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Der Israelit · 1903-05-07 · Heft 35 (7.5.1903) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 35 (7.5.1903)
Date
1903-05-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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von deren Gemahl, Friedrich dem Sanftmüthigen, zum zweiten Male vertrieben wurden, da geschah dies mit dem Zusätze „aus ewige Zeiten". Diese ewigen Zeiten wurden aber am 1. November 1867 durch das Freizügigkeiisgesetz beendet. Nun siedelte sich ein Israelit nach dem anderen hier an, bis ihre Zahl jetzt auf etwa 40 Seelen in 12 Haushaltungen gestiegen ist. Die hier ansässigen Juden sind der Synagogengemeinde Halle zug'etheilt, wohin sie auch ihre Kultusabgaben entrichten. Da die Zahl der erwachsenen Juden für die Bildung einer Religionsgemeknde noch zu klein, aber stark genug zu gemeinschaftlichen Neligionsübungen ist, halten sie solche jetzt ab und machten damit am 26. September 1897, dem israelitischen Neujahrstage^ den Anfang. Oesterreich. Wien, 6. (Ein Erzbischof im Go - l u s.) Im frommen Oesterreich erlebt man jetzt merkwürdige Dinge. In demselben Lande, in welchem der jüngste Kaplan den Gegenstand abgöttischer Verehrung bildet und harmlose Passanten bei Strafe der Arretirung zur Reverenz vor jeder Straßenprozession gezwungen werden, in dem Lande, wo der Klerus allmächtig ist, Minister und Generäle vor der Bischofs-' mütze sich beugen, ist gegenwärtig ein Erzbischof der Angriffspunkt einer feindlichen Bewegung, die Geistliche und Weltliche ergriffen hat und bis zum parlamentarischen Sturm gediehen ist. Dieses Privilegium hat der ONrhirte der Olmützer Diözese dem Umstande zu danken, daß er auf den nicht ungewöhnlichen Namen K o h n hört. Als nach dem Tode des Kardinals Fürstenberg die Wahl des Olmützer Kapitels auf den Kanonikus Dr. Theodor Kohn fiel, ging ein Gruseln durch die erlauchten Reihen. Im Olmützer. Erzbistbum hatte man bis dahin viel auf Ahnenstolz gehalten. Nur den Eifersüchteleien der Hochgeborenen hatte der einstige Liebling des Kardinals Fürstenberg seine überraschende Erhebung auf den Bischofsstuhl zu danken. Aber als das Wunderbare geschehen war, da regte sich der Aerger. Dr. Theodor Kohn gilt als ein bedeutender Gelehrter, auch als ein streng rechtlicher, von seinem Priesterberufe ganz erfüllter Charakter, aber er ist — wie schon der kühn beibehaltene Name beweist — ein Judenstämmling; sein Großvater war jüdischen Ursprungs, und die Ncokatholiken sind im GöMsatz zur Uebung früherer Jahrhunderte, in diesem Punkt sehr widerhaarig. Dazu kommt, daß ünter dem Regime des Grafen Fürstenberg sich zahlreiche Mißbräuche eingeschlichen hatten, deren Abstellung der neue Bischof mit freilich allzu hitzigem Eifer betrieb. Ohne Zweifel, hat Dr. Kohn, den plötzlich ein ungeheures Machtbewußtsein überkam. durch herrische Strenge vielfach verletzend gewirkt; auch kleinlich und knickerig erwies sich der über Millionen gebietende Kirchenfllrst. Aber was man sonst bei einem Grafen oder Fürsten stumm ertragen hätte, wurde dem bürgerlichen Parvenü und Judensprossen arg verübelt, und so entstand die Bewegung, welche zü einer förmlichen Revolte gegen das Haupt der altberühmten Olmützer Diözese geführt hat. Die „Rektus-Afsaire" gab den Anstoß dazu. Ein Anonymus brachte nämlich im Olmützer „Pozor" eine Reihe von Artikeln, die dem Erzbischof grausam die Wahrheit sagten. 'Dr. Kohn gerieth in höchste Erregung, zog den Verantwortlichen vor's Gericht, fahndete nach dem Artikelschreiber und sperrte Verdächtige ein. Eine förmliche Verfolgungswüth scheint über ihn gekommen. Der Autor der Artikel ist mittlerweile durch eine kollegiale Denunziation bekannt geworden; er hat auch schon sein pater peccavi gestammelt, und ma'n will wissen, der Erzbischof werde ihm jetzt gnädig verzeihen. Ein Nebenumstand, der Mißbrauch des Telegrammgeheimnisses, ist zuw Anlaß eines Dringlichkeitsanträges gemacht worden, den der jungczechische Abgeordnete Dr. Stransky, selber ein Judenstämmling, im Abgeordn'etenhause ««brachte. Die geistlichen Mitglieder des Hauses, welche Tags vorher eine Konferenz mit dem päpstlichen Nuntius über ihr Verhalten hatten, schlugen sich schweigend in die Büsche. Nur der christlich-soziale Pater Scheicher benützte die Gelegenheit, um den niederen Klerus gegen den hohen zu hetzen. Die Erzählungen des sozialdemokratischen Abgeordneten Schuhmeier über einige Verfolgungsakte des Erzbischofs Kohn wurden von den Alldeutschen sinnig mit dem Ruf „Los von Kohn, los von Rom" begleitet. Dabei vergessen die Alldeutschen, daß in Rom selbst die rassenantisemitische Theorie gegen Kohn obsiegt, denn ihr ist es wohl zuzuschreiben, daß der im Jahre 1892 erwählte Olmützer Erzbischof bis auf den heutigen Tag das Kardinalsbarett nicht erreichen konnte. Man will wissen, daß ein gut Theil seines Erregungszustandes auf den Aerger über die Verweigerung des Purpurs zurllckzuführen ist. Der arme Erzbischof ist eben nebich im Golus. Ungarn. Budapest, 1. Mai. Seit mehr als 35 Jahren entfaltet der aus dem Schoße der hiesigen Orthodoxen- Gemeinde hervorgegangene Bikur-Cholim-Verein seine segensreiche Thätigkeit gegenüber den in verschiedenen hiesigen Spitälern untergebrachten kranken Glaubensgenossen, die auf rituelle Verköstigung Anspruch machen und damit von dieser in reichlichem Mäße versorgt werden. Während der verflossenen Peßachfeiertage hatte der Verein für nicht weniger als 102 Kranke zu sorgen, davon waren 90 Kranke im Rochüsspitäle untergebracht, wo ihnen nicht nur leibliche, sondern auch geistige Kost geboten wird, indem daselbst ei« .Bethaus eingerichtet wurde, in dem alle Sabbat und an Jom Kippur mit Minjan gebetet wird. - R u ß l a n d. Kiew, 4. Mai.. In Folge beunruhigender,' üb- ‘ rigens jetzt verstummter Gerüchte, daß hier «ne Juden-

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