Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-05-07 · Heft 35 (7.5.1903) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 35 (7.5.1903)
Date
1903-05-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449923--58167-2522529
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ein 44* Jahrgang. M 35 GenLrat-Hrgan für das orthodoXe Iudenihum. Begründet von ©?. W&fymmnn fo %3uin%. Donnerstag, den ^udenthum und Wissenschaft.! ii. Der größte Vorwurf, den man einer Religion machen kann, ist der, daß sie den freien Aufschwung des Gedankens verhindere, daß sie der Vernunft in ihrein Fortschritte auf der. Bahn des Wissens und der Erkenntniß hemmend in den Weg trete. Durch Beispiele will man klar beweisen, wie die Wissenschaft nicht mit Hilfe der Religionen ihre Herrschaft 'in der Welt befestigt habe, und Man hört oft die Frage: Ist die Religion wirklich absolut nothwendig, da sie den Menschen in ihrem Schaffen nicht beisteht, sondern stört? Ist es nicht eine falsche Einbildung, sie für ein den Menschen angeborenes Vedürfniß zu halten, da sie den Fortschritten der Menschen, ihrer Erhebung und Veredlung nur unüberwindliche Hindernisse bereitet?- Geckach, 'wir wollen die Frage untersuchen, wir wollen sehen, ob in Wirklichkeit wahre Religion und Wissenschaft so ganz entgegengesetzte Größen sind, daß Eines das Andere aufheben sollte; oder um auf dem Loden des Positiven zu bleiben, unsere Frage in die Form bringen: Welches Verhältniß besteht zwischen Judenthum und Wissenschaft? Junger Freund, der du gerade ein eifriger Streber auf dem Felde des Wissens bist, du hast vielleicht dogmatisch geantwortet: es gibt kein anderes Verhältniß zwischen Judenthum und Wissenschaft als das vom Besiegten und Sieger. Du führst deinen Humboldt, deinen Darwin gegen die ersten Kapitel der Bibel an, vielleicht euch Haeckel und Büchner gegen die großen Ideen von Gott und Unsterblichkeit der Seele. Ich will das Register damit nicht ganz erschöpft haben; du kennst vielleicht noch viele andere Autoritätsstimmen, aber eine ' *) Vergleiche Nummer 15 und 16 dieses Jahres. 10. Jjjar 5663 7. Mai 1903. willst du nicht hören, deine innere Stimme. Und die spricht doch eine ganz vernehmliche Sprache. Erinnert sie dich nicht an die süßen Stunden, die du früher als Gläubiger genossen, und die dir jetzt ohne Ersatz entschwunden sind? Erfüllt sie dich nicht mit einer Sehnsucht nach einer besseren Welt, welche nicht so öde, so schal, so aussichtslos wäre, wie die deimge? Schrickst du nicht vor oem Pessimismus, dem modernen Mrvana zurück, in welchen d'u unrettbar versinken mußt, wenn du Die Allgewalt der mechanischen Kräfte allein als die Quelle alles Lebens betrachtest, die auch dich endlich zermalmen müssen, da kein Gott dich rettet? Du schwärmst vielleicht für ein Aufgehen in der Gattung, denn, meinst Du, wenn auch das Individuum stirbt und dabei gänzlich zu Grunde geht, so bleibt die Gattung erhalten, entwickelt und vervollkommnet sich bis- Ja, wer das wüßte, wer angeben könnte, was mit der Gattung geschehen soll, wozu diese existirt. Du hättest an diesem großen Denker ein Idol, 'den du auf den Altar deines Herzens setzen könntest, wo früher ein erb'armungsvoller, liebender, die Welt mit allmächtiger HaNd erhaltender Gott gethront hat, wo früher ein.Gott' verehrt wurde, der die Klagen der Bedrückten hört, die stillen Ähränen der ungerecht Verfolgten zählt, und zu' dem alle Schmerzb'eladenen vertrauensvoll aufblicken. Macht es dich also wahrhaft frei und glücklich, wenn du Gott, der dir eine Bestimmung und eine unsterbliche Seele gegeben, hinausescaMokirt hast, wenn du jetzt zwecklos umherirrst und' die Liebe zu allen denen, die dir theuer sind, ein Phantom nennen mußt? Was erhält dich nun im Gefühle des Rechts,' was gibt dir Sicherheit in deinen anderen Gefühlen, was bietet dir endlich Gewähr für den Ernst deiner Wissenschaft, wenn dein Leben grundlos, das Leben und die weitere Erhaltung der Gattung ganz und tzar sinnlos ist? Doch, ich bin in der Wissenschaft nicht dogmatisch wie du, ich habe große Verehrung für gewaltige Geister. Wir wollen daher nichts blindlings verwerfen, wir

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.