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Der Israelit · 1903-05-11 · Heft 36 (11.5.1903) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 36 (11.5.1903)
Date
1903-05-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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44* Jahrgang. 8i» Bm'cht litt WWn Scuifink in MWnfN1« Jie Nchfimn. Nachdem die während der griechischen Osterfeiertage in Kischinew gegen die Juden verübten Grausamkeiten in Petersburg bekannt geworden waren, sckrickte die Regierung den Direktor des Polizei-Departements im Ministerium des Innern nach Kischinew, um eine Untersuchung über die schrecklichen Vorgänge anzustellen. Aus diesem Anlaß hat die dortige jüdische Gemeinde dem Herrn Direktor ein Memorandum überreicht. das wir nun zu veröffentlichen in der Lage sind. Das. Memorandum lautet in der Übersetzung folgendermaßen: „Seiner Excellenz dem Herrn Direktor des Polizei-Departements. Die zahlreiche jüdische Bevölkerung der Stadt Kischinew, die zwei Tage lang, am 6. und 7. April (a. St.), unmenschlich grausame, blutige Mißhandlungen . und beispielslose Plünderungen seitens einer zügellosen Menge hat ertragen müssen, erlaubt sich bei der diesmaligen Ankunft Ew. Excellenz in unserer Stadt ein Zeichen des Interesses der Hohen Negierung zu erblicken, sowohl in Betreff der Ursachen, die so traurige Ereignisse veranlaßt haben, wie wegen der Verhältnisse, unter denen diese Ereignisse so ungewöhnlich schreckliche Dimensionen haben annehmen können. In diesem Falle erhofft die jüdische Bevölkerung der Stadt Kischinew, daß Ew. Excellenz es nicht ablehnen wird, sie anzuhören in ihrer Eigenschaft als Leidtragende. Was die Ursachen, welche diese Krawalle hervorgerufen haben, anbetrifft, so ist es unserer Ansicht nach nicht möglich, anzunehmen, daß es sich um Fälle wirtschaftlicher Ausbeutung der christlichen Bevölkerung handelt, auf die bei derartigen Gelegenheiten gewöhnlich hingewiesen wird. In ganz Vessarabien und speziell in Kischinew bestand keine Schärfe in den Beziehungen zwischen der christlichen und der jüdischen Bevölkerung. Die Erklärung hierfür liegt zum Theil in dem ruhigen und friedliebenden Charakter der einheimischen Bevölkerung. zum Theik in den relaUv günstigen ökonomischen Verhältnissen des Landesthciles; der Beweis Hierfür liegt darin, daß während der letzten zwanzig Jahre hier kein einziger Konflikt zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen hervorgetreten war, und selbst in der Zeit, wo im Süden und Südwesten Rußlands antisemitische Krawalle stattfanden, herrschte in Kischinew volle Ruhe, und das regelmäßige, friedliche Leben hat kerne Störung erlitten. Als in den achtziger Jahren der ganze Süden von dem Feuer der gegen die Juden gerichteten Krawalle ergriffen war, ist kein einziger Funke nach Vessarabien gefallen. Seit jener Zeit Hai Vessarabien wiederholt Mißernten erlitten, und dennoch bat die einheimische Bevölkerung nie die Ursache ihrer wirthschaflichen Schwierigkeiten in ihren jüdischen Nachbarn gesehen. Das gegenwärtige Jahr, welches hinsichtlich der Ernte einem vollständig befriedigenden Jahre folgte, konnte ebenfalls absolut keine Unterlage bieten für eine Verschärfung der Beziehungen zwischen der jüdischen und christlichen Bevölkerung auf wirthfchaftlichem Boden. Deßhalb glauben wir, daß die Frage der wirthschaftlichen Gegensätze in diesem Falle ganz ausgeschlossen bleiben muß. Die reiche und fruchtbare Gegend von Vessarabien gibt jeder Thätigkeit eine vollständig gesicherte Exstenz, und ist gänzlich frei von jenem Lumpenproletariat der Hafenstädte, : aus welchen die Kadres der Krawallstifter gewöhnlich rekruiirt werden. Die gegenwärtigen Ereignisse, die selbst in der Geschichte der antisemitischen Krawalle beispiellos dastehen, befinden sich in solchem Gegensätze mit dem gewöhnlichen Volksleben unserer Gegend, daß lein Zweifel darüber verbleibt, daß man ihre Ursachen nicht in der allgemeinen Beziehung der Bevölkerung zu den Juden zu suchen hat, sondern in den Ereignissen der letzten Jahre und. unmittelbar in den Thatfachen, die schon während der Krawalle selbst zu beobachten waren. Zu den Ereignissen dieser Art rechnen wir in erster Linie den Einfluß der örtlichen Presse, deren einziger Vertreter die Zeitung „Vessarabetz" ist. Diese Zeitung existirt über fünf Jahre. Vis zu ihrem Erscheinen hatte die Gegend keine eigene Zeitung. Somit ist es der Zeitung „Vessarabetz" beschieden gewesen, ihre Wirksamkeit auf ganz jungfräulichem Boden .auszuüben, daher war ihr Einfluß von Anfang an sehr groß. Vom zweiten Jahrgange ihres Bestehens an begann diese Zeitung systematisch die Lehre gegen die jüdische Bevölkerung zu betreiben, wobei diese Lehre niemals in irgend einer russischen Zeitung eine solche abnorme Gestalt angenommen hat, wie im „Vessarabetz", der durchaus eine Spezialität machte. Wir könnten Artikel anführen, welche die Bedeutung eines Anstoßes zur vollständigen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung haben. Die Bevölkerung, deren ganzes Zeitungsmaterial dieses einzige Organ des Ortes bildete (andere Zeitungen hat das Centr'al-Zensur-Komitee nicht.genehmigen wollen) bekam systematisch tagaus, tagem nur ein und dasselbe zu hören, nämlich: „Die Juden sind Feinde, die Juden sind schädlich, die Juden müssen vernichtet werden!" Die hiesige Zensur-Behörde, die hiesige höchste Administration, hat offenbar diese Rich-

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