Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-05-14 · Heft 37 (14.5.1903) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 37 (14.5.1903)
Date
1903-05-14
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449925--58236-2522600
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

336 „Vortrefflich! Aber der Volksinstinkt will die Revolution und findet nur in ihr Erlösung!" „Sie irren, Verehrtester," unterbrach ihn Jakob. „So viel ich über das Vaterland und das, was ich sehe und höre, zu urtheilen vermag, ist Alles nur revolutionäre Agitation, aber in der Tiefe der Seele ist das Vorgefühl der Vergeblichkeit dieses Schrittes und der Niederlage, welche er zur Folge haben wird!" „Ah, so meinen Sie, mein Herr!" rief lachend der junge Mann. „Nikn denn, leben Sie wohl!" Er sprach diese Worte aufbrausend, drohend. Jakob ergriff seine Hand. „Will (Wolf)!" rief Kruder. „Halt! Geh' nicht im Zorn! Ich beschwöre Dich!" „Entschuldigen Sie, mein Herr," fügte Jakob ernst hinzu, „zwei Worte noch! Ich meine es so, wie ich sagte. Aber ich must noch bemerken, daß wenn das ganze Volk sich zum Kampfe aus Leben und Tod erheben würde, ich auch mit ihm gehen würde in Kampf und Tod. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort als ehrlicher Mann!" Wolf blickte ihm glühend in die Augen. „Nun,-dann sage ich nicht: leben Sie wohl!" sprach er, die Mühe ablegend, „dann reden wir!" „Seien wir ganz offen!" „Hört!" rief der Wirth. „Man bringt Thee! Auch Du. Kruder, hast heute nicht solche Eile!" „Aber ich muß ja noch an zehn Orten sein!" „Nun. statt dessen wirst Du heute einmal nur an fünfen sein!" Kruder zählte etwas an der Taschenuhr her. „Sieh da!" rief er: „Sitzung beim Grafen; — Session der Genossenschaft; -— Konferenz bei Herrn Thomas in Universitätsangelegenheiten; — wissenschaftliche Nachhilfe; — Herausgabe von Volksbüchern!" „Dü bist wahrhaftig ein Universa'lmensch!" sagte Barthold. „Aber wäre ich Du, würde ich mir die Hälfte dieser Berathungen vom Halse schaffen! Das ist Alles leeres Geschwätz, rhetorische Uebung, Kämpfe der Eigenliebe oder ungeschickt gelegte Visikacore, Zugpflaster des patriotischen Eifers. Du willst alles leiten, und zu guterletzt wirst Du sehen, wie sie aus Dir ein Werkzeug machen, welches sich nach und nach abstumpft!" Kruder nickte mit dem Kopfe, als sagte er: „Noch üicht!" Aber er fühlte, daß in diesen Worten Wahrheit lag. Nach einer nur noch kurzen, gleichgiltigen Unterhaltung entfernte er sich mit Wolf, nachdem sie noch verabredet, wo J'was in Warschau seine Zuflucht finden und an wen er sich dort nach seiner Ankunft wenden solle. - , Wolf erbot sich dazu, dies Alles zu besorgen, und bürgte dafür, daß Jwas' Niemand ektvas anhaben solle. Kruder und Wolf gingen zusammen, ohne Zeitverlust. Sie bemühten sich gegenseitig, sich zu belehren/ Man weiß nicht, wie weit ihnen dies gelang; nur soviel ist gewiß, daß endlich Kruder mit der Revolution im Prinzip sich einverstanden erklärte, aber die Möglichkeit zu kühlerer Erwägung und Hinausschiebung des Termins für sie forderte. Barthold und Jakob, die nach ihrem Fortgange allein waren, umarmten sich zunächst auf das herzlichste. Sie hatten kein Geheimnitz vor sich und waren zueinander wie leibliche Brüder. Jakob hörte wieder, zum — wer weiß wie vielten Male — sich die Frage verlegen: „Weßhalb bist Dü zurückgekehrt?" Und wieder antwortete er darauf, indem er seine Träume von der religiösen Wiedergeburt aus der Tiefe seines Herzens hervorholte. Jakob entwickelte nun von seinem Freunde seine Pläne und Absichten, um seine Religionsgenossen zur Rückkehr zum Gottesgesetze zu bringen. Barthold hörte ihm schwelgend zu und nickte nur ab und zu mit dem Kopfe. Jakob hatte gesprochen und nicht bemerkt, daß fast von dem Moment, als er begonnen, sich leise von der inneren Thüre her ein altersgrauer Mann in altjüdischer Tracht genähert hatte. Abgemagert, gebeugt, von bleicher, gelblicher Gesichtsfarbe, trug er einen schwarzen, langen OVerrock, mit Sammt besetzt und mit Schnüren, Um den Hüften ünen schwarzen Gurt und auf dem Haupte ein Sammikäppchen. Das Gesicht trug trotz des hohen Alters den Ausdruck eines lebhaften und noch nicht eingeschlummerten Geistes. Es war dies Barthold's Vater, der alte Aron, der sich sonst niemals bei seinem Sohne zeigte, und sich seit einigen Jahren mit dem Lesen des Talmud beschäftigte. Diesmal kam er zum Sohne, um den Augenblick zu benutzen, in welchem Barthold, wie er meinte, allein sein müßte. Der Zufall aber machte ihn zum unfreiwilligen Zuhörer des begeisterten Jakob. Kaum hatte dieser ausgesprochen, als Aron, der ihn zum ersten Male im Leben sah, ihm leicht auf die Schulter klopfend, sprach: «Ich weiß nicht, wer Sie sind, aber ich spreche zu Ihnen, wie zu einem Sohne Israels: Möge der Segen der Patriarchen mit Ihnen sein! Besser ist das, was Sie sagten, als was die Andern beute sagen. Llber auch das, was sie sagten, ist nicht gut. Wollt Ihr aus dem Gesetze auch nur ein Stäubchen verwerfen? Wißt Ihr etwa, was ein Samenkorn, und was Spreu oder Staub darin ist? . Wißt Ihr. ob dieser Staub nicht die Asche Eurer Väter ist? Wer von Euch erforschte die Bedeutung der Gebräuche, und wer kann beurthetken, ob in dieser Hülle nicht eine Frucht steckt? Und wer vermag. nachdem er diesen Schatz auf die Erde warf, ihn von daher zurückzubringen. wo ihn dir Kameele mit den Füßen zerstampften und in den Koth irafen?" (Fortsetzung folgt.) t

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.