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Der Israelit · 1903-05-07 · Heft 35 (7.5.1903) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 35 (7.5.1903)
Date
1903-05-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Osterfest begann in diesem Jahr am 12. April. Einige Tage vor -diesem Datum verschwand auf unerklärliche Weise der Sohn eines Rüsten und es verbreitete sich das Gerücht, daß 'er von den Juden des Blutes wegen geschlachtet worden sei. Nach mehrtägigem Suchen fand man die Leiche. Der Haß des Volkes gegen die Juden war mittlerweile gewachsen. Me Polizei versuchte vergeblich, die russische Bevölkerung durch die Ankündigung zu beruhigen, daß an dem Körper keine Wunde gefunden worden sei. Es wurde sogar eine Leichenschau abgehalten, aber auch diese vermochte den Argwohn des Voltes nicht zu beruhigen. Darauf schickte man von Odessa drei Aerzte, die unabhängig von einander die exhumirte Leiche untersuchten und sämmtlich bestätigten, daß kein Blutverlust stattgefunden habe. Unterdessen hatte aber eine Zeitudg in Kischinew Hetzartilel gegen die Juden veröffentlicht. Der Vicegouverneur von Kischinew, der gleichzeitig Zensor ist. wurde auf die Gefährlichkeit dieser Artikel aufmerksam gemacht, er weigerte sich aber, einzuschreiten. Die Bevölkerung von Kischinew beträgt etwa )40,000 Seelen. Ein Drittel davon sind Juden. Verschiedene einflußreiche Juden hatten den Gouverneur von Raabe darauf aufmerksam gemacht, daß für die Feiertage Vorsichtsmaßnahmen am Platze seien, der Gouverneur hielt jedoch besondere Maßnahmen für unnöthig. Gegeü Tagesanbruch am Sonntag Morgen, d. h. etwa 2 oder 3 Stunden Nach dem Schluß des landen Mitternachtsgottesdiensics in den russischen Kirchen, begannen Arbeiter aller Art in einer Hauptstraße südische Läden zu erbrechen. Um 8 Ubr früh hatte der Aufruhr in fast allen Geschäftstheilen der Stadt um sich gegriffen. Die Polizei war offenbar überrascht worden und leistete wenig oder gar keinen Widerstand. In einem Skadttheil setzten sich die Juden zur Wckhr, und das hatte zur Folge, daß man nunmehr die Jud'cn Und Jüdinnen überall mit Stocken und Messern anfiel. Gegen Sonntag Abend waren verschiedene Straßen total zerstört, etwa ein Dutzend Juden erschlagen, und nahezu hundert schwer verwundet worden. Während der Nacht trat eine Pause ein, aber am Montag morgen früh entbrannte der Tumult mit erneuter Scharfe. Mehrere tausend Bauern waren über Nacht in die Stadt gekommen und schloffen sich, mit Mistgabeln und sonstigen Massen versehen, den Tumultuanten an. Mord und Plünderung waren an der Tagesordnung. Dabei kamen Vergewaltigungen so scheußlicher Art vor, daß eine Beschreibung ausgeschlossen ist. In einem Theil der Stadt hatten sich jüdische Familien in den obersten Stockwerken verkrochen. Die Menge drang ein und warf die Juden von den Fenstern auf die Straße. Am Nachmittag lief aus Petersburg der telegraphische Befehl ein, den Aufstand wenn nöthig mit Gewehr und Bajonett zu unterdrücken. Sofort wurden verschiedene Stadttheile von Kosaken, Dragonern und anderen Truppen besetzt und nach einigen in die Lust gefeuerten Salven ivar der Aufstand zu Ende. Die Saumseligkeit des Gouverneurs und der Polizei wird scharf kritrsirt. Es wird behauptet, daß der Gouverneur Kreits seiner Stellung enthoben sei. Die Zahl der getödteteü Juden wird auf 60 bis 70 angegeben. Etwa 500 sind schwer verletzt. Wie viele Russen getödtet oder verwundet würden, ist noch nicht bekannt. In einem Stadtheil, der hauptsächlich von jüdischen Metzgern und Handwerkern bewohnt war, sollen die Russen bei ihrem Angriff sehr gelitten haben. Augenzeugen der Vorgänge von Sonntag und Montag versichern, daß die an d'en Tag gelegte Grausamkeit noch diejenige übersteige, die Man kn den 70er Jahren bei den» großen Aufstand in Odessa an den Tag legte. Einem ausführlichen Berichte, den die „Königsb. Hart. Zeitg." veröffentlicht, entnehmen wir das Folgende: Am Mittwoch. den 22. April, wurde in Anwesenheit der Untersuchungsrichter der ersten und dritten Abtheilung der Stadt Kichinew die Besichtigung der Leichen vorgenommen; es waren 37 an der Zahl, die theils auf dem jüdischen Friedhofe, theils im jüdischen Krankenhaüse lagen. Die Todesursache war leicht festzustellen, da alle Wunden mittels schwerer Gegenstände, wie Möbelstücke, Holzknüttel u. dgl. beigebracht waren. . Eine gerichtliche Seltion erübrigte sich bei der klaren Sachlage. Außer . den Todten barg das jüdische Krankenhaus noch 62 Schwerverletzte, die n lei st Wunden am Kopfe aufwiesen. Die Verwundeten Waren schreckj sich zngerichtei. Der Zustand der meisten ist hoffnungslos. Das jüdische Krankenhaus hat das Aussehen eines Verbandsplatzes nach einer Schlacht. Nicht nur die Krankensäle sind mit Verwundeten belegt, sondern auch die Empfangs- und SpeiseräUme mußten hinzugenonnnen werden. Unbeschreiblich ist der Jam'mer der Angehörigen, die einen Todten zu beklagen haben, oder die verzweifelt das Schmerzenslager eines Verwundeten umgeben. Sch'aaren von Leidtragenden bewegen sich , vom Krankenhause nach dem Friedhöfe, um den Er- 5 schlagenen das letzte Geleite zu geben. Der Pöbel War j ir.it einer solchen Rohheit vorgegangen, daß einzelne I Leichen bis zur Unkenntlichkeit entstellt waren. Eine , Leiche konnte nicht rekognoszirt werden. Mit welch j blinder Wuth der Janhagel vorging, geht daraus hert vor. daß sich im Landeskrankenhaus zwei bei den Unruhen erschlagene Christen befindim. ' , Ein Augenzeuge berichtet über seine Erlebnisse: j Am Montag. 20. April, führte mich mein Weg über die Michailowerstraße, als ein Trupp lär- ‘ inender und johlender halbwüchsiger Burschen, unter .Anführung einiger älterer Anführer, vorüberzog. . Sie machten sich an das Gcschäftslokal eines jüdischen Kolonialwaarvnhändlers heran und singen ' an, die Thören einzuschlagen. Aus dem Hause

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