Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 90 (12.11.1903)
- Date
- 1903-11-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1907 umfassende Kategorie, vom 19.-25. November abgeurtheilt werden soll. Unter diesen Angeklagten befinden sich auch' 9 Mörder. Aus der Anklageschrift, deren wesentlichste Punkte wir bereits veröffentlicht haben, geht das Bestreben hervor,- die Christen zu entlasten und ihr Vergehen in'ein milderes Licht zu stellen. Zwar mußte die Plehwe'sche Lüge von den Juden, die angefangen haben, fallen gelassen werden. Wenn aber die Juden den Streit auch nicht angefangen haben, so haben sie im Verlaufe des 'Krawalls die Christen doch so „schwer gereizt," daß kein christlich-russischer Geschworener umhin können wird, den armen, durch falsche Gerückte irre geleiteten, von den thörichten Juden zur Raserei gereizten Angeklagten mildernde Umstände zu bewilligen. So nimmt einen breiten Raum in der Einleitung zur Anklage die Mittheilung der verschiedenartigen Gerüchte ein, die am zweiten Tage des Krawalls in Kischinew zirkulirt haben. Ferner heißt es da: „Am 7. April haben sich über hundert bewaffnete Juden versammelt. Diese Juden überfielen die ihnen begegnenden sie mit Steinen bewerfenden Christen." Die Anklageschrift nennt es „überfallen", wenn die Juden den sie steinigenden Christen entgegenrraten. Ganz augenscheinlich ist die Bemühung der Antlagebehörde, alle Spuren zu verwischen, welche darauf Hinweisen, daß die Krawalle vorher sorgfältig vorbereitet worden sind. Nicht nur befinden sich die Herren von Raaben und Ustrugad, denen die Anklageschrift mehreremale „Dispositionslosigkeit" vorwirft, nicht unter den Angeklagten, auch die Herren Swerjew, Kataukin. Kawerin, Shurjari. Schterban, Pronin, Sinadino und zahlreiche andere Schurken aus der „Intelligenz". die den Krawall notorisch theils geleitet, theils wochenlang vorher offenkundig vorbereitet haben, werden sorgfältig geschont. Nicht einmal dem Rawolsüi, (Kruschewan). dessen verhängnißvolles Wirken in der Anklageschrift als eine der wichtigsten Ursachen des Krawalls erkannt wird, soll auch nur ein Haar gekrümmt werden. Die „Unparteilichkeit" des Gerichtshofs ging sogar so weit, daß er den Pronin, der im gewöhnlichen Leben Armeelieferant ist, als — Verteidiger der angeklagten Plünderer, und den Griechen Sinadino, der jetzt — wohlgemerkt nach dem Krawall — stellvertretender Bürgermeister geworden ist, als Geschworenen zugelassen hat. Daß die Gerichtsbehörde, wie es in der Anklageschrift heißt, „nicht in der Lage war. den Nachweis zu führen, daß der Krawall vorher vorbereitet war. iss in. erster Reihe dem verabschiedeten Vicegouverneur Ustrugow zu verdanken, den Plehwe mit Vorbedacht weitere drei Monate in Kischinew belassen hat, damit er alle Spuren griindlichst verwische. Herr v. Plehwe that es ganz gewiß nicht aus platonischer Liebe zu den Anstiftern, sondern aus dem viel triftigeren Grund, weil diese Anstifter auf sein Geheiß gehandelt haben und er somit ihr Mitschuldiger ist. Uns liegen mehrere Aussagen vor, wonach am 7. April Kifchinewer Schutzleute in den Vorstädten das Volk zusammenberufen und ihm einen Befehl des Zaren mitgetheilt haben, alle Juden auszurotten. Herr Ustrugow selbst hat einer jüdischen Deputation mitgetheilt, daß „als Beamte verkleidete" Personen wochenlang vor dem Krawall den Kischinewcr Kreis bereist haben, .um den Bauern einen Befehl des Zaren zur Vernichtung der Juden zu verlesen. Nebst diesen als Beamte „verkleideten" Agenten der Kischinewer Polizei, hat, nach Mittheilung der „Oswoboshdenie", ein hoher Würdenträger aus dem Ministerium des Innern, nämlich ein Baron Löwenthal, in Kischinew geweilt, um. den Krawall vorbereiten zu helfen. Es ist daher begreiflich, daß Plehwe nun alles aufbietet, um alle diese Schändlichkeiten der Welt, oder richtiger gesagt, dem. Zaren zu verheimlichen. Was würde Europa dazu sagen, wenn es gerichtsnotorisch wird, daß der russische Staat, der sich eben wieder einmal anschickt, „Kultur nach dem Osten zu tragen", im eigenen Lande gegen harmlose Unterthanen heimtückisch ein Blutbad inszenirt hat!? Der Kischinewer Krawall kann Herrn von, Plehwe die Carriere kosten. Auch nachdem Vicegouverneur Ustrugow .seinen Posten bereits verlassen hatte, wurde von Seiten des lokalen Tschinownikthum alles gethan, um zu verhindern, daß die Thatsache der Vetheiligung der Negierung am Kifchinewer Krawalle in den gerichtlichen Akten verewigt werde. Namentlich wurde versucht, die jüdischen Zeugen zu beeinflussen und diesen gedroht, daß es ihnen „sonst schlecht ergehen werde." . . Leider haben sich viele Zeugen wirklich einschüchtern , lassen, wozu nicht wenig — nach Angabe der „Oswoboshdenje" — der jüdische Kischinewer Rechtsanwalt Königschatz beigetragen haben soll. Das Ergebniß dieser vielseitigen Bemühungen war. daß die Untersuchung „keinen Anhalt dafür hatte beibringen können, daß der Krawall vorher vorbereitet worden wäre," und daß kein besser situirter. „intelligenter" Mann auf der Anklagebank erscheinen wird. Glücklicherweise wird die schlaue Rechnung dennoch nicht ganz stimmen. Schon die mündliche Zeugenvernehmung dürfte Herrn von Plehwe nicht ganz genehme Thatsachen zu Tage fördern. Außerdem aber haben zwölf Kischinewer Juden in eben so vielen Eiyzeleingaben beim Kreisgericht dagegen protestirt, daß die Untersuchung gegen eine Anzahl Vertreter der Kischinewer Intelligenz widergesetzlich niedergeschlagen wurde. Die Sache kömmt, wenn die Eingaben beim Kreisgerickt keinen Erfolg haben sollten, vor den Senat und somit vor die breiteste Oeffentlichkeit. Der Kischinewer Krawall dürfte also Herrn von Plehwe vielleicht doch nock den Hals kosten. .