Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 35 (7.5.1903)
- Date
- 1903-05-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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-rße AMage zu M 35 des --Israelit". KMkMtzelciiiiWiitiii Aus Rußland, 30. April. Das Folgende ist ein absolut objektiver Bericht über die Ereignisse in Kichinew. Alle hier mitgetheilten Thatsachen beruhen auf Wahrheit, so unglaublich sie auf den ersten Blick auch erscheinen mögen. Schon zwei Wochen vor dem orthodoxen Osterfeste flüsterte man in der christlichen Bevölkerung von den bevorstehenden Krawallen gegen die Juden. Einerseits mag wohl die Geschichte in Dubossary, wo man wieder die Legende eines „Ritualmordes" auffrischte, zur Aufreizung *ber Geister beigetra'gdn haben, umsomehr, als die Regierung der Presse verboten hat, darüber zu schreiben. Andererseits that Herr Kruchevan, der Redakteur der in Kichinew erscheinenden Zeitung „Bessarabetz" alles, was er nur konnte, um die Christen gegen die Juden aufzuhetzen. Die Zeitung des Fürsten Uchtomsky „St. Peterburgskija Wed'emosti" bezeichnet diesen Herrn Kruchevan direkt als den Urheber der traurigen Ereignisse in Kichinew. Schließlich kamen noch die zweideutigen, aufhetzenden Predigten der Geistlichen in den Kirchen vor dem Feste und^am ersten Osterfeiertag hinzu. Die Regierung that nichts, um der drohenden Gefahr vorzubeugen; leider aber trafen auch die Juden in ihrer Sorglosigkeit keine Maßregeln gegen den herannahenden Sturm. Gleich am ersten Tage der Osterfeier (Sonntag, den 6./9. April) begannen Gassenjungen unter der Anleitung von einigen Erwachsenen die Fenster 'in den jüdischen Häusern einzuschlagen. Die dabei anwesenden Polizisten versuchten spaßweise, die Jungen zu verhaften, ließen sie aber wieder frei auf Fürsprache der erwachsenen Führer. Hätte die Polizei in diesem Momente etwas Energie gezeigt, so wären damit die Unruhen zu Ende gewesen. So aber wurde die Bande der Ruhestörer durch' diese für russische Polizisten ungewöhnliche Gutmüthigkeit ermuntert, und setzte ihr Geschäft, d. i. das Scheibeneinschlagen, weiter fort. Es war ein Versuch, der gelang. Die Gruppe der Jungen wurde nun immer größer; auch die Anzahl der Erwachsenen vermehrte sich stetig. Als der Haufen ungefähr 300 Personen zählte, unter denen sich nicht nur Maurer, sondern auch Kaufleutc, Handwerker und sogar Staatsbeamte in Uniform befanden, begann der eigentliche Höllenspektakel. Man fing an, die jüdischen Häuser und Läden zu stürmen. Möbel wurden zerschlagen, Bettzeug zerschnitten und die Federn in die Straßen geschleudert, leicht tragbare und irgendwie werthvolle Gegenstände wurden einfach geraubt. Dasselbe geschah mit den jüdischen Läden, nur mit dem Unterschiede, daß die Maaren, die nicht leicht gestohlen werden konnten, mit Petroleum begossen und verbrannt wurden. Um die geschlossenen Thüren zu öffnen, bediente man sich eiserner Stäbe und Aexte. Irrigerweise wurden auch zwei oder drei von Christen bewohnte Häuser zertrümmert. Die offizielle Mittheilung der russischen Regierung, man hatte in Kichinew ohne Unterschied Juden und Christen geplündert, ist, gelinde gesagt, eiste Unwahrheit. Wäre dies der Fall gewesen, so wäre die Polizei und das ganze Militär sofort eingeschritten, was eben nicht gesehen ist. Man vergesse nicht, daß in Rußland sogar jede Menschenansammlung in den Straßen ohne vorherige Erlaubnis streng verboten ist. Man plünderte eben die Juden unter den wohlwollenden Blicken aller Lokalbe- HLr'den. Man begnügte sich aber nicht mit der Plünderung, mit der Zerstörung lebloser Gegenstände. Gegen Abend begannen die halbtrunkenen Räuber in kleinen Gruppen wieder die jüdischen Häuser zu stürmen; vor allem verlangte man die Herausgabe von Geld und Kostbarkeiten; nachdem man bekam, was zu bekommen war, ermordete man die erwachsenen Judenmänner durch wuchtige Schläge mit schweren Gegenständen auf de?n Kopf; daraufhin würden die im Hause anwesenden Frauen und Mädchen von allen Räubern der Reihe nach vergewaltigt; leisteten die Frauen irgendwelchen Widerstand, so wurden sie in der brutalsten Weise niedergemetzelt. Die kleinen Kinder wurden ihren Müttern entrissen, in die höheren Stockwerke des Hauses geschleppt und aus den Fenstern in die Straßen geschleudert. Der europäische Leser wird vielleicht diese Thatsachen übertrieben finden. So können wir 'ihm zur Beruhigung mittheilen, daß die russische Presse selber alle diese Thatsachen zugesteht. Die „St. Petersburgskija Wiedomosti" vom 15./28. April, d. I. schreiben Seite 2. Kolonne 3 und . 4 folgendes: „Hat er (ein bekannter Antisemit Namens Welitchko) me daran gedacht, daß die systematische Judenhetze, mit der sich so gern ein Theik unserer Presse belustigt, die Rassenantipathien anzündet und zu so furchtbaren Erscheinungen wie die Judenkrawalle, in Kichinew führt? Möge er sich etwas realistischer, die aus der Höhe des zweiten und dritten Stockes auf das Straßenpflaster hinausgeschleuderten Kinder, das Krachen der jüdischen Schädel, die mit Möbelstücken zerschlagen werden, das fließende Blut und die ausrinnen'd'en Gehirne, die auf die hinausgeschkeUderten und zertrümmerten Maaren fließen, vorstellen!" -Wir zitiren aus keiner Judenzeitung, sondern aus der Zei-