Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-04-30 · Heft 33 (30.4.1903) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 33 (30.4.1903)
Date
1903-04-30
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449921--58143-2522503
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

747 Fräulein Emma war in der That bezaubernd. Aber sie zählte schon 22 Jahre nach der Berechnung der Freunde. Die Mutter verstand sich nur auf 19*/,. Niemand hatte bisher nach diesem Wünd'erkinde zu greifen gewagt. Dies beunruhigte die Mutter täglich mehr. Sie war fest überzeugt, es werden sich — wenn nicht Fürsten von Geblüt, so doch Verwandte derselben — um sie reißen. Nachdem sie gesehen, daß sogar einfache Bürger, ohne Fürstrnhut, sich zu diesem Schatze nicht meldeten, daß für den Adel diese Perle zu zierlich war und einer zu kostbaren Einfassung bedurfte, begann Frau Wtorkowska (aus dem Hause Weinberg) sich den Verwandten in Israel zu nähern, indem sie die nicht unbegründete Hoffnung hegte,' daß irgend ein reicher Magnat ihres Stammes sich schneller an dies theure Kleinod machen werde, sei es auch nur, um eine Zierde des Salons zu erlangen. Mit Vergnügen hätte sie auch irgend einen Grafen angenommen. Aber sie hatte längst erfahren, daß die Grafen im Allgemeinen nicht vermögend waren. Und da sie schon so viel durch die Armüth gelitten, welche ihre Eitelkeit sie zu verbergen zwang, begann sie die Vorzüge eines reichen Bankiers zu schätzen. Emma war des glänzendsten Looses würdig, so behauptete die Mütter, so war sie selbst in ihrer Seele davon überzeugt. Zunächst war sie in der That so schön, wie nur auf Gemälden die idealen Susannen und Rähel's zu sein pflegen. Dunkelblonden Haares, schwarzäugig und schneeweißen Teints, hatte sie Züge, wie von Marmor, einen Blick voll unergründlicher Geheimnisse, und Lippen, welche sprachen, was und wie sie wollten. Die weibliche Verführungskunst war vielleicht bei keinem anderen zu höherer Stufe vorgeschritten, als bei diesem Mädchen, welches von Kindheit auf eine Kokette und Intrigantin war. Die Mutter, eine Person voller weltlicher Eigenschaften, kannte die Wichtigkeit dessen, was man das Aeußere des Menschen nennt. Sie erzog die Tochter daher zur Künstlerin, in der Kunst, in der sie selbst die höchste Stufe erreicht hatte. Täuschend verstand sie die Litteratm zu spielen, obschon sie fast gar nichts gelesen hatte, d'ke Musikfreundin, obgleich sie durchaus nichts von Musik verstand, und endlich die Weltdame, obwohl sie diese Welt nur im Negligee sah in den Bädern und einigen Salons verdächtigen Rufes. Ausgezeichnet aber spielte sie die Nolle der reichen, eleganten Frau, trotzdem sie nichtsweniger als reich war, und ihr bischen Kapital immer mehr zusaMmenschmolz. Unter den Augen einer solchen, zärtlich um ihre Zukunft besorgten Mutter, wurde „Emusia" erzogen. Man nannte sie, der Originalität halber, später „Musia", und zuletzt „Musa". die M u f e. Der Unterricht begann mit dem Französischen, dieser Sprache der eleganten Welt, mit dem Klavierspiele und leichten Solfeggio's. Die Moralität beschränkte sich auf einige bestimmte Grundregeln: dies ist nicht hübsch — das ist lächerlich — jenes ist schädlich — davon muß man nicht reden, oder das schickt sich nicht! Im Laufe der Zeit weihte die Mutter sie ein in die große Kunst der Verstellung, der gewandten Lüge ohne Erröthen, und der parsümirten, frechen Falschheit. Die Schülerin war überaus gelehrig. Die Natur hatte sie in dieser Hinsicht mit wunderbarem Instinkte ausgestattet. Schon leichte Winke genügten ihr. Sobald sie nur lesen gelernt hatte, las sie, was sie wollte. Die Mütter sah nur darauf, ob das Buch ein französisches und der Styl gut war. Bei seiner reichen Begabung entwickelte sich. das reizende Mädchen zusehends. Da es schon vom sechsten Jahre an zur Virtuosin erzogen wurde, im zwölften sich öffentlich ausgezeichnet, im achtzehnten den Ruf einer unvergleichlichen Pianistin erworben hatte, einer zweiten Clara Wieck — so bezweifelte später schon Niemand mehr, daß Chopin keine größere Lieblings schülerin hatte, als sie und daß Liszt — ohne seine Fürstin und deren Fürstenthüm — sie vielleicht geheirathet hätte. Dies gab man wenigstens unter dem Schleier zu verstehen. Musa trat immer zierlich und originell gekleidet auf, um die Augen auf sich zu ziehen; darin scheute die Mutter keine Kosten. Sie glaubte nicht an die fatalistischen Theorien, daß ein junges Mädchen auf ihr Geschick im Hause warten müsse. Sie bemühte sich, wo sie nur konnte, Musa einzuführen und zu zeigen, im Theater und in Konzerten für wohlthätige Anstalten. Bisweilen sorgte sie sogar — durch dritte Personen — für ihre lobende, enthusiastische Erwähnung im „Courier". Sie betheiligte sich an allen möglichen, Ausstellungen, damit nur auf keiner ihre Tochter fehle. _ Musa zog stets die Augen und lenkte immer die Aufmerksamkeit auf sich, und verdrehte Allen die Kopfe. Aber ihre glühendsten Verehrer erkalteten schon nach dem dritten Besuche. Die Mutter begann, wie erwähnt, schon unruhig zu werden. Sie hatte zwar ein Paar naive „Konkurrenten" — wie sie selbst sie nannte. — Einen rasend verliebten achtzehnjährigen Jüngling, und einen zweiten, schon etwas verlebten Junggesellen. Velde' aber waren arm. Und es handelte sich hier natürlich nicht darum, den Ersten Vesten zum Gatten zu nehmen. Denn solch ein Phänomen, wie Musa, mußte eine glänzende Partie machen. Obgleich sie in den Bädern die Tochter wie zur Lotterie ausgestellt. War es ihr noch nicht gelungen, irgend Linen anzulocken, nicht einmal von jenen Fürsten und Grafen, „van Tinten" Gnaden, die ihre Titel über die Grenze führen, ihre Last aber zu H'aüse abschütteln.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.