Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-11-12 · Heft 90 (12.11.1903) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 90 (12.11.1903)
Date
1903-11-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449972--59413-2522447
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Menschen sollten vor Richtern, wie Sie es, verehrte Herren, sind, kein Gehör finden dürfen. Wenn ich aber sebe, wie man selbst solche Dinge glaubt, wundere ich mich nicht niehr über die sog. Blutbeschuldigungen, von welchen man nicht weiß, ob sie eine größere Lüge, oder eine größere Thorbeit sind, da sie doch unserer heiligen Religion widersprechen, die den Blutgenuß untersagt. Man sieht daraus, wie wahr das Wort der Altvordern ist, daß Liebe und Haß das Geradeste krümmen." Daraus entgegnete der Kanzler: „Ich will, mich mit Euch in keine Diskussion über Eure geheimen Sünden einlassen, wir haben genug an denjenigen, die offen vor aller Welt daliegen. Ihr nehmet von den Christen Zinsen ohne Maß und hintergcht sie mit Euern Geschäftspraktiken, denen nicht beizukommen ist, in Stadt und Land. Ohne Zweifel ist -Euch das durch Euere Rabbiner (gemeint ist der Talmud) erlaubt worden, weil wir eben in Euern Augen als Heiden angesehen werden." „Was man uns hier vorwirft." entgegnete ich, „ist uns bereits gerade durch den Talmud untersagt, daß wir es nicht einmal gegen Heiden hier oder im heiligen Lande verüben dürfen. Die Vorschrift der Thora, keine Seele am Leben zu lassen, bezieht sich nur auf die sieben Volker, welche damals im Lande Kanaan, also in dem Lande wohnten, das uns Gott zum Besitze gegeben. Aber selbst diesen geschah nichts, wenn sie freiwillig das Land verlassen wollten. Mit den Völkern anderer Lander lebten wir jedoch in Frieden und Einiracht. Selbst wenn sie zu Zeiten uns untergeordnet und tributpflichtig, so legten wir ihnen doch nie den Gewissenszwang auf, unsere Religion annehmen zu müssen und hinderten sie niemals an allem, was sie nach dieser Seite bin wollten. Auch schickten wir niemals Missionäre in andere Länder sie zu überreden, die jüdische Religion anzunehmen. Was den zweiten Punkt betrifft, so ist mir nicht bekannt, daß Unreellität im Handel wirklich etwas sein sollte, das sich nur bei Juden findet. Läßt sich Jemand einen richtigen, greifbaren Betrug zu Schulden kommen, so läßt ihn kein Strafrichter frei ausgehen, am wenigsten, wenn der Betrüger ein Jude ist. Und die kleinen, unreellen Geschäftspraktiken, von diesen ist doch in Wirklichkeit Keiner frei, und es gibt kein Geschäft, das davon ver-, schont bliebe. Sirach sagte schon: Wie der Nagel Ein- . Sang zwischen einem Stein und dem andern findet, so .. waltet der Trug zwischen Käufer und Verkäufer. Ein : griechischer Weiser, saate mir einmal: „Messen und . Märkte sind eigentlich die Orte, die Menschen dazu einaerichtet haben,. sich gegenseitig zu täuschen." Sie 'können nun aber fragen, warum die Juden gerade den Handel zu ihrem Geschäfte wählen. Darauf habe ich zu erwidern: Wenn die Juden den ^Handel nicht betrieben, so würden ihn die Christen betreiben. Wo der Jude einen Gulden Gewinn nimmt, würde-der „Christ deren vier nehmen, denn, er braucht'mehr.l^r steH größere Ansprüche an das Leben. Freilich/ können. Sie mir darauf, meine Herren, entgegnen," von unferest christlichen Brüdern würden wir dies schön hmnehmM aber nicht von fremden Menschen, mit denen wir nichts gemein haben, wie Ihr Juden es seid< »s „Ihr habt mir die Worte aus dem Münde nommen." bemerkte der Kanzler. - „Mein Kind ist mir lieber, wenn es auch noch so häßlich und verkrüppelt ‘ wäre, als ein fremdes Kind, selbst wenn, das ftMde Kind wohlgebildet ist. und wenn nun gar ch'as ft<Mde Kind häßlich und ungestaltet ist. wie Ihr Juden--es seid!" - - „Gestatten Sie. verehrter Herr," entgegnete. ich, „daß ich auf diese Worte mit einem kleinen Glrichtnß antworte?" „Es ist Ihnen gestattet." erwiderte der Kanzlers ' „ich möchte nicht, daß Ihnen die Mittel zu Ihrer Vertheidigung beschränkt werden sollen, sondern ich möchte' Ihre Unschuld, auch wenn wir über Sie zu Gericht'; sitzen." : . „Es war einmal ein sehr reicher Mann," hob ich' an, „der ein schönes Schloß und nur zwei Söhne hatte^ Nach seinem Tode, statt sich die Hinterlassenschaft brikderlich zu theilen, maßte sich der Jüngste alles, was der Vater zurückgelassen hatte, an, und vertrieb den älteren Bruder, von allen Mitteln entblößt, aus dem väter< lichen Palaste, so daß der verstoßene Bruder genöthigt war, sich an der Palastpforte zu postiren und sich von dcn Abfällen zu ernähren, welche ihm die Diener des' Bruders aus der Küche hinwarfen. Als dies der reiche '- Bruder hörte, untersagte er dem Armen auch diese ge-' ringfügiae mit so viel Verachtung verbundene Wohl^ that und erlaubte ihm nicht einmal mehr, an der Schloßthllre zu stehen. Als der König von' diesem 1 Vorgang erfuhr, zürnte er sehr; an der Thllre hatte er, den armen Bruder doch wenigstens ' belassen ' sollen.' Weil ihm aber der hartö Bruder auch das versagte,., ordnete der König an, die Sache solle jeht einmal umgekehrt gehalten werden. Der ältere Bruder.soll best. Palast beziehen und der jüngere soll daraus Verstößen. werden. Sick an der Thüre zu. postiren soll ed/aber', das Recht haben und dem älteren soll, es niemals zusieben, ihn von dort zu verdrängen: sollte er dies den-.', noch thun. so wird der frühere Zu stand'wieder, her-" gestellt. — Die Anwendung liegt auf der Hand:^ Wir 5cuden sind der ältere Bruder, denn unsere Religion ist , die ältere. Zur Zeit sind Sie die Herren und wir/sinv^ arm und bloß, an allem, und besitzen nichts, als di<^ paar armseligen Brocken, die unser Handel abwirft^ - Aber meine Herren, ich .lebe der'festen Ueberzeügunq, werden einmal andere Zeiten und Änschauungen -kom-' / men,' der jetzt verstoßene Brüder wird noch einmal in' den Palast gerufen und sich an die gedeckte Tafel niedcr-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.