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Der Israelit · 1903-05-11 · Heft 36 (11.5.1903) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 36 (11.5.1903)
Date
1903-05-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
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tung als d'em Staatsinteresse entsprechend angesehen, anders ist ihr Verhalten zu der Frage nicht zn erklären. Ferner ist es verständlich, daß der Durchschnittsleser, namentlich aber die halbgebildete Masse, das einfache Volk schließlich von den Ansichten derjenigen Zeitung mußte erfüllt werden, welche die Vernichtung der Juden nicht nur für wünschenswerth, sondern auch für möglich hält. Das ist die eine Seite der Sache, sozusagen das Vorbereitungsstadium, das an der Erziehung der Bevölkerung in bestimmtem Geiste und Richtung beständig in Thätigkeit war, wie schon erwähnt, unterstützt durch die Abwesenheit anderer Preßorgane, durch die Stimmung der Zensur-Behörde und vurch die fortwährende Agitation eines kleinen Kreises von Personen, die sich um die Fahne des „Veffarabetz" gruppirt haben. Es gibt keine Nummer^ in der nicht irgend eine brutale Herausforderung gegen die Juden vorhanden ist. Aeußerungen wie „Tod den Juden!" als Mittel zur Lösung der Judenfratze wurden von der Zeitung oft gebracht. Als ' einzige Zeitung des Ortes wird der „Lessarabetz" in allen Kneipen und Theehäusern gelesen, und es ist klar, wie eine solche Zeitung unausbleiblich den Hatz der christlichen Bevölkerung gegen die Juden Hervorrufen mußte, u. wie sie auf die schlechteren Instinkte der menschlichen Natur wirken mußte. Zur weiteren Ueberzeugunz ihrer Leser von der Rothwendigkeit der Lösung der Judenfrage in dem von ihr empfohlenen Sinne hat sie den Todesfall eines Knaben benutzt, der kurz vor den Feiertagen in Dubossary vorgekom'men War, und dessen Ursachen zuerst unbekannt waren, und die Zeitung hat mit Nachdruck auf den angeblichen Bedarf der Juden an Christenblut für ihre Ritualzwecke wiederholt hingewiesen; die offizielle Berichtigung der kompetenten richterlichen Behörde hat sie in einer absichtlich schwerv'erständlichen Form veröffentlicht, um die Wirkung derselben abzuschwächen. Das alles, zusammen mit der ganzen Richtung der Zeitung, mutzte in der Menge eine Stimmung erzeugen, bei der der erste Stein, der in eine Scheibe geschleudert war, genügte, um die ganze Menge zu einem.Judenkrawall zu bewegen. Uns ist es natürlich nicht möglich, festzustellen, woher die Flugblätter gekommen sind, die in den Kneipen der Stadt Kischinew verbreitet wurden, indessen behauptet wurde, daß der „Czar die Erlaubnitz gegeben hat, während der drei ersten Tage der heiligen Ostern die Juden zu überfallen." Wir können aber nicht umhin, zu bemerken, daß unter diesen Umständen der Pöbel diese sinnlosen Flugblätter nothwendigerweise als 'logische Fortsetzung der Vorbereitungsarbeiten ansehen mutzte, welche die hiesige Zeitung während mehrerer Jahre so sorgfältig betrieben hatte. Die Masse, die es nicht versteht, tief in die Ursachen der gesellschaftlichen und staatlichen Ereignisse einzudringen, konnte aus der Haltung der Administration gegenüber der jüdischen Bevölkerung nur den Schluß ziehen daß gegen die Juden alles das erlaubt sei, was gegen jeden anderen Theil der Bevölkerung als Gesetzwidrigkeit betrachtet wird. Dazu gehören die Ausweisungen von Juden aus verschiedenen Orten, die nachher vom regierenden Senat als unberechtigt bezeichnet worden sind, dazu gchören die Handlungen einzelner Persönlichkeiten. Die hiesige jüdische Bevölkerung, die lange vor den Feiertagen über die Gährung im Volke und über die Androhung von Krawallen gegen die Juden während des Osterfestes Kenntniß bekommen hatte, hat sich durch ihre Vertreter an den Ches des Gouvernements gewendet wegen der nothnündigen Borbeugungsmaßregeln zum Schutze der Juden und ihres Eigenthums. Der Herr Gouverneur hat Versicherungen gegeben, die sehr beruhigend waren. Im Vertrauen auf diese Versicherungen haben die Juden es für überflüssig erachtet, für irgendwelche Mittel der Selbstvertheidigung zu sorgen. In solcher Stimmung nahte sich das Osterfest dieses Jahres. Man sprach von dem bevorstehenden Gewitter offen und überall, es war auch kein Getzeimnitz für die Behörden, die selbst am 4. April den Magistrat angewiesen haben, in den Polizeikasernen eine größere Zahl von Bettstellen zu plaziren. Allein zum höchsten Erstaunen haben die Behörden nicht nur vor den Ereignissen keine Borbeugungsmaßregeln getroffen, sondern auch selbst, als diese schon eintzetreten waren, haben sie die Maßregeln nicht getroffen, die möglich und nothwendig waren, um zu verhindern, daß das Unheil solche unerhörten Dimensionen annahm, woran man ohne Schrecken nicht denken kann. Vor den Augen der höchsten und niederen Polizei-Behörden fanden unglaubliche Krawalle mit menschlichen Opfem statt, es geschahen Grausamkeiten, wie sie in der Geschichte Rußlands seit mehreren Jahrzehnten nicht vorgekommen sind. Daneben befand sich das Militär und die Behörden haben aus unverständlichen Ursachen die Rechte und Vollmachten nicht benutzt, die ihnen für solche Fälle sowohl Paragraph 340 des Strafgesetzes, wie die Paragraphen 7 und 8 der Ergänzung zu Paragraph 316 Anm. B. 2, bieten, und die Behörden, selbst unthäkig und ebenso das Militär in vöNger Passivität haltend, haben dadurch den Pöbel ermuntert, der angesichts dieser Passivität der Behörden immer heftiger wurde und von einfachen Krawallen schließlich zu Gewaltthätigkeiten und Massenmorden beispielloser und unglaublichster Art übergegangen ist. In Sjtttt Angaben an den Staatsanwalt wiesen die Leidtragenden auf Fälle hin, wo Polizisten und Polizeifergeanten selbst den Pöbel zu Ausschreitungen ermuntert hatten durch Ruse: „Erschlagt die Juden!" Hingegen wurden die Juden, die sich zum Selbstschutz mit Stöcken bewaffnet hatten, von der Polizei entwaffnet. Das Ertzebniß die-

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