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Der Israelit · 1903-05-07 · Heft 35 (7.5.1903) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 35 (7.5.1903)
Date
1903-05-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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778 tung des Fürsten Uchtomsky, des Freundes Nikolaus II. Nein, wir übertreiben nicht! Mit einer besonderen Wucht stürmten die Räuber gegen die Synagogen. Zuerst wurden die Synagogenwärter ermordet, dann wurden die heiligen Rollen aus der Lade geholt, mit Füßen getreten, zerfetzt und mit jüdischem Blute begossen. Einige Räubergruppen zeichneten sich besonders durch ihre Wuth aus. Sie hieben den Juden die Köpfe ab, tauchten dann Handtücher in das strömende Blut, und die auf diese Weise rothgetünchten Fetzen wurden als Fahnen verwendet; andere wieder tanzten auf den Leichen, nachdem sie sich mit dem gestohlenen Wein betrunken gemacht hatten, herum; noch andere schlitzten den Juden die Bäuche auf, nahmen die Eingeweide heraus und ersetzten dieselben durch Federn aus den geraubten Kissen. Am Montag früh begaben sich einige Juden zum Gouverneur, um ihn um Schutz anzuflehen. Dieser - antwortete ganz kaltblütig, er könne nichts thun, weil er noch keine Befehle von Petersburg erhalten habe. Durch diese fast unglaubliche, aber authentische Antwort ermuntert, setzte der Pöbel seine Schandthaten fort. In einer Straße wollte ein Christ, ein wahrer Christ, ein Herr Nasarow, einen alten Juden aus den Griffen der verthierten Räuber herausziehen. Da bekam er einen wuchtigen Hieb auf den Kopf und wäre todtgeschlagen worden, wenn er nicht ausg'erufen hätte: „Ich bin ein Christ!" Auf diese Weise wurden auch ihatsä'chlich vom christlichen Pöbel zwei Christen ermordet. Derselbe Herr Nasarow bestätigt in einem Schreiben an die Petersburger „Nowosti" vom 15./28. April folgende Thätsachen: Die Räuber waren nicht mehr als 200 Personen, die sich kn kleine Gruppen von 8—10 Personen verteilten, die dann ruhig plünderten, mordeten, die Frauen entehrten und zwar öffentlich, coram publico So dauerte.es bis 6 Uhr Nachmittags. Denn unmittelbar vorher bekam der Gouverneur strenge Anweisungen von der Zentralregierung, und man ließ der Bevölkerung kundgeben, daß jetzt die Unruhen mit Getvalt unterdrückt tverden sollten. Mit einem Schlage, wie durch ein Wunder, wurde es still. Das Ergeb'niß der Unthaten ist Folgendes: Fiinfzig Todte (mit den bis heute an den schweren Verwundungen verstorbenen), 68 Schwerverwundete, von denen mehr als die Hälfte unrettbar verloren ist, mehr als 200 Verwundete, die eine lebenslängliche Entstellung bewahren nrerden; mehrere Dutzende Wittwen, mehr als hundert Waisen; tausende von Familien obdach- und mittellos, aller Existenzmittel beraubt. Der materielle Schaden übersteigt die Summe von acht Millionen Mark. Nun kommt die Frage: wie sind solche Missetyaten, die nicht einmal von chinesischen Boxern jemals begangen wurden, in einem sozusagen zivilisirten Staat möglich gewesen? Wer tragt daran die Schuld? Daß die Juvenoersolgung in Kljchinew überhaupt möglich war. ist durch die allgemeine Lage der Juden in Rußland, durch ihre Recht- und Schutzlosigkeit zu erklären. Die christliche Bevölkerung glaubt sich alles gegenüber dem Juden erlauben zu dürfen. Also die indirekte Schuld an dem Kischinewer Maffacre trägt wohl die Zentralregierung, das ganze russische System, das die Rechtlosigkeit des Juden zum Staatsprinzip erhoben hat. Daß aber die Kischinewer Unruhen solche sogar für Rußland zu grelle Formen angenommen haben, ist nur durch die absolute Indifferenz der lokalen Regierungsorgane zu erklären. Man muß folgende Thatsachen nicht vergessen: die Zahl der thätigen Elemente der Räuberbande überstieg nicht 300; dagegen gibt es in Kichinew fast 300 Polizisten, eine ganze Masse Geheimagenten und mehrere tausend Mann Soldaten. Nicht ein einzigesmal erschienen die Vertreter der Behörden, um die wilden Gesellen zu beruhigen; kein einziger Versuch wurde gemacht, die Juden zu beschützen. Ja. wir müssen noch eine That der Polizei erwähnen: Sie befahl den Juden in den noch nicht heimgesuchten Straßen, ruhig zu Hause zu bleiben, d. h., sie verhinderte die jüdische Bevölkerung, sich zufammenzuthun, Um irgend welche Verkheidigungsmaßregeln zu treffen. Daß man andererseits die Barbaren leicht bezähmen konnte, erhellt aus der Thatsache, daß es gar keiner Gewalt bedurfte, um die Ruhe wieder herzustellen. Thatsächlich wurde geplündert und gemordet in Gegenwart der schmunzelnden Polizei und Armee. Noch ein Wort über das Verhalten der Regierung nach den Krctwallen. Sie verhaftet massenhaft die Ruhestörer — ihr ist eben die bloße Thatsache der Ruhestörung wichtig — dagegen ist sie den unglücklichen Opfern der Krawalle kn keiner Weise zu Hilfe gekommen. Den im vorigen Jahre von den Bauern ausgeplünd'erten Gutsbesitzern bezahlte sie mehrfach den angerichteten Schaden, die beraubten Juden dagegen überläßt sie der privaten Wohlthä.igkeit. Und nun die hohnsprechdnde Kundmachung des Kisch'incwer Polizeimeisters: „Wer die bei den Juden geraubten Sachen und Waaren freiwillig während der nächsten zwei Tage zurllckerstattet. der wird nicht bestraft werden!" Braucht man, schreibt die „Frkf. Ztg.", noch eine bessere Illustration der Schutzlosigkeit der jüdischen Bevölkerung in Rußland? — Der „Times" ist folgende ausführliche Schilderung aus Kiew zugegangen: Es scheint jetzt zweifellos festzustehen, daß die Unruhen in Kischinew die Folge eines Gerüchtes über einen angeblichen „Ritualmord" durch die Juden von Dubossary waren. Nach mir zugegangenen Nachrichten herrschte bereits seit längerer Zeit in Bessarabien und auch in anderen Theilen Südrußlands eine außerordentliche Erbitterung gegen die Juden. Dubossary hat eine sehr starke jüdische Bevölkerung. Das jüdische

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