Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 37 (14.5.1903)
- Date
- 1903-05-14
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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stand tz es, Jeden zit beruhigen und zu gewinnen, obgleich bei näherer UeberlegUng Niemand mit Gewißheit sagen konnte, ob er ihn für sich gewonnen habe oder ihn gegen sich haben werde. Und dennoch war dieser Mensch in jeder Hinsicht bedeutend. Leicht fand er sich in alle Leute und ihre verschiedenen Ansichten. So talentvoll War er, so lebendig und unermüdlich thätig. Me es schien, war es sein geheimer Gedanke, sich in der Mitte zu halten, um den Moment abzuwarten, in dem seine Arbeit nicht vergeblich sei, sein Talent nicht umsonst abgenutzt würde. In der Seele ehrgeizig, aber ehrlich, schonte er sich für feine Zeit, erforschte er die Menschen, um seine ganze Kraft sich für ein großes, bestimmtes Ereigniß aufzusparen. Inzwischen hielt er sich im Engpaß politischer Arbeiten mit geladenem Gewehr verborgen und wartete. Nicht sehr sichtbar für die in die Arbeit nicht Eingeweihten besaß er bei den Männern der Bewegung und bei denen, die diese zu hemmen wünschten, d'as gleiche Vertrauen, erweckte er dieselben Hoffnungen. Beide Parteien zogen ihn in gleichem Maße an. in beiden Lagern hatte er viele Freunde. Bisher aber hatte er sich noch nicht sichtbar einer Seite zUgewandt. Me sog. Rothen nahmen ihm sein Schwanken übel. Aber dennoch reichten sie ihm hastig die Hand. Auf die verständigere JugeNd hatte er großen Einfluß. Ausgebreitete Verbindungen gaben ihm die Möglichkeit, genau von Allem zu wissen, was ringsumher geschah, oft auch selbst zu handeln, bald nach der einen, bald nach der anderen Richtung, aber immer mit außerordentlicher Vorsicht, um sich mit keinem Schritte zu binden. Zur Zeit, als Jakob ihn aufsuchte, nahm Kruder eine noch unbedeutendere Stellung, als später ein. Er schaarte die Jugend um sich und war bestrebt, seinen Einfluß uns sie zu verstärken. Er hemmte etwas ihren Eifer, sprach sich aber niemals klar und bestimmt darüber aus, was er in Zukunft für nothwendig und heilsam erachte. Kruder wohnte in einem verborgenen Winkel, gewiß. um nicht die Augen und einen Verdacht auf sich zu ziehen. Kaum bis 10 Uhr Morgens pflegte er zu Hause zu sein. Zur übrigen Tageszeit traf ihn schon Niemünd mehr an. Er ging in sein Bureau. Dann blieb er bis spät in der Stadt. Mußte man ihn sprechen, so bestimmte er eine Zusammenkunft in einer Konditorei, einem Kaffeehause, oder meist in einer fremden Behausung. Auch Jakob mußte ihn bei einem seiner Glaubensgenossen aufsuchen, und zwar bei dem jungen Barth o l d. vertraulich genannt: „der Kleine!" Barthold war Eigentümer eines Eisenhandels und einer Fabrik und hatte ein offenes Haus. Niem'and wunderte sich daher, daß er viele Personen zu verschiedenen Tageszeiten bei sich ausnehmen mußte. , Feingebildet und doch unverdorben, zählte Barthold zu Jakobs alten und liebsten Freunden. Beide unterschieden sich an Tüchtigkeit, Eharakirr und Ueberzeugung hauptsächlich nur dadurch, daß Barkhold kühler war. Er hatte einen edlen Charakter. Etwas älter, als Jakob, war er auch erfahrener, als dieser. Wie er. hatte er nicht aufgehört, sich öffentlich als Jude zu bekennen, und sich seiner Abstammung zu rühmen, indem er sagte: „Wenn es der europäischen Aristokratie freisteht, sich von den Kreuzzügen herzuleiten und sich ihrer Jahrhunderte alten Geschlechter zu rühmen, gestattet auch mir, mich auf meine mehr als tausendjährigen Vorfahren zu berufen. Denn ich gehöre zum Stamme Levi, das ist mein Wappen und mittelalterliches Pergament. Meine Vorfahren standen an der Vundeslade im Tempel Salo'monis. »Excuser du peu‘ — auch ich bin also ein Aristokrat!" Darin hatte er auch vollkommen Recht. Varthold mußte es sein, namentlich jetzt, da die geistige Bewegung und der Zustand des Landes Jeden zur Thätigkeit antrieb. Er mußte eine Menge Personen bei sich empfangen und hatte hierzu eine Paar Zimmer im Erdgeschosse seines Hauses bestimmt, dessen Belletage seine Frau mit den Kindern bewohnte. Ost auch stellte er diesen unteren Raum seinen Bekannten zur Verfügung, wenn diese zu ihren Berathungen eines sicheren Verstecks bedurften. Auch er selbst nahm an ihnen den wärmsten Antheil. Denn in der Seele fühlte er sich ebenso als Pole und Bürger des Landes, wie als Israelit. Er und seine junge Frau trugen den Patriotismus nicht blos zur Schau, sondern tief im Herzen. Sie rühmten sich seiner ebensowenig als sie ihn verläugneten. Barthvkd war ein Mann von etwa 30 Jahren, gesund, frisch und breitschultrig. Aus den Augen blitzte ihm der Helle Verstand. Auf der StirNe war der wahre Frieden eines Menschen ausgeprägt, der den Weg des Gesetzes geht uNd fühlt, daß er feine Pflicht thui. Heiter, unabhängig, erschien Varthold zuweilen übertrieben spaßhaft. Aber dieser scheinbare Spott verbarg in ihm nur die gefühlvolle und empfängliche Seele, die sich nur nicht von ihrer schwachen Seite zeigen wollte. Beim Anblicke Jakob's, von dessen Rückkehr er noch nichts wußte, eilte Barthold mit einem Freudenschrei ihm entgegen, umarmte ihn und rief: „Niemals konntest Du uns zu gelegenerer Zeit kommen. Sei herzlich gegrüßt! Wie geht es Dir? Blicke mich an mit ganzen Augen, damit ich Dir absehe, vv Du kräftig genug für unsere Arbeit kommst!" Außer Kruder war bei Barthold noch ein junger Mann, der zu den Eifrigsten zählte. Sie Alle waren mit Jakob schon früher bekannt gewesen und begrüßten ihn freudig. „Woher kommst Dü?" fragte der Wirth. „Bon Jerusalem! Ueber Italien!" " „Ich frage nicht, was hört Man in Jerusalem, aber was in Italien?"