Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 38 (18.5.1903)
- Date
- 1903-05-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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44» Jahrgang. ge j» M Ein rümanischer Konservativer. Unter dieser Ueberschr'ift wird der „Frankfurter Zeitung" von ihrem Spezial-Korrespondenten geschrieben: Von den Führern der rumänischen Konservativen älterer Richtung ist Herr Take Jonescu der bedeutendste. Was die Namen „konservativ" und „liberal" im Rumänischen eigentlich besagen wollen, ist einigermaßen nebensächlich; es läßt sich erst bei längerer Untersuchung ergründen, und ich bin nicht lange genug im Lande geblieben, um es mit Autorität sagen zu können. In allen Balkanlän'dern überhaupt sind die Führer der Parteien wichtiger als die Grundsätze. Der Mutterboden des politischen Treibens ist die Klique, und das Programm 'ist nachträglich dazu erfunden. Aus diesem Grunde kann man auch in Rumänien ohne wesentliche Blutverluste an Ueberzeugung die Partei wechseln. Herr Take Jonescu war früher liberal, und der alte Senator Stutdza, der jetzige Chef der Regierung und das Haupt der liberalen Partei, ist ursprünglich einmal Konservativer gewesen. Daß beide Parteien im Grunde gleich grundsatzlos und ohne ernsthaftes Nachdenken ihre Politik machen, erkennt man am besten in Gesprächen über die Judenfrage, die dann doch, m'an stehe dazu wie immer, eine sehr schwere ist und geeignet, große Sorgen zu verursachen. Dergleichen Felsblöcke aber trachtet man nicht' aus dem Wege zu räumen, sondern man voltigirt darüber weg, indem Man die ganze Politik von einem Jockeystandpunkte ansieht, als Hindernißrennen. Ein glänzender Vertreter des rumänischen Staatsmannstypus ist Herr Jonescu. .Jonescu ist einer der größten Advokaten des Landes und seine Praxis, welche durch öftere ministerielle JUtervalle unterbrochen wird, wirft ihm jährlich Hunderttausende ab. Diese echt romanische Verbindung von Rechtsanwalt und Politik stammt bei den Römern an der Dimbowitzä vermuthlich geradenwegs von Marcus Tullius Cicero, falls sie nicht etwa aus Paris importirt worden sein sollte. Im Vorzimmer des Herrn Take Jonescu drängen sich ganz wie im Atrium alt-, römischer Patrone, die Klienten aus der Anwaltspraxis . mit den politischen Parteigängern und den Leuten, die Stellungen und Protektion haben wollen; zwischen zwei juristischen Konsultationen wird ein Zeitungsartikel inspirirt, ein Gesetz berathen, oder ein Petent abgefertigt. Herr,Jonescu hat in Paris stüdirt. und ist in . Sprache und Erscheinung ganz Franzose. Pas Gallierthum kleidet, ihn auch besser als so manchen andern Vukarestcx Pariser, .zu . dessen walachischen Zügen der Cylmder üdniLrestets.und .die.. Halsbinde.deniier ni nicht ganz passen wollen. ... M'an kann in Rumänien nicht mit einem Politiker sprechen, ohne die Judenfrage zu berühren; sie kann' auch von dem Fremden höchstens rgnorirt, aber nicht vergessen werden. Die Anstrengung, mit der' die Rumänen diese jüdische Bevölkerung von! einer Viertelmillion oder mehr im Zustande der Rechtlosigkeit erhckltcn, ist zu gewaltsam, als daß man nicht auf Schritt und Tritt die Spuren davon bemerkte. . Die Fiktion, daß der herrschende Zustand völlig legitim sei und keiner Verbesserung bedürfe, ist allzu durchsichtig, und beständig müssen neue Maßregeln erdacht werden. Um den Schein der Gesetzlichkeit zu erholten. Vor einigen Tagen hat das Appellationsgericht in Bukarest gegen, einen Juden verhandelt, der ausgewiesen und Nach verschiedenen Grenzen abgeschoben worden war, von den Nachbarorten am Eintritt in ihr Gebiet gehindert wurde und deßhalb von den rumänischen Gerichten wegen nnbcfugter Rückkehr mehrmals Gefängnißstrafen erhielt. (Wir haben über den Fall ausführlich berichtet. Red. d. „Jsr.") Das Appellationsgericht sprach den Mann endlich von der Anklage „der unerlaubten Rückkehr im Rückfälle" frei, ein Urtheil, das die Juden mit großer Genugthüung begrüßen. „Wir rumänischen Politiker," sagt Herr Take Jonescu, „sprechen höchst ungern über die Judenfrage, denn was wir auch sagen, so werden die Gegner uns immer einen Strick daraus zu drehen suchen. Ich bin selbst der Ansicht, daß Einiges zur Erleichterung der Lage der rumänischen Juden geschehen könnte; vor allem bin ich dafür, die Zahl der Naturalisationen zu erhöhen und ferner sollte man die Schulgelder-für die jüdischen Schüler wieder absch'affen; wie Sie wissen werden, hat man das im klebrigen bei uns herrschende. Prinzip absoluter Unentgeltlichkeit des Unterrichts durchbrochen, indem die Fremden, und darunter natürlich auch die Juden, ein mäßiges Schulgeld entrichten nlüssen. Als ich diese Ansichten vor einiger Zeit aussprach, wurde ich von der Partei des Herrn Sturdza auf's heftigste angegriffen, und das Organ der Jungkonservativen,' die „Epoca", titulirte mich „Feind des Vaterlandes". Was nun die eigentliche Ursache der Judenfräge betrifft, so bin ich allerdings der Meinung, daß sie in der zu großen Zahl von Juden in unserem Lande liegt; wenigstens sind es zu viel für den wirthschäftlichen Zustand. in welchem Rumänien sich heute befindet. Bei dem Fehlen einer ganz zuverlässigen.Statistik ist män da auf Schätzirngen ihrer Zahl angewiesen, ustd es'gibt allerdings stärk übertriebene Schätzungen, aber auf annähernd 300,000 Köpfe, vielleicht auch etwas weniger, wird man die jüdische Bevölkerung veranschlagen müssen. Ich komme zu dieser Ziffer einmal aus der