Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 33 (30.4.1903)
- Date
- 1903-04-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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735 - O, dieses Andenken, die Völker selbst frischen es auf, die heute noch den Platz auf dieser Welt ihnen neiden. Der ruffische Riese setzt seinen Fuß auf ihren Nacken und quält sie bis zur Zerfleischung. Der blonde Germane ermüdet nicht, durch Nadelstiche sie mahnend zu erinnern, daß noch immer schwarz das Haupthaar sie umwalle, noch hangend sei die Schulter und gar nicht teutonenHaft die Krümmung ihrer Nase. Da wendet thränend der Blick vom Festlande Europas sich ab und schaut voll Hoffnung auf die gewaltige Insel inmitten des Ozeans, deren weiße Kreidefelsen Me Grüße der Freiheit, der Duldung und Gleichberechtigung heruberwinkem Brittania jjt die Herrin des Meeres; und gleich dem Meere, das in seinem dunkeln Schoße einer ganzen Welt das Leben spendet, das auf seinem Rücken willig alles trägt, was sich ihm darbietet, hat auch sie ihr Land Jedem geöffnet, der da kommen will, und reicht ihre vollen Brüste allem dar, was nach Leben lechzt und nach Erquickung. Wohl hat auch Englands Geißel Judas SkamM blutig getroffen in vergangenen Tagen. Düster ist das Gemälde, das wir aus Englands Geschichte aufzurollen im Begriffe stehen. Aber dieses Gemälde, ohne Haß und Erbitterung, enthüllen wir es: Englands Gesetze haben längst vergangenes Unrecht gutgemacht. London, die Hauptstadt Englands, ist die gewaltigste Stadt der Erde. Gleich einem ewig hungrigen Ungeheuer hat sie alle umliegenden Orte verschlungen und mit deren Vernichtung den stolzen Vau ihrer Größe vollendet. Fünf Millionen Seelen wohnen hier an einem Orte zusammen. Der Mensch, dem es verliehen wäre, auf Fittigen hoch in die Lüfte sich zu erheben und von hier ans mit einem Blicke alle Wohnstätten zu durchdringen, wurde voll Schaudern das Auge von diesem ewig sich wiederholenden Bilde menschlichen Entstehens und Vergehens abwenden, denn in London wird alle sieben Minuten ein Kind geboren, alle neun Minuten stirbt ein Mensch. Aber wie alles aus Kleinem erst allmählich sich entwickelt. war auch London nicht von jeher groß, und zumal zur Zeit unserer Erzählung konnte es recht still in den heute so lebhaften Straßen ausfehen, wenn nicht gerade, wie damals, eine Festlichkeit bevorstand und die Schaulust Jung und Alt auf die Beine brachte. "König Heinrich II. war gestorben und erleichtert athmete sein Volk auf.. Wohl hatte er mit gewaltiger Faust das Szepter geführt und voll Kraft das Schwert geschwungen,.aber nicht zu seines Landes Größe und nicht zu seines Volkes Heile. Im sonnigen Frankreich hatte seine Wiege gestanden, dorthin auch hatte es ihn immer gezogen. Für weite Eroberungen in Frankreich hatte er das Blut feiner Unterthanen verspritzt, Eroberungen, die dennoch nimmer auf die Dauer behauptet > werden konnte». Als anumschranlter Herr hatte er über seine Unterthanen gebieten wollen/ aber selbst nur die Glieder seines eigenen Hauses unter seinen Willen zu bannen, war ihm nicht geluntzen. Empört wendet sich das Auge von dem widrigen Schauspiel ewigen Haders zwischen Vater undSöhnen ab, doch fast mehr noch den Vater verurteilt die Geschichte, als Gattin und Söhne. Er, der eigenwillige Selbstherrscher, hatte natürlich auch dem Machtgebot der Kirche sich nicht fügen wollen; als einen Feind Gottes nicht minder, als der Menschen, hatte man ihn zu Grabe getragen. So war denn der Jubel groß, als Richard, Graf von Poitou, bekannt unter dem Namen Löwenherz, den Thron seines Vaters bestieg. Gleich die ersten Handlungen des neuen Regenten liehen seine hervorstechenden Eigenschaften erkennen: Seine Freigebigkeit, die gar häufig selbst über seine ansehnlichen Mittel ging, seine Ritterlichkeit und Groß-; muth, die auch der erbittertste Feind von ihm erwarten durfte, seine Frömmigkeit, die das beste Einvernehmen zwischen Thron und Kirche hoffen ließ.. .; Doll Eifer rüstete sich das Volk, die Krönung würdig zu begehen. Aus allen Gegenden strömten Leute zusammen, die auf den engen Straßen die gar zierlich ge-' schmückten Häuser begafften und alle Bekannte begrüßten, mit denen sie wohl früher einen Kriegszug nach Frankreich oder gar nach Jerusalem gemacht halten, lleberall bildeten stch Gruppen, die mit einander die neueste Nachricht besprachen, daß der König schön einen Kreuzzug gelobt habe, an dem sogar der Frankenkönig Phlipp August, ja selbst der großmächtige römische Kaiser, dessen Vart nicht minder gewaltig sei, als er selbst, theilneh'men werde. ' Allgemeine Begeisterung herrschte für den König, und wenn gar, hoch zu Roß, gefolgt von einem Föhn- : lein erzgepanzerter Reiter, ein KriegsMann' vorbeizog. und mit vollen Händen Geld unter die Menge streute, da kannte der Jubel keine Grenze mehr und helle Freude, lag auf allen Gesichtern. Aber mitten durch das Getümmel schritten zwei-. Männer, denen es nicht fröhlich zu Muthe zu sein schien^ Beide hatten sie dieselbe Kleidung, lange, wallende Gewänder, die die Glieder bis zu den Füßen verhüllten, und einen breitkrämpigen, dunklen Hut, der das Gesicht, völlig beschattete. Doch so sehr sie sich auch äußerlich glichen, waren sie gleichwohl bei einem näheren Blick, nicht wenig verschieden. . Der eine war ein kleiner Mann, dessen Rücken gekrümmt, dessen Kopf gesenkt war und dessen Augetz^' scheu den Boden suchten. Ein schon stark im Ergrauen-, begriffener Bart fiel ihm bis zum Gürtel und vereinigte - sich an den Schläfen mit dem Haupthaar/ SeineAugen.^ hatten ihren Glanz verloren und .WehMuth. seinen Zügen, und leise, ganz leise trat er äüs/ als tete er, daß sein Tritt trotz des M^ens.Ä'H':KinWM; hallen könnte^. —1 j Der andere r'var* weit junger^-' schwarzer Bart umrahmte sein Gesicht. Sein Haupt-