Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 90 (12.11.1903)
- Date
- 1903-11-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449972--59416-2522450- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1972 Zrltungsnachklchte»» «mV Corrcspoode«;e«. Deutschland. Berlin, 9. Nov. Ein eigenartiger Briefwechsel zwischen dem Redakteur des .Jüdischen Volksblattes" und den drei liberalen Kandidaten für die Landtagswahl in Breslau, Professor Dr. Doormann. Bergrath Gothein und Professor Dr. Kaufmann, wird jetzt in jener Zeitung veröffentlicht. Ihr Redakteur Dr. Neustadt hatte an die drei Kandidaten die Anfrage gerichtet, ob sie bereit sein würden, im Abgeordnetenhause im Interesse der Gerechtigkeit und des Liberalismus für die Gleichberechtigung der Juden einzutreten. Dr. Doormann wies in seinem Antwortschreiben auf das Programm der Freisinnigen Volkspartei hin. nach welchem diese Partei ausdrücklich gleiches Recht für alle Bekenntnisse fordere, und fugte hinzu, daß er mit voller Ueberzeugung auf dem Boden dieses Programms stehe. Mit dieser Antwort war jedoch Dr. Neustadt noch nicht zufrieden; er verwies Dr. Doormann in einem zweiten Schreiben auf die in der freisinnigen Volkspartei vorhandene antisemitische Unterströmung, die sich an den Namen des Abg. Kopsch knüpfe, und verlangte von ihm zu wissen, ob er auch von der Tribüne des Abgeordnetenhauses ohne Rücksicht auf jene Unterströmung für die Gleichberechtigung der. Juden eintreten werde. Diese Anfrage bejahte Dr. Doormann. und um seiner erneuten Erklärung größeren Nachdruck zu geben, bemerkte er noch, daß er bei der letzten Reichstagswahl für zwei Juden thatkräftiz eingetreten sei und einen derselben mit aufgestellt habe. Bergrath Gothein erklärte sich in seinem Antwortschreiben auf die Anfrage des Dr. Neustadt als der „energischste" Gegner jedes Antisemitismus,' zumal dieser seiner Partei „leider" in vielen Wahlkreisen die Möglichkeit nehme, hochgeeignete jüdische Männer mit Aussicht auf.Erfolg als Kandidaten aufzustellen. Am Schlüsse sagt er, daß er die Praxis, Juden von den meisten Beamtenstellen auszuschließen, für einen Rückfall in die Barbarei halte. Die „frische Offenheit", mit der Abg. Gothein sein „Glaubensbekenntniß" über den. Antisemitismus abgelegt hat, hat ihm von Dr. Neustadt herzlichen Dank und lebhafte Anerkennung eingetragen. Der interessanteste Briefwechsel, der hier in Betracht kommt, ist der mit dem nationalliberalen Professor Dr. Kaufmann. Das Schreiben, das Dr. Neustadt an diesen gerichtet hatte, enthielt u. a. die Bemerkung, es sei ausgefallen, daß die nationalliberale Partei sich im Februar 1901 an den Verhandlungen über die Zurücksetzung der Juden bei der Besetzung der Notariate und über die hierbei beobachtete Haltung de» Justizministers nicht betheiligt habe. Der ^uhrer er Partei, Abg. Dr. Krause, habe seine Zurückhaltung damit begründet, daß er. wenn er das Wort ergriffen haben würde, mit großem Eifer hätte sprechen muffen und dadurch den Widerspruch anderer Fraktionsgenossen herausgefordert hätte. Die Erwiderung Tr. Kaufmann's auf dieses Schreiben war nun sehr vorsichtig und ausweichend gehalten, sie enthielt der Hauptsache nach nur die Bemerkung, daß eine Erörterung der Sache dem klerikal-konservativen Kartell nützen werde, und die Zusage, daß Dr. Kaufmann, da er nicht selbstständig darauf eingehen mochte, den Brief Dr. Neustadt's zunächst dem Vorsitzenden des liberalen Wahlkomiiees vorlegen werde. Mt dieser Antwort war Dr. Neustadt sehr unzufrieden, wie aus dem Schluffe seines Erwiderungsschreibens deutlich hervorgeht; hier machte er nämlich dem Profeffor Dr. Kaufmann den Vorwurf, daß er die Oeffentlichkeit in einer Frage scheue, die für ihn (Tr. Neustadt) ebenso diel werth sei, wie jenem sein öffentlicher Kampf gegen die katholische Kirche. Auf diese Erwiderung folgte ein nochmaliger Briefwechsel, durch ihn wurde jedoch kein Einverständnis zwischen beiden Herren erzielt. Von den drei liberalen Kandidaten ist offenbar der Abg. Gothein im Sinne des Judenthums der zuverlässigste. Bemerkenswerth ist allerdings in seinem Schreiben das Zugeständniß, daß auch in den Kreisen seiner Partei vielfach von der. Aufstellung jüdischer Kandidaten im Hinblick auf die antisemitische Bewegung Abstand genommen werden müsse. Also selbst in der Barth'schen Grupp; mutz man dieser Bewegung Rechnung tragen? Daß nun in der nationalliberalen Partei antisemitische Strömungen herrschen, ist schon lange bekannt. Dr. Neustadt ist sogar mit Dr. Kaufmann noch recht glimpflichverfahren, indem er lediglich an die Schweigsamkeit dieser Partei bei der Verhandlung über die Notariate erinnerte. Er hätte noch hervorheben können, daß für den von den Abgg. Dr. Jrmer und Frhr. v. Zedlitz gestellten Antrag, in dem das Abgeordnetenhaus dem Justizminister für sein Vorgehen bei der Besetzung der Notariate zustimmte, auch die nationalliberale Partei 'gestimmt hat. Dr. Kaufmann kann gewiß zufrieden sein, daß er an jene Abstimmung, welche dem Anträge eine erdrückende Mehrheit brachte, von Dr. Neustadt nicht erinnert worden ist. Vielleicht läßt ihm der Vorsitzende des liberalen Wahlkomitees, von dem er offenbar wegen seines Verhaltens Instruktionen erbeten hat. auch eine Auskunft zukommen über die Stellungnahme, die er zu jener Abstimmung einzunehmen hat. falls er an sie erinnert werden sollte. Berlin, 10. Nov. Die Vereinigung deutschnationaler Juden ist nunmehr perfekt geworden. Die Hauptpunkte ihres Programms lauten: Die „Vereinigung deutsch-nationaler Judenmacht es sich zur Aufgabe, den gesellschaftlichen wie den 22 ■V iri'rin