Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 35 (7.5.1903)
- Date
- 1903-05-07
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449923--58192-2522554- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sonst gehen sie auseinander,, so zum Desert oder zum Kaffee. Nachmittag ist er,.un xeu monte." Du machst Eindruck auf ihn und er wird dreister. Dein Anzug muß möglichst einfach sein. Sobald Du Gäste siehst — denn es sind dort Mann, Vater Simon und Tilda's Vater — thu', als wolltest Du Dich entfernen. Natürlich werden sie Dich bitten, zu bleiben. Na, und das Uebrige — ist Deine Sache!" Musa sprang lebhaft auf, wie ein muthiger Soldat, den die Trompete zum Kampfe ruft, und umarmte die Mutter, die den von ihrer Hast und. Muhe hervorgerufenen Schweiß sorgsam von den glanzenden Wangen abtrocknete. „Mit Gott also, Emuscha, Geliebte! Nimm schon nicht dies..nouckre cke ris*’\ Das ist unnöihig für Dich und läßt einen Mangel an Frische vxrmuthen. Du übertreibst oft damit! Und sage mir noch, was wirst Du anziehen?" „Schwarz! Nur schwarz! Bescheiden, poetisch. Glattes Haar! Das bitte ich mir schon zu überlassen. Auch ein Buch nehm' ich in die Hand!!" „Ah! Das ist doch wohl zu gezwungen, zu verbraucht." „Du hast Recht, Mamachen. Ich nehme lieber eine Arbeit, ,.0'est plus simple" »I Gott bewahre! Das ist zu prosaisch! Deutsch! Ein Strumpf!" „Nun, denn nicht. So gehe ich ohne Alles. Sei nur ruhig!" Musa ging. Die Mutter sank auf das Kanapee und vertiefte sich in Gedanken. Eine halbe Stunde später bemerkte Frau Wtorkowska am Fenster, daß man aus der Küche in Segel's Pa'kais höchst wahrscheinlich schon den Braten brachte. Dann erkannte sie das Eis an dem hohen Pyramidendeckel. Sie eilte daher zur Tochter und rief: „Du mußt gehen! Es ist höchste Zeit! Sonst gehen sie fort! Sie sind schon beim Desert! Man brachte schon' das Eis! Jakob hat gewiß dringende Geschäfte!" Hastig blickte sie nach der Tochter. Musa konnte einem Maler als Modell zu einer modernen Elegie dienen. Ihre sonst so heiteren, aufgeweckten GesichtSzüge waren wunderbar erstarrt. Bor dem Spiegel studiren'd, hatte sie dieselben so angenommen. Sie gebot über jeden Ausdruck, den sie wollte. Und sie war reizend. Mit unvergleichlicher Kunst! verstand sie, die Kunst selbst zu verbergen, erschien sie natürlich, ganz sie selbst. Niemand' konnte sie in Verdacht haben, daß sie nur eine tief berechnete Rolle spiele. Sie War jung, traurig, aber frisch und doch traumhaft, sehnsuchtsbang und anziehend durch den Zauber der unergründlichen Geheimnisse eines jungfräulichen Busens. Mit zwei Reizen ziehen die Frauen am stärksten an: mit heiterer Laune, auf die sich nicht viel bauen läßt, und mit geyeimnißvollem Wesen. Der Mann läßt durch Nichts so sich packen und umstricken, als durch dm Zauber eines Räihfels. Wenn er dieses Buch, genannt das Weib, bis auf die letzte Seite durchliest, muß es ein Meisterwerk oder eine Neuheit'sein, um es noch einmal von Anfang an durchstudiren zu tonnen! Musa war eine lebende Sphinx. Sie war so wunderbar schön, so durchaus vollkommen^ so sich selbst gewiß, daß _ sie ein« Meisterwerk war, daß sogar das Auge des Skeptikers an ihr keinen Fehler entdecken kennte. Ihr Anzug war fast nachlässig; ein schwarzes, leichtes, einfaches Kleidchen, ein Korallenarmband und eine ähnliche Broche, in der Hand ein zerknülltes, weißes Taschentuch und ein Blümchen. Und dennoch war sie unvergleichlich schön. Die Mutter klatschte in die Hände vor Erstaunen. Unter dieser Form kannte sie die Tochter noch gar nicht — Ophelia!. „Niemals noch sah ich Dich so!" rief sie aus. „Du warst wohl oft glänzend schon, ein herrliches Wunder. Aber so wie heute, so neu und so ganz anders warst Du noch nie! O Du mein liebes — Chamäleon! Du bist eine Zauberin!" Musa lächeltestolz und verneigte sich vor der Mutter, ohne auch nur eine Mene zu verziehen, und schritt so ruhig hinaus, als gelte es, einen Spaziergang und nicht diesen Kampf, diesen Wettstreit, in dem es sich um die Erbeutungeines Menschenherzens handelte! Ihr Herz hatte nie geliebt. Sie wunderte sich über die Männer, daß sie sogar nicht einmal fähig zu rasender Leidenschaft seien. Mer auch sie verstand nicht, was Liebe war, was Leidenschaft. Sie liebte mit dem Kopfe. Im Kopfe flammte es ihr manchmal, aber diese Flamme ging niemals in die Brust. Wenn sie von der Liebe träumte, so stellte sie sich diese immer vor in Atlas und Brillanten, im Salon oder am Komgshofe! Ob ihr das Herz schlug unterwegs? Das wußte nur das schwarze Kleidchen. Aus dem Antlitz aber zeigte sich nicht das mindeste Merkmal von Unruhe. Die Zeitrechnung der Mutter war so glücklich gewählt, daß Musa eintraf, als man Kaffee reichte. Da die Eingangsthür dem Fortepiano gegenüber war. bemerkte Tilda sie sofort, als sie erschien und sich scheinbar wieder entfernen wollte. Sie stand daher aus, eilte ihr entgegen und nöthigte -sie, einzutreten. Da stand auch Jakob. Musa that, als kenne sie ihn nicht. „Sieh da! Ein alter Bekannter! Herr Jakob," sprach Tilda. ' „Wahrhaftig! Wie ist das? Ist er zurückgekehrt? Aber wie hat er sich verändert! Ich hätte ihn nicht wiedererkannt! Aber wie angenehm ist mir die»:"