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Der Israelit · 1903-05-18 · Heft 38 (18.5.1903) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 38 (18.5.1903)
Date
1903-05-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Vergleichung der jüdischen Geburten und SLerbefälle mit den rumänischen, sodann aus der Erwägung, daß die Juden in Rumänien ausschließlich Stadtbewohner sind. Nun beträgt aber unsere gesammte städtische Bevölkerung höchstens eine Mllion, und man wird deßhalb — da doch die Städte bei uns immerhin nicht eine jüdische Majorität aufweisen — schwerlich mehr als 300,000 Juden für das Land rechnen dürfen. Diese Zahl ist aber bereits zu groß, wie ich schon sagte, da die Juden ausschließlich vom Handel und vom Handwerk leben und diese Berufe ihnen nicht genügenden Platz bieten. Ich sehe deßhalb eine Erleichterung für alle Theile darin, wenn ein Theil von ihnen äuswandert. Erzwingen wollen wir die Auswanderung nicht, aber daß ein gewisser Prozentsatz dies Land freiwillig verläßt, dasür bin ich allerdings. Was soll denn sonst eigentlich helfen? Sie an den Ackerbau gewöhnen? Die Erziehung dazu würde Generationen erfordern und der Erfolg schließlich doch zweifelhaft sein. Das Begehren der Juden, sie in Masse zu naturalisiren, können wir unmöglich erfüllen, und zwar aus einfachen politischen Erwägungen. Bedenken Sie, welche Stellung die Juden einnehmen, namentlich in der Moldau. Der ganze Handel, das Handwerk, die Industrie sind in ihren Händen. Würden sie auch noch die politischen Rechte der Rumänen erhalten, so würden nach dem bei uns herrschenden ZensusWahlsystem die Juden die alleinigen parlamentarischen und kommunalen Vertreter in der ganzen Moldau werden — man müßte denn etwa unsere Verfassung ändern wollen, wozu kein rumänischer Politiker die Hand bieten wird. Ich bin, wie ich oben schon sagte, selbst dafür, daß man die Zahl der Naturalisationen etwas erhöht, aber die Aufnahme aller Juden in das Bürgerrecht kann man von uns nicht verlangen. Wir sind dazu auch durchaus nicht verpflichtet, da der Berliner Vertrag uns nur die Bedingung auferlegt, die Juden mit den Christen gleichzustellen. Das geschieht: Alle Fremden, Juden und Christen, erfahren die gleiche Behandlung. Nur einen ernsthaften Vorwurf kann man. uns machen: daß die Juden, obgleich Fremde, zura Militärdienst herangezogen werden. Wir wären geneigt und auch im Stande, diese Bestimmung abzuschaffen: man wird wohl nicht der Meinung sein, daß wir die etwa 2000 jüdischen Soldaten, in unserer Armee nicht entbehren könnten. Es sprechen jedoch ernsthafte Gründe dafür, es damit so zu lassen, wie es jetzt ist. Vor allen Dingen würde, sobald der Militärdienst abgeschafft ist. eine neue massenhafte Einwanderung russischer Juden stattfinden. Die absolute Sperrung der Grenze ist unmöglich, und immerhin sind die Verhältnisse für die Juden in Rumänien viel besser, als in Rußland. Uebrigens liegt es im eigensten Interesse der Juden, daß der Militärdienst ihnen nicht erlassen wird, denn diese Verpflichtung ist ein Band zwischen ihnen und dem Lande, und die Juden, die gedient haben, besitzen damit einen triftigen Anspruch auf die Naturatisirung. Im Ganzen wollen Sie nicht außer Augen lassen, daß die Situation der Juden in Rumänien keineswegs eine schlechte ist, und jedenfalls viel besser, als man sich das im Auslande vorstellt. - Wir sind im allgemeinen keine Antisemiten — ich bin gewiß keiner — in unserer Gesellschaft verkehren die Juden auf gleichem Fuße, und wenn es unter den armen Juden Noth gibt, so ist sie nicht eine Folge von Bedrückungen, sondern von der traurigen ökonomischen Lage, in die unser Land namentlich durch die Mißernte von 1860 gerathen ist. Geht es den Juden schlecht, so geht es den armen Rumänen doch noch viel schlechter. Auch sind die Juden im Ganzen mit ihrer Situation in Rumänien ganz zufrieden. Die Unzufriedenen, welche die Agitation im Auslande gegen uns wach erhalten, rekrutiren sich nur aus zwei an Zahl ziemlich kleinen Schichten. Das sind erstens die Reichen, die ländlichen Grundbesitz erwerben wollen, was ihnen als Fremden bisher nicht möglich ist, und dann ist es ein gewisser Theil der jüdischen Intelligenz in den Städten, namentlich in Bukarest. Diese Leute besitzen vielfach große Bildung, können aber jetzt keine Rolle spielen; sie möchten Advokaten, Deputierte, Beamte werden, was alles ihnen vorläuftg unmöglich ist. - Von denkenden Vertretern des rumänischen Judenthums wird ihr Emanzipationskampf als Nichts anderes betrachtet, denn als eine Phase in dem Ringen des rumänischen Volkes mit seinen Ausbeutern» der herrschenden Klasse. Sie betrachten sich dabei.als die Vorhut der erst allmählich in den Kampf mitgehenden Masse der Nation, nämlich der Bauern, denen es, wie sie zugeben, ncch schlechter geht als ihnen, und von deren wirthsch'afilicher Befreiung sie auch ihre endliche bürgerliche Gleichberechtigung erwarten. Ich fragte bei einer zweiten Begegnung Herrn Take Jonescu, wie er über den Zusammenhang der Juden mit der Bauernfrage denke, und es überraschte mich nicht gerade, daß er ihn bestritt. Herr Jonescu erklärt sich als Gegner einer Gesetzgebung, welche den an Landmangel schwer laborirenden.Bauern größeren Grundbesitz aus den Staatsländereien verschaffen will, einmal, weil der Landhunger der Bauern nur momentan zu stillen sei, und sie in Folge von Erbiheilung doch bald wieder daständ'en, wo sie heute seien, sodann, weil eine solche Richtung der Gesetzgebung schließlich die Vernichtung der regierenden Schicht zur Folge haben müsse, wofür er als Konservativer nicht eingenommen sein könne. Auf die Judenfrage zurückkommend. sagte ich Herrn Jonescu, das Erstaunlichste für mich sei, mit welchem Gleichmuth man in Rumänien diese DiNge ansehe, wie eigentlich Niemand über eine prinzipielle Lösung sich Gedanken mache, und wie unbefangen man diese achtlose Bevölkerung von einer Viertelmillion, die ja schließlich auch einmal eine politische Gefahr werden könne, immer fortschleppe, ohne sich

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