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Der Israelit · 1903-05-14 · Heft 37 (14.5.1903) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 37 (14.5.1903)
Date
1903-05-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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823 9*ttiIIei0ft. Jerusalem. Historische RvzLylung von Zsaae Breuer—Frankfurt a. M. 51 . - Bei * den damals herrschenden milden Zuständen war der Fall des Jünglings kein ungewöhnlicher. Kinderraub gehörte nicht zu den Seltenheiten. Auch sein Begehren war durchaus nicht anmaßend. Das Unglück, das alle Juden gemeinsam traf, hatte ihr ohnedies schon in starkem Maße vorhandenes Brüderlichkeitsgefühl außerordentlich gesteigert. Warum nicht dem Armen aus der Noth helfen, die morgen das eigene Haupt treffen kann? So zögerte Baruch nicht lange, dem Fremden seine Bitte zu gewähren. Er rief seine Hausleute zurück und theilte 'ihnen mit, daß sie künftighin den Fremden als Hausbewohner zu betrachten hätten. Auch diese fanden darin nichts Außergewöhnliches, und nachdem» sie ihm den üblichen Friedensgruß entboten. eilten sie, den zu zeitig unterbrochenen Schlaf fcrtzufetzen. Auch Baruch und der Fremde suchten das Lützer. Aber allzu erschöpft konnte der letztere nicht sein. Tenn während Baruch nach Verrichtung des Nachtgebets alsbald jn tiefen Schlummer fiel, den er Jedem, der hören mochte, durch behagliches Schnarchen zu erkennen gab. warf jener sich ruhelos hin und her und starrte geöffneten Auges in's Leere. Längere Zeit lag er so d'a. Endlich erhob er sich leise-, überzeugte sich, daß im Hause Alles still war und schlich dann auf den Zehen zum Guckloch. Vorsichtig öffnete er dies, streckte beide Hände hinaus und schlug sie dreimal sanft gegeneinander. Da kam alsbald von der nächsten Straßenecke, verhüllt wie vorher der Fremde, ein Knecht dicht an's Haus. Er neigte sein Ohr nahe an die Wand, und vom Gucklochc wurden ihm leise die Worte zugerufen: „Es ist gelungen." Da verbeugte sich der Verhüllte und ging leise davon. Lüse auch trat der Jüngling seinen Rückzug an und begab sich 'wieder auf sein Lager. Seit jenem Abend war der-Fremde im Hause des Baruch. Man nannte ihn Jehuda. Schon , gleich am Tage nach seiner seltsamen Ankunft hatten die drei jungen Hausgenossen Varuchs, Rüben, Pinckas und Habbakuck, ihn überfallen, um seinen talmudischen Scharfsinn zu prüfen. Aber so überraschend einfältig war das Gesicht, das da der Verdutzte ihnen zeigte, ' daß sie voll Verachtung sich abwandten und seine Unwissenheit mit der eines Gerbers verglichen. Doch es kam noch ärger. Es zeigte sich bald, dkß Jehuda nicht einmal lesen konnte, eine Kunst, die von jeher unter den Juden allgemeinster Verbreitung sich - erfreute. Es blieb daher offenbar nichts anderes übrig, als mit dem Anfangsunterricht zu beginnen. Rüben, Pinchas und Habbakuck lehnten das Lehreramt, als unter ihrer Würde stehend, energisch ab. So mußte denn Baruch selbst den Unterricht in die Hand nehmen. Da begann eine schlimme Zeit für Lehrer sowohl als auch Schüler. Jehuda schien völlig vernagelt. Unsägliche Mühe kostete es. bis er die großen Qua-' dratbuchstaben begriffen und mit ungelenker Hand nachmalen konnte. Doch dann kam der Tag, d'a Daruch mit sorgenvollem Stirnrunzeln seinem Schüler mittheilte, daß nun, nachdem er die großen Buchstaben gelernt, die Hauptsache komme, die Einser vor den Nullen, die Vokale, daß diese Vokale nichts anderes als Punkte seien, die jeder Jude, wenn er sie schon gelernt, weglasse und von selbst hinzufüge. Das war zu viel. Wußte er die Bokale, vergaß er die Konsonanten. Bezeichnete er die Konsonanten, entfielen ihm die Vokale. Sollte er gar zu den Konsonanten aus sich heraus die passenden Vokale setzen, da hatte er beides, Vokale und Konsonanten, verlernt. Nie war Jehuda dümmer, als wenn Jirzah das Lernzimmer betrat. Da gab rr die närrischsten Antworten, und einmal kam es sogar vor. -daß er die Fragen seines Lehrers gänzlich überhört urfb wie abwesend vor sich hinblickte. „Er schämt sich," sprachen Vater und Tochter.' So war ein Tag nach dem andern vergangen und die Krönung König Richards immer näher gekommen. Ueberall in ganz England hatten die Juden Geschellte gerüstet, die eine Gesandtschaft aller Gemeinden dem Könige überreichen sollte. In Aork war Baruch, der sich stets durch Wohlthätigkeit, Frömmigkeit und Gelehrsamkeit ausgezeichnet, zum Vertreter gewählt worden. Er hatte sich trotz feines Alters gescheut, das Vertrauen seiner Brüder durch seine Weigerung zu täuschen. So hatte er denn, nachdem er die Leitung seines Hauses Habbakuck anveriraut, und in Ermangelung eines anderen Tirzah den Unterricht Jehuda*s übergeben, die Reise nach London, die in jenen Tagen ebenso lang als beschwerlich war, angetreken. — — — Das Judenviertel in Aork lag hart arj dem Ouse, der still und ruhig an Zock vorbeifloß. -. - 5; Vor dem Hause des Juden Baruch befand sich sein Garten, der bis zum Flusse reichte.-'7 . ' i Schattige Bäume ragtxn im .Garten, durch 'den jich wohlgepflegte Wege hinzogen. Mitten im Garten war ein freier Rasen, von dem man zum Flusse hin und in

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