lassen. Sodann müßte den Juden die Naturalisation ohne weiteres zu-, fallen, wenn sie bestimmte Bedingungen erfüllt haün. Ich denke da an die Einführung einer Einrichtung, wie sie in Preußen bis in die dreißiger Jahre in der Pro-

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