Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-05-14 · Heft 37 (14.5.1903) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 37 (14.5.1903)
Date
1903-05-14
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449925--58235-2522599
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

„Italien wird ein immer mehr geordnetes Reich. Man erschießt nach und nach die Garibaldianer!" „Was faselst Du da?" „Ihr werdet Euch selbst noch überzeugen!" «Ich glaube nicht, daß es, so lange es Venedig noch nicht hat, schon konservativ werden kann," sagte Sender. „Später, will ich nichts sagen, kann dies sehr möglich sein!" „Auch ohne Venedig uberwiegt die konservative Richtung einstweilen Neapel, die Romagna, Umbraca und Toskana befriedeten den Hunger." „Glaubt Ihr, man wird sich dort nicht rühren?" fragte lachend der Eifrige. „Ich bin dessen gewiß," rief er höhnisch die Achseln zuckend. „Und Garibaldi?" fragte er weiter. „Wird allmählig auch ein ordentlicher Wirth. arron'dirt sich auf Caprora, kaust dort Grund und Boden, sät immer mehr seinen Weizen aus. Der biedere Alte greift augenscheinlich nach dem Emeritensolde, der ihm gebührt!" Alle schwiegen. „Ich sehe. Du kommst als ein Konservativer zurück," unterbrach ihn Barthold, „während wir hier eben anfangen, revolutionäre Teufel zu werden!" „Zur Kur müßte man Euch auf die Wanderschaft durch Europa schicken! Aber" — fügte er hinzu, als er Kruder zum Hute greifen scch, „ich komme hauptsächlich Ihretwegen, verehrter Herr! Ich suchte Sie schon überall!" „Mich?" fragte Kruder, ihn erstaunt anblickend. „Ja! Wir haben ein Paar Worte miteinander zu sprechen!" „Wenn es nichts Persönliches ist, sprechen Sie offen und laut; wir sind hier unter uns!" erwiderte Kruder. „Wohlan denn. Kennen Sie Jwas?" „Jwas!? Sehr genau! Er ist mein ehemaliger Universitätsfreund aus Kiew. Ich kannte ihn sehr gut. Aber er ging über die Grenze. Was ist aus ihm geworden? Wo trafen Sie ihn?" „Zufällig in Italien, unterwegs. Der arme, brave Kerl wußte sich keinen Rath mehr, irrte herum, suchte nach Brod, fand aber SchliMmercZ, als Hunger. Denn diese kalte Gleichgültigkeit, von der jetzt ganz Europa angesteckt ist. stürzte ihn in Verzweiflung, brachte ihn fast um den Verstand. Ich lernte ihn näher kennen unterwegs. Wir waren lange zusammen. Aufbrausend und verzweifelt, sehnte sich Jwas gewaltig nach dem Vaterlünde und verlangte, durchaus dahin zurückzukehren. Umsonst bemühte ich mich, ihn durch die Gefahr abzuschrecken. Es war unmöglich, ihm diesen Gedanken aus dem Kopfe zu schlagen!" „Und was Lhat er?" „Er that, was er wollte, bestand darauf und kehrte zurück!" . * „Wohin denn? Wo ist er?" fragte Kruder erschreckt. „Vor mir erreichte er die Grenze wdhl mit einem falschen Paß. Aber ihm auf der Spur schon folgte die Anzeige davon, und von seinem Passe. Zum Glücke wurde er nicht gefaßt. Einstweilen gelang es mir, ihn auf dem Lande, soweit ich es beurtheilen kann, sicher unterzubringen. Jwas aber verlangt mit dringlichem Ungestüm, wie früher nach dem Vatrrkande, jetzt auch nach Warschau. Was mÄNt Ihr, wäre dies fiir ihn nicht zu gefährlich?" ' »Ich bezweifle," sprach Kruder langsam, nach langem Überlegen, „daß man ihn hier nach mehrjähriger Abwesenheit wieder erkennen würde. Er war überhaupt hier nicht mit Vielen naher bekannt. In Warschau würde man ihn jetzt, trotz der Wachsamkeit der Polizei, ziemlich leicht verbergen können. Er müßte ater irgendwo von einem Gemeindevorsteher (Wojt) sich einen Paß verschaffen und sich ein wenig im Gesicht verändern." „Er könnte uns hier jetzt sehr nützlich sein!" schaltete der junge Mann ein. „Mdg er nur kommen, wir nehmen ihn aus und verbergen ihn. Ich hörte schon von ihm. Mlot (Hammro) sprach mir davon. Er ist aus dem „verbotenen" Lande. Und dorthin kann man ihn gewiß entsenden. Er ist Uns schr zur Hand. Laßt ihn nur kommen!" „Mit welchen Eigenschaften aber wird er kommen?" fragte Kruder. „Denn wir hier, wie Sie aus Barthold's Worten entnehmen, und wovon Sie sich selbst überzeugen konnten, wir athmen Feuer!" „Nun, an Feuer fehlt es ihm auch nicht," entgegnete Jakob! „Aber das ist, nach meiner Ansicht, ein schlimmes Feuer, das ist die Flamme der Verzweiflung, diese Strömung, die zur unüberlegten That drängt." „Ja!" rief der bleiche junge Mann. „Ja! Ihr Herren wollt Euch immer Alle auf Berechnung und Ueberlegung stützen. — Wir auf den — Wahnsinn. Heroismus ist nichts anderes als Raserei, und diese nur kann zum Siege führen!" „Ich bin durchaus kein so unbedingter Vertheidiger des kühlen Verstandes," antwortete Jakob langsam. „Wenigstens nicht so, wie Sie es aus meinen Worten schließen könnten. Der Verstand irrt ebenso gut, wie die Raserei täuscht. Aber weder von dem Verstände allein, noch von der äußersten Raserei darf man sich leiten lassen in Angelegenheiten, die die Geschicke des Vaterlandes betreffen. Es fehlt sowohl derjenige, der allein nach dem Verstände geht, als auch, der sich auf die Raserei allein verläßt!" „Also etwas vermittelnd, ein Mixtum von Raserei und Verstand," rief spöttisch lachend der junge Mann. . „Getroffen! Mein Herr!" antwortete Jakob. „Diese Mischung ist eben die Begeisterung, der Bolksinstinkt."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.