Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 35 (7.5.1903)
- Date
- 1903-05-07
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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780 wurden verzweifelte Hilferufe laut, aber die Plünderer drangen unbehindert in den Laden und begannen mit ihrem Zerstörungswerk. Ein Theil der Sachen flog auf's Straßenpflaster, ein Theil wurde zerstört, darunter die ganze Ladeneinrichtung, und die werthvolleren Gegenstände schleppten sie mit sich. Dann zogen sie weiter. Um 4 Uhr trat ich nochmals auf die Straße und sah ein vollkommenes Bild der Vernichtung. Alle Läden und Häuser der Juden waren bis auf den Grund zerstört. Es war nicht eine lebende Seele zu sehen. Aus der Ferne drang Pfeifen und Johlen herüber. Ich eilte dorthin und fah dasselbe Schauspiel wie am Morgen. Die Plünderer hatten fleißig 'gearbeitet. Am folgenden Tage wunderte ich durch die Straßen, die den Schauplatz der Greuelszenen gebildet hatten. Auf der Nikolajewerstraße erblickte ich zwei Leichen, mit schwarzen Tüchern bedeckt. Es waren zwei erschlagene Juden, Vater und Sohn. Ein ähnlicher Anblick bot sich mehrfach; tausend jüdische Familien sind total ruinirt. Ich kann nicht über eine kleine Szene hinweggchen, deren Zeuge ich war. Man hatte die Fenster des Hauses eines jüdischen Lehrers eingeschlagen. Der Lehrer bat, ihn zu schonen. Der Unglückliche hielt sein'en Angreifern entgegen, daß er dem Kaiser und der Gesellschaft diene, und zeigte ihnen eine Me'daille, die er für besonderen Diensteifer erhalten hatte. Sie wurde ihm weggerissen und Geld für ihre Rückgabe verlangt. Auf die Frage, wie viel man verlange, wurde ihm erwidert: „Drei Rubel!" Als der Lehrer seinen Geldbeutel zog, wurde ihm auch dieser entrissen. Da man ihn dann persönlich bedrohte, ergriff er die Flucht. Die Bande drang da'nn in das Haus, zerstörte das Mobiliar, und Warf die Trümmer auf die Straße. Einen sonderbaren Anblick boten die Straßen, die mit den Federn der zerrissenen Betten bedeckt ivaren. Biele jüdische Einwohner stellten christliche Kirchenbikd'er an die Fenster, Nm den Anschein zu erwecken, daß ihre Häuser christliche seien und die fauatisirte Horde abzulenken. Ein anderer Augenzeuge erzählt: Die plündernde Bande bestand aus halbwüchsigen und erwachsenen Bürgern, Arbeitern und selbst Beamten in Uniform. Alle jüdischen Häuser, Läden und Magazine in Kischinew wurden geplündert und viele jüdische Bewohner todt oder zu Krüppeln geschlagen, darunter auch Frauen und Kinder. Letztere haben b'fe Mörder einfach aus den oberen Stockwerken auf das Pflaster geschleudert. Biele Frauen wurden vergewaltigt. Die Zerstörer haben gründliche Arbeit geleistet. Die Möbel wurden kurz und klein geschlagen, sogar die Dielen wurden aufgerissen und die Schornsteine zertrümmert. Ich war Zeuge der Judenverfolgung in Kiew im Jahre 1882, aber das, was ich in Kichinew gesehen habe, läßt sich mit den Greu'elszenen, die hier geschehen sind, nicht vergleichen. Was die Plünderer nicht vernichten und wegtragen konnten, wurde von ihnen mit Petroleum begossen und verbrannt. Di; Zahl der verwundeten Juden beträgt nahezu 200, die der Getödteten 37. Der materielle Schaden wird auf einige Millionen Rubel geschätzt. Tausende von jüdischen Einwohnern sind ohne Obdach und Subsistenzmittel. Es ist daher Hilfe für die Bedürftigen und zu Krüppel Geschlagenen dringend nothwendig. Herr Dr. Muznik in Kischinew nimmt Geldmittel für die Unglücklichen gern entgegen. Zur Empfangnahme von Sachen jeglicher Art und Geldspenden hat sich auch die Borsitzende eines Frauen-Hilfsvereins, E. A. Ustrugow, Kischinew, ugol Gostinnoi i Shukowskoj dom Feodosia, bereit erklärt. Zur vorläufigen Unterbringung der Obdachlosen ist ein Asyl errichtet worden; besondere Fürsorge wird den Verwaisten zuthe'il werden; auch sind Maßnahmen zur Instandsetzung der zerstörten Häuser getroffen worden. Als charakteristisches Moment hebt dieser Berichterstatter ebenfalls hervor, daß die Ruhe nach Erklärung des „verstärkten Schutzes" sofort wieder eintrat, ohne daß ein Schuß abgefeuert wurde. Wenn die Stadt, meint er, unter verstärkten Schutz gestellt worden wäre, als die Unruhen am ersten Osterfäertage ausbrachen, hätte viel Unheil abgewendet werden können. Die Behörde hätte umsomehr ihre Pflicht thun müssen, als sie die niederen Instinkte kennt, die durch den „liederlichen Jubel," der fast Regelmäßig nach dem russischen Osterfeste losbricht, geweckt werden und der sich schon des öfteren in wildem Haß gegen die Juden. Luft gemacht hat. In Kischinew befinden sich beständig eine beträchtliche Anzahl Militär und Polizisten, nämlich drei Regimenter. zwei Brigaden, ein Bataillon und 300 PolizeibeaMte. Da. wie uns telegraphier wird, sich in Warschau ein Komitee gebildet hat, das es sich zur Aufgabe macht, speziell die nothleidenden. frommen Kischinewer Familien zu unterstützen, so bitten wir unsere verehrlichen Leser etwaige Spenden an die gesetzestreuen Rabbiner gelangen zu lassen, die dann für die geeignete Verwendung im Sinne der Geber Sorge tragen werden. Auch wir sind selbstredend gern bereit. Gaben in Empfang zu nehmen und nach Warschau abzuführen. _^_Red, des „Israelit." Briefkasten der Redaktion. N M. S. in W.: In Frankfurt a. M. befinden sich folgende derartige Stiftungen: Rießer-Stiftung für Studierende. Ed. Rießer. Vors.. Gallusflraße 19, und die B. H. Goldschmidt'sche Stipcndienstiftung. Georg Speier, Vors., Neve Mainzerstraße 23. R. H. in Kr.: Seitdem Algier zu Frankreich aehort. ist dort selbstredend Vielweiberei nicht mehr gr stattet. Vorher war solche dort gebräuchlich. Auch bei unseren Glaubensgenossen. Briefkasten der Expedition. A. N in Freibnrg: M. 16.— dankend empfangen. Fragekasten der Expedition. Wer liefert ivn Ersatzmittel für Käfelaab?