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Der Israelit · 1903-04-30 · Heft 33 (30.4.1903) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 33 (30.4.1903)
Date
1903-04-30
Page
– (sequence 18)
Language
German
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„Ja, Weil ich wünsche. Sie möchten recht zufrieden und glücklich sein!" „Welch' vortreffliche Arznei!" flüsterte Simon. „Laß rnich schon bleiben, wie ich bin!" „Ja, ja! Laßt ihn nur zufrieden!" schloß Simon. „Das macht sich auch ohne Euch! Mag er nur bei den Müttern sich erkundigen, sich die jungen Damen ansehen — sie werden ihm schon Rath geben, ohne fremde Hülfe! Das ist nicht unsere Sache. Er wäre im Stande, uns später den Prozeß zu machen — Gott bewahre uns vor solchem Unglücke! — um seine Verluste, oder auch," fügte er leiser hinzu, „um seinen Zuwachs!" Jakob war der Held des Tages. Man fragte und forschte ihn aus. Er hätte vermuthen können, daß man ihn nur aushorchen wollte, um ihn besser kennen zu lernen, wäre in seiner Natur mehr Argwohn gewesen. Bald dieser, bald jener legte ihm Fragen vor, als wollte er seine Denkungsart über verschiedene Gegenstände aufklären. Beim Dessert, welches 'nicht minder opulent war, als das ganze Diner, wandte sich Mann niit der Frage an Jakob: „Nun, was gedenkst Du jetzt zu thun?" „Mir scheint, daß ich davon schon sprach. Ich will mich dem tieferen Studium unseres Gesetzes und Glaubens widmen!" . - „Nun nun! Das ist eine Jugendkrankheit, die für das Leben nicht ausreicht. Aber das wird vorübergehen!" ' ' Jakob schwieg. Man begann von Musik zu sprechen. Dann erhob man sich von der Tafel. Beim schwarzen Kaffee drängten sich Alle, außer Jakob, in eine Nische, und Tilda's Vater fragte Mann: „Nun, was denkt Ihr von ihm?" „Er ist ein ungewöhnlicher Mensch, der uns sehr nützlich werden könnte. Aber er hat einen Nagel im Kopfe — diese Religion. Ich selbst muß einräumen, sie ist nothwendig für die Menge. Aber wir Aufgeklärten dürfen uns von ihr nicht fesseln lassen!" „Ja, Alterchen," enkgegnete Simon, „Du hältst die ReÜgion für eine Rumford'sche Suppe, mit der Du die Armen speisest, während Du selbst die Moc- Furtle vorziehst!" „Nun, so ist es!" sprach Mann. /.Das ist nichts Neues!" „Mir scheint, daß ihm dieser religiöse Taumel schon vergehen wird," sprach Heinrich. „Das ist nur Jugend, Poesie und Pietismus zugleich! Man muß ihn nur zur' Arbeit einspannen, dann kann er sehr brauchbar werden!" „Ohne Zweifel. Sehr gut ist es, obschon er sich als Jude laut bekennt, der Jude an ihm nicht zu erkennen ist! Wenn et nur nicht so oft davon reden wollte!" „Das wird er sich schon abgewöhnen!" Man reichte Cigarren. Neue Nachmittagsgäste waren angekommen. . Jakob lauschte Tilda's Vorträgen auf dem Pianoforte. Der Kopf schwirrte ihm von diesen langen, sonderbaren Unterhaltungen. Während sich dieses in dem Prachtgebäude auf der Allee bei Herrn Heinrich begab, wurde die Verschwörung, die man dort bei Tische aUgezettelt, indem . man von der Ehe sprach, als ein Anschlag auf Jakob's Herz und Freiheit, im Geheimen nur wenige Schritte von dort entfernt fortgesponnen. Von Segels Palais nur durch zwei oder drei Gärten getrennt, stand dort ein sehr niedliches Häuschen, ganz umwunden von Epheu und wildem Wein, mit 'einer Veranda, bunten Fenstern und geschmackvollen Holz- und Steinverzierungen, welche, wenn auch nicht mehr in der ersten Frische, sondern schon etwas von der Feuchtigkeit beschädigt, einen noch immer originellen Schmuck abgeben. Dieses Haus hatte der Besitzer niem'als bewohnt, und zwar gerade deßhalb, weil er zuviel Geld darauf verwandt hatte. Nachdem er sich durch diese kindische Phantasie ruinirt, mußte er das trockne Brod der Reue essen. Ein Administrator vermiethete.dies. Spielzeug dem Ersten Besten für den Sommer. Im Winter stand .es unbewohnt und ungeheizt. Aus den Augen blickte ihm auch dies Verwaistsein, dieser Mangel an einem Herrn, der es liebte und hätschelte, obgleich es einst nur zu sehr geliebt und gehätschelt worden war. Für dieses Jahr eben war das grüne Häuschen an Frau von Wtorko'wska nebst Tochter vermiethet worden. .. '■ Diese Frau war die Wittwe eines Kaufmanns und Spekulanten, dem das Geschäft nur Unglück gebracht hatte, weil er in glücklicheren Tagen einer Menge Passionen sich hingab, die ihn ruinirten, sobald die Geschäfte irgendwie zu schwanken begannen. Wtorkowski war ein sehr gewandter und geistreicher Neophyt, der sein Glück anfangs sehr schnell gemacht, aber es noch schneller verloren hatte. Zuerst halb verrückt vor Geiz, wurde er später plötzlich zum Verschwender, erkrankte an Größenwahn, und starb fast als Bettler. Seine Frau war, wie man sagte, viel mit daran schuld. Denn sie verbarg so Manches in der Schürze vor den Gläubigern, und rettete für sich einen Theil des Vermögens. Aber viele arme Leute fielen Ms mit ihren Forderungen. Sie lebte jetzt von diesen geheimen Resten immer noch mit Eleganz, wenn auch nicht vom ersten Wasser, so doch in d'en Prätensionen der großen Welt. Sie hatte beständig französische Brocken auf den Lippen, konnte ohne Kammerdiener nicht bestehen, ebensowenig ohne Spaa, Ems und Paris, und war sehr besorgt um die Zukunft ihrer Tochter, die sie zu einem wahren Wunder erzogen hatte. .

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