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Der Israelit · 1903-05-07 · Heft 35 (7.5.1903) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 35 (7.5.1903)
Date
1903-05-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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wollen prüfen, urtheilen. junger Freund, das heißt alle Stimmen hören, auch die Stimme d?s Judenthums, welches unter seinen Vekennern Männer zählt, die gar nicht unwissend oder bornirt, in der Erfahrungswissenschaft wohl bewandert, Philosophen, Aerzte und Astronomen waren, und cxacte Wissenschaft ernst betrieben hatten. Nur leichstnnig waren sie nicht, vielmehr prüfend. urtheilend. denkend, und diese fanden durchaus keinen Widerspruch zwischen Judcnthum und Wissenschaft, just das gerade Gegenthekl: in dem Judenthum erschauten sie die Ergänzung der Wissenschaft. Die Wissenschaft belehrt uns über den Zusammenhang der sinnlichen Dinge, laßt aber die Frage offen, warum und wozu dieser Zusammenhang bestehe. Sie erklärt den Eausalnexus der sinnlichen Erscheinungen, läßt aber die Frage nach der ersten Ursache des Grundes aller Dinge unbeantwortet. Das .Judenthum gibt nun die Antwort: Gott ist der Schöpfer und die alleinige Ursache der Welt. Die Wissenschaft beschäftigt sich eingehend mit dem Menschen, sie erklärt seine animalischen Verrichtungen, sie rüstet ihn aus mit Hilfsmitteln, um seine Herrschaft über die Naturgewalten immer mehr zu befestigen, erforscht sogar die Gesetze des Denkens, aber ohnmächtig steht sie der Frage gegenüber: wo liegt die Kraft, die das alles zu Stande bringt, was erhebt den Menschen Über alle Geschöpfe? Das Judenthum gibt die Lösung: Gott verlieh dem Menschen eine Seele. Dies ist der Schlüssel für „das große Fragezeichen in der Natur", wie Jean Paul den Menschen nennt. Für die Wissenschaft bleibt es eilte unlösbare Frage, wie es übrigens ihr geaenüber dik ganze Welt ist. Und den Fragesteller selbst, die menschliche Vernunft, wie hat ihn nicht eine Afterwissenschaft abferlägen wollen? Der Gewichtsv'erlust des Gehirns beim Denken ft"te da' Denken bedeuten. Die scharfsinnigen Berechnung:n C> r-ctmcu§’ und Newtons über die Welttörpk" wu- =)en zur Hilfe gerufen, um die Bestimmung des Men'chcn zu erklären. Wenn man weiügstens durch >ses Gl: *er mit Worten auch nur einen Schritt mher g . -en wäre! Noch immer steht der Mensch r.it seim ehrten Büchern in der Hand ohnmächtig seinem E-. fale gegenüber. Die weite Kluft, die da liegt zwischen Leben und Tod, in der Zeitdauer kaum eine Sekunde, für das menschliche Denken die unfaßbare Unendlichkeit, kann die Wissenschaft nicht ausfüllen. Tie weite Kluft, die sich erstreckt von vor der Geburt bis nach dem Erwachen in's Dasein, in der Zeitdauer verschwindend gering, für das menschliche Denken ein unendlicher Unterschied, kann die Wissenschaft nicht überbriicftn. Und das Leben der Menschen zwischen Geburt.-und Tod, mit seinen Schmerzen und Freuden, mit der Hoffnung und Furcht, mit den aufregenden Leidenschaften und ruhigen Tröstungen. mit seinem ewigen Wissensdrang, bkcibt immer ein großes Räthsel für die Wissenschaft. Sonderbare Menschen, die sorglos und leichtsinnig an diesen Fragen vorübergehen und sich damit bescheiden, nichts wissen zu können, und was sie nicht wissen' können, auch nicht glauben. Und wenn die Religion auch noch so einleuchtend die Fragen beantwortet, sie glauben nicht, und wenn die Religion auch die höchsten Güter bietet, so ist sie ihnen noch immer des Preifts nicht werth, daß man ihr das geringste Opfer bringe. Verlangt denn das Judenthum den Glauben an unmögliche Dinge? Es setzt den Menschen nicht in Widerspruch mit der Wissenschaft, da fein Gebiet erü dort beginnt, wo die Grenze der Wissenschaft ist. Es hilft nur über Abgründe hinweg, in welche die Vernunft ohne Glcnrben an Gott den Menschen stürzen mnß, uv) verlangt dafür nur Eines: ..Die Wissenschaft unter nehme nicht das. was sie nicht auszuführen vermag." sie versuche nicht, dem Menschen eine Bestimmung zu geben, kurz, sie gebe*.nichts als Wissenschaft,, als das. was sie zu beweisen vermag. Spricht sie von der Ewigkeit der Materie, so beweise sie es, spricht sie davon, daß der Mensch nur Körper sei, so beweise sie es. Von einem Meinen, einem Glauben hat sie kein Recht y.i sprechen, sie verwirft ja eben den Glauben. Unbewiesene Hypothesen, die dem Jrrthum so ähnlich sehen, wolle f;** uns nicht gegen unseren guten Glauben eintauschen. Das wäre Tombak gegen Gold. * Nur d'ie Frage ist unstatthaft, warum das Juden - thum nichts beweist. Dieses braucht nichts zu beweisen, es erklärt sich nicht als Wissenschaft, sondern als Glaube. Und diesen Glauben fordert die Vernunft, um nicht in's Bodenlose zu.versinken. Der Glaube stört nicht die Wissenschaft, er erweitert sie nicht, er ergänzt sie nur. Wie verhält sich denn mit dem oft beklagten Widerstande des Glaubens gegen die Wissenschaft? oder um wieder positiv zu bleiben, des Judenthüms gegen die Wissenschaft? Stört die Schöpfungsgeschichte die Untersuchung über die Beschaffenheit der Erde? Oder fand vielleicht die Wissenschaft ein Naturgesetz, nach welchem der Mensch am siebenten Tage nicht ruhen kann? Lehrt das Judenthum vielleicht, Covernicus. habe den Lauf der Gestirne falsch berechnet, heißt es irgendwo: Du sollst glauben, daß die Erde sich nicht beweat?*> Verwirrung der Begriffe! Das Judenthum gibt Gesetze sür's Handeln, nicht für die Erfahrung. Die Wissenschaft gibt Gesetze für die Erfahrung, nicht sür's Händeln. Das Judcnthum gibt Gesetze für den Glauben, die Wissenschaft für das Wissen. Wird einmal die Wissenschaft Alles erfahren tonnen, dann wollen wir weiter rechten. Doch Alles erfahren zu können ist ihr unmöglich, denn das Unendliche kann nicht ergründet werden.' Das, was vorgibt, dieses im Stande zu sein, ist prahlerische Afterwissenschast. und werk sie an Stelle des Glaubens treten will, nur eitler Aberglaube. *) lieber"die Stelle in dom Buche Nostta m an pj?3J2 rar naben wir bereits tu früheren Nähren wiederholt gesprochen und lwerzeugend ncrchnew'esen. dast sie ebensowenig mit der modernen L'memchart in Widerspruch steht, wie die deussche Redeweise: .die «onne geht aus. die Sonne geht unter."

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