Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 33 (30.4.1903)
- Date
- 1903-04-30
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Musa hatte unter vier Augen seufzend erwähnt, man habe neulich die Künstlerinnen so glänzend honorirt, daß das Theater .... Die Mutter beunruhigte das. Mußte man schon so tief sinken, so tief, um für Geld singen zu gehen? Emma hatte eine wunderschöne Stimme, eine vortreffliche Schule, eine bedeutende dramatische Ausbildung. Aber schon beim Gedanken an einen so tiefen Verfall weinte Frau Wtorkowska. Hier aber — man muß schon Alles eingestehen — waren die Fonds so berechnet, daß sie zu einem luxuriös-eleganten und — galanten Leben, wie man es führte, kaum bis zu Musa's — 23. Jahre ausreichen konnten. Die Mutter sagte sich selbst, daß sie eine glänzende Heirath machen und sie bei sich aufnehmen müsse, und zwar vor dem fatalen Ende und dem gänzlichen Ruin. Und hier war Keiner, Keiner! Musa verkehrte früher oft mit der Mutter und der Gouvernante in Tilda's Vaterhause. Sie war eine Freundin und Jugendgespielin der Frau Segel. In jenem denkwürdigen Gärtchen traf sie manchmal mit Jakob zusammen. Jakob gefiel ihr damals ziemlich gut. Aber — ca.s redhibitoire — er war arm. Damals war sie von der Höhe ihrer gesellschaftlichen Stellung und Hoffnung aus ziemlich gleichgültig mit dem jungen Burschen umgesprungen. Später bedauerte sie sammt ihrer Mutter, daß sie nicht Alles voraussehen konnten. Man verlor Jakob aus den Augen, aber er 'war noch nicht verheirathet. Die Mutter erfuhr dies, lauerte ihm auf und setzte sich hartnäckig in den Kopf, ihm die Tochter aufzudrängen. Nach ihrer Meinung konnte man mit etwas gutem Willen jene trockenen und kalten Jugenderinnerungen leicht zur flammenden Gluth anfachen. Mutter und Tochter hatten längst vor sich keine Geheimnisse mehr, und waren vielmehr, wie zwei gute Freundinnen, die mit vereinten Kräften intriguirten. An demselben Tage, als Jakob nach seiner Heimkehr zu jenem Diner im Segel'schen Palais zugezogen worden, kehrte in das Häuschen auf der Allee Frau Wtorkowska außer Athem allein aus der Stadt zurück, und fand di'e Tochter am Fenster auf dem Chaiselongue liegend und in einem Feval'schen Romane lesend. An der Thii^e blieb die Mutter ean amore ein Weilchen stehen, schaute auf ihr Kind und rief erfreut: „Wie reizend Du mir heut erscheinst! Und das ist gut! Denn ich habe große Pläne mir Dir vor: etwas Riesiges, tvas uns getingen muß! Jetzt müssen wir siegen oder — sterben! Denke Dir, eben erfuhr ich: Jakob, Dein guter Bekannter, jener Junge, welchen Tilda's Vater erzogen hat, und dem jener Berliner Bankier sein ganzes Vermögen verschrieben hat, ist von seiner langen Reise heimgekehrt — nach Warschau — ist hier!" „Jakob? 2lh, ich weiß schon! Ich weiß!" „Ich habe eine Ahnung, ja, ich bin fast dessen gewiß. daß er für Dich bestimmt ist!" „Aber Mamachen!" „Eine Ahnung! Verstehst Du? Das Mutter- Herz!" rief außer Athem die etwas feiste und daher leicht echauffirte Frau. „Ich weiß ... Ich will! „Et ce que la femme vent!“ ..Le diable le vent avoir!;t ergänzte stilllächelnd die Tochter. „Ah! Das war sehr geistreich! Das beweise doch einmal im Salon! Das macht Effekt. Aber wende es nur nicht auf mich an!" „O, darüber sei ganz ruhig, Mamachen! Ich brachte dies schon ein paarmal an, immer mit großem Effekte!" „Yous etes sublime d’esprit!;t rief die Mutter, ie auf die Stirne küssend. „Mer höre mich an," .fuhr ie fort. „Diesen Jakob muß man kennen. Es traf sich für mich sehr glücklich; ich erfuhr von ihm so Manches. Wir müssen vorsichtig und behutsam verfahren, mit Berechnung und — Würde!" „Auch darüber, Mamachen, kannst Dü ruhig sein! Sah ich ihn auch seit langem nicht, so kenn' ich ihn doch durch und durch! Ich habe ein vortreffliches Gedächiniß, und, ohne Mir zu schmeicheln, einen stark entwickelten Instinkt," flüsterte Musa. „Ich werde keinen falschen Ton anschlagen!" „Halt!" unterbrach sie die Mutter unruhig. „Mit ihm darf man — Gott bewahre — nicht allzu brillante, zu heiter, oder zu witzig sein; da bedarf es des Ernstes, der Bescheidenheit, der Poesie und. Du weißt ja, des Ideals!" „Weißt Du aber, Mamachen, ich habe schon erforscht, daß er liebt!" „Er. wen denn?" „Tilda! Oder sie liebt ihn! Aber das ist einerlei — genug, es war Etwas zwischen Beiden! Noch weiß ich nicht, ob das schon verflogen Hst!" „Aber wie viele Jahre ist das her! Sie ist vor der Zeit verblüht, ja häßlich geworden, und noch dazu verheirathet! Was kann uns dies schaden? Im Gegentheil, es beweist nur, daß er sich verlieben kann! Denn heut' sind diese abscheulichen Männer, wie Du weißt, fast Alle nur wandelnde Eisschollen! Keiner greift nach solcher Zauberin, wie Du es bist!" „Mamachen!" entgegnete Musa, „sie lügen Alle! Das weiß ich am besten! Schon der Gedanke an Heirathen verscheucht sie. Das liegt im Zeitgeiste!" „Soviel aber weiß ich von gutunterrichketen Personen, das wiederhole ich Dir," fügte die Mutter hinzu, „Jakob ist ein ernster, gefühlvoller Mann, sogar ein wenig jüdischer Pietist! Verstehst Du? Man muß für ihn auf der Stirn den Stempel der tausendjährigen Sehnsucht des Exiles tragen, oft darüber sprechen und seufzen. Man muß poetisch, recht poetisch und ernst sein!" (Fortsetz. folgt.)