Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 32 (27.4.1903)
- Date
- 1903-04-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449920--58113-2522472- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Weges nach Suczawa, dann nach Czernowitz, wo er seine Frau mit den Kindern antraf, die allesammt in gleicher Weise gewaltsam über die Grenze geschmuggelt worden waren.. v Der Fall Appel ist nichts weniger als vereinzelt. Die österreichischen und. die ungarischen Grenzämter stnd. in der Lage, dies zu bestätigen. Wenn über die . harte rumänische „Fremden" - Gesetzgebung geklagt wird, so hört man hie und da die Entschuldigung, die Gesetze würden nicht so strikte gehandhabt. Das ist wahr. Laune und Willkür entscheiden bald für eine i laxere, zumeist aber für die grausamste, selbst die Härte des Gesetzes überschreitende Anwendung. Es kommt . darauf an, wie oben der Wind weht. „Für Euch Juden gibt es kein Gesetz!" erklärt offen und ungescheut der Polizeipräfekt in Bukarest, und erklären und handeln danach die großen und kleinen Bezirks-Paschas des * Landes, v; R e u i 11 c t 0 st. ©ölt Aobevt KärrLerrr. 134 '• •:'; ‘ (Fortseh. und Schluß.) Und nun erzählte die Alte das nächtliche Begegniß, das wir kennen, mit lauter Stimme, oft von bitteren Reuethränen unterbrochen. ' Lauklose Stille herrschte bei dieser Enthüllung. Der Jubel der Judenfeinde hatte ein Ende. Die ganze Stadt und Umgebung war plötzlich von der Unschuld der Juden überzeugt, sowie von der Schändlichkeit ihrer Feinde, denen kein Mittel zu schlecht war, um die Juden zu verdächtigen. -; „Ich habe mit Absicht keinen der falschen Zeugen vereidigt, weil ich von der Verlogenheit ihrer Aussagen . vom ersten.Augenblick an überzeugt war. Damit auch Ihr alle, die Ihr hier seid, der Verhandlung beiwohnen . konntet, deßhalb habe ich diese Gerichtssitzung in breitester Oeffentlichkeit veranstaltet. Von den falschen Zeugenerhält 'jeder fünfzig Ruthenhiebe; Porikonski ist zum /Tode durch den Strang verurth'eilt, und Maria . Makofski's Straft bleibt noch unentschieden, bis ihr Geisteszustand festgestellt ist, sie bleibt aber bis dahin in Haft. Feiwel Schick, Ihr seid frei, und für die unschuldig-verbüßte dreiwöchentliche Haft erhaltet Ihr eine Entschädigung, die zu bestimmen ich mir vorbe- . halte. Findet Euch zu diesem Zwecke morgen früh um 10 Uhr auf dem Schlosse ein; Ihr seid frei!" Ein ungeheurer Beifallssturm folgte diesen Worten. Das von Natur gutmüthige, aber durch charakterlose Aufwiegler bethörte und fanatrsirte Volk trug den unschuldig Eingekerkerten auf den Schultern in sein Heim zurück. . Die Frau Baronin und Pater Firmian beglückwünschten den Baron zu dem großen Erfolg, den seine Weisheit und Umsicht errungen hatte und begäben sich in das Schloß. Sie hatten sich noch kaum wenige Stünden von der Aufregung des Tages erholt, als der Gefangenenwärter die Meldung brachte, die eintzezogene Maria Makofski wünsche einen Geistlichen, sie fürchte zu sterben, sie wolle ihr Gewissen noch vorher durch di- Veichte erleichtern. Der Baron wollte schon den Gefangenenwarter an den nächsten Popen verwerfen, aber Pater Firmian machte auf . Französisch darauf aufmerksam, dass die Person vielleicht viel mehr wisse, als man ahne. Er wisse nicht, wie weit die Popen bei den judenfeindlichen Umtrieben selber die Hand im Spiele haben, er wolle deßhalb selber die Beichte abnehmen. Der Baron fand dies sehr am Platze und begleitete Pater Firmian in's Gefängmtz. Dort fanden sie die Alte in ihrer halbdunklen Zelle, auf einer Holzpritsche kauernd. Pater Firmian ging direkt auf die Gefangene zu. während der Baron, ohne ein Wort zu sprechen, am Eingänge stehen blieb. . »Ihr habt nach einem Geistlichen geschickt, um zu beichten, ich bin von dem obersten Gerichtsherrn zu diesem Zweck zu Euch geschickt; was habt Ihr eigentlich auf dem Herzen?" „Gott sei meiner arMen Seele gnädig. Mich drückt schon seit vielen Jahren eine schwere Last. Aber als ich heute nach langer, langer Zeit, zum 'ersten Male wieder den Verwalter Schick sah, wurde alles wieder lebendig, und mein Gewissen läßt mir keine Ruhe mehr. Es ist eine alte, lange Geschichte. Vielleicht sind es schon dreißig Jahre her, da fuhr eine feine Dame in unser Dorf direkt zum Popen. Einige Stunden später sahen wir sie wieder fortfahren. Kaum hatte sie das Dorf verlassen, so kam der Pope zu uns und sagte, die Dame wolle ein kleines, wenige Wochen altes Kind in eine Familie unierbringen, und wenn wir es nehmen und erziehen wollten, so erhielten wir hundert Rubel. Der Pope hat vielleicht das Zehnfache erhalten, aber wir waren frob und nahmen das Kind und die hundert Rubel. Etwa 14 Tage später holte uns Feiwel Schick für die Erntearbeiten ab, meine Eltern und ich gingen auch mit. auch zwei kleinere Geschwister, die ich zu versorgen hatte. Das angenommene kleine Kind mußten wir selbstverständlich auch mitnehmen. Es -war uns allen eine Last; aber die eigentliche Arbeit mit seiner Versorgung hatte ich, das Geld hatten die Eltern. Das blieb ihnen auch, wenn das Kind plötzlich gestorben wäre, und es starb plötzlich. Auf der Rückfahrt legte ich