Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 90 (12.11.1903)
- Date
- 1903-11-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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--r““ 1964 Jugend zu sein. «In Greisen ist Weisheit, und bei langem Lebensalter Einsicht." Die in vielen Jahren gesammelten reichen Erfahrungen, die gereiste Lebensweisheit. das abgeklärte Urtheil, die Besonnenheit und ruhige Ueberlegung, sind Vorzüge, welche dem Alter eigen sind. In den Jahren, wo die blinden Leidenschaften ruhen, ist der Blick klar und hell, das geistige Auge ungetrübt und die Urtheilskrast scharf und sicher. Die wahre Welt- und Menschenkenntniß. vereint mit Milde und Sanftmuth, befähigt das Alter, der leichtsinnigen, erregbaren und aufbrausenden Jugend Führer und Rathgeber zu sein. «Wenn dir Greise sagen: Reiße nieder, und die Jüngeren: Baue auf, so folge dem- Rath der Alten, denn das Aufbauen der Jugend ist ein Niederreißen, und das Niederreißen der Alten ist ein Ausbauen. (Nedarim 40.) Jedoch in höherem Maße als das Gefühl der Theilnahme und das Vertrauen zur reichen Erkenntnrß ist es die würdige Anerkennung und Dankbarkeit, welche wir dem Greis durch die äußeren Zeichen der Verehrung Zum Ausdruck bringen. Wer nach langer, mühevoller Lebensbahn auf den zurückgelegten steilen, verschlungenen Weg mit innerer Befriedigung und stolzer Freude blicken kann, wer in einerlangen Reihe von Jahren an sich bildet und arbeitet und durch ein gottgefälliges, mustergültiges und verdienstvolles Leben das große Werk der Selbstveredelung vollendete, verdient Anerkennung und Verehrung. Insbesondere ist es für uns eine heilige Pflicht, diejenigen Personen auf jede Weise zu ehren, welche den Zweck ihres Daseins darin erblicken, im Dienste der Menschheit durch nützliches und segensreiches Schaffen zu leben und zu wirken, das Wohl und Heil der Mitmenschen in jeder Art zu fördern, andere zu erfreuen und zu beglücken, und wenn wir einem Manne, der sich durch eine einzige gute Handlung der Welt nützlich machte, unseren Beifall zollen, so hat der Greis, der sich unzählige Verdienste erwarb, der alle seine Kräfte und Kenntniffe dem Wohle der Mitmenschen weihte, dessen ganzes Leben eine große Kette edler Thaten ist. uns in höherem Grade die heilige Verpflichtung auferlegt, ihm durch Kundgebungen inniger Liebe und Verehrung unseren schwachen Dank abzustatten. Sittlich erhabene Charaktere, edle, ehrfurchtgebietende Greise, welche uns durch ihren heiligen Wandel Hochachtung einflößen, dienen der Welt zum leuchtenden Vorbild, und das jüngere Geschlecht rankt sich mit Begeisterung an solchen Gestalten emvor. Wie ist es aber, wenn uns das Bild vergangener Tage Scham und Abscheu einflößt, wenn der lange Lebensvfad vor den Augen der Jugend ängstlich und sorgfältig verhüllt werden muß. Der Lasterhafte, der sich zeitlebens im Schmutze üngezähmter Begierden wälzte, der Weltling, der den Adel menschlicher Würde verleugnet, der Bösewicht, der auf ein Leben voll Nichtigkeit und Bosheit. Lüge und Niedertracht zurucksieht, kann für seine Leistungen im Alter keinen Anspruch auf Verehrung erheben. Das Leben von Lebemännern ist kein Leben, die Frevler sind selbst in der Fülle ihrer Kraft todt. om J’np c.TTa ew», ihr Dasein ist werthlos. sogar schädlich, in allem, wofür sie Kraft, Zeit und Geist auswandten, ist kein Inhalt, ihre Tage sind verflogen und verrauscht, und eine lange Reihe solcher Lebensjahre gereicht weder ihnen, noch der Welt zum Segen und zur Ehre. Von diesem Gedanken geleitet, lehren unsere Weisen: jpt »an *>53» apn nr» n» cot xbx i*p? pw spr d'n die Worte der Schrift: «vor einem grauen Haupte sollst du aufstehen, könnten auch einen alten Sünder einschließen, darum hat die Thora den Begriff ,-pr hinzugefügt, worunter nur. wie aus der Begriffsanalogie hervorgeht, ein an Weisheit und Gottesfurcht erleuchteter Mann zu verstehen ist. Das erhebendste, ideale Bild eines mit allen Tugenden und edlen Eigenschaften geschmückten, ehrwürdigen Greises, auf welches alle Geschlechter der Erde mit heiliger Scheu und Bewunderung emporfchauen, tritt uns in der erhabenen Gestalt Aöraham's entgegen. Seine wahrhafte Gotteserkenntniß und hingebungsvolle Gottesfurcht, seine aufopfernde Treue, seine reine und edle Menschenliebe, die alle Erdenkinder.ohne Standes- und Glaubensunterfchied umfaßte, sein offenes Herz und gastfreies Haus, fein Leben und Streben. Wirken und Walten im Dienste Gottes und der Menschheit, seine heilvolle und segensreiche Thätigkeit, die Erfüllung seiner heiligen Mission, die seine Lebensaufgabe war, der Verlauf seines ganzen Wandels ist in der heiligen Schrift «mit Eisengriffel und Vlei für immer in Fels gegraben," in einem herrlichen Lcbensgemälde entrollt. Seine Persönlichkeit zeigt uns die menschliche Würde in ihrer Hoheit, und die Schrift verweilt so liebevoll bei allen Zügen seines Lebens. damit wir anerkennend das Beispiel echter Größe und wirklichen Menschenadels in unser Herz schließen, um uns zu gleicher Erhebung und Veredelung anzuregen. Das Leben Abraham's hatte auch seine Umgebung mit dem Geiste wahrhafter Frömmigkeit, unerschütterlicher Glaubenskraft und edler Menschlichkeit erfüllt, und von allen Leistungen dieses göttlichen Mannes hebt die Thora rühmend als das höchste Verdienst hervor, daß er seiner Familie den richtigen Begriff von dem höchsten Wesen einpflanzte und sein Haus.zur wahren Gottesfurcht, zur Tugend und Sittlichkeit anleitete. Die Erziehung der Kinder zur Treue gegen Gott, die; Unterweisung zur Erkenntnrß Gottes, war der. leuch- . iendste Edelstein. in seiner Ehrenkrone, - weil dadurch | sein Lehen und Beispiel nicht spurlos vorübergeganaen j war. Die Einwirkung auf die Nachkommen verlieh seinem Wirken und Wandel einen dauernden Werth, mBSRWBn 4PHMÜÜAFI