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Der Israelit · 1903-04-22 · Heft 30-31 (22.4.1903) · page 44

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 30-31 (22.4.1903)
Date
1903-04-22
Page
– (sequence 44)
Language
German
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sprecher im Landtage, das Judenthum aber saß auf der Anklagebank und hatte keinen Vertheidiger." nNpn „Hakescheth" (Der Regenbogen). Jllustrirte hebräische Monatsschrift für Kunst, Litteratur und Leben. Heft II. Druck und Verlag: Lewent'sche Vuchdruckerei, Berlin S.W. 68, Lindenstraße 93. Abonnementspreis 7 Mt. jährlich. Das zweite Heft dieser vornehmen Zeitschrift, welche die einzige Kunstzeitung in der gesummten hebr. Litteratur ist, liegt mir vor. Es ist ein vorzüglich ausgestattetes, inhaltlich sehr gediegenes Heft, welches selbst den modernsten litterarischen Ansprüchen Befriedigung bietet. Der ganze Inhalt zeugt, daß der Redakteur das junge Blatt mit intelligentem, litterarischem Verständniß und-feinem Geschmacke leitet. Der Redakteur, Herr Josef Lin, ist ein talentvoller, mit höherer akademischer Bildung ausgestatteter hebräischer Schriftsteller, der zu den glänzendsten Stilisten unter den modernen Hebräisten zählt. Sein Hebräisch ist stets präcise, treffend und doch schwungvoll und farbenreich. Dasselbe Gepräge tragen seine „Geisterschau" betitelten Bestrebungen im zweiten Heft des „Hakescheth," worin er den neuerdings angeregten Plan zur Gründung einer jüdischen Akademie bespricht, und sich sodann gegen die „Pessimisten" in der hebräischen Litteratur wendet. Seine großzügigen Ausführungen sind ebenso geist- und temperamentvoll, wie plastisch in der Form. Von hohem Schwung getragen sind auch die „Betrachtungen über unser Sein" cw&p pipr» des hervorragenden Hebräisten R. Brainin, der den zu stark entwickelten kritischen Sinn in der jüdischen Masse auf Kosten der positiven Thatkraft, auf historische und soziale Ursachen zurückführt. Wundervoll und von feinem poetischen Empfinden zeugend, sind die Gedichte „Was fliegst Du, o Nachtigall?! .. des N. Pines, und „Bootfahrt" des I. Lewin; ebenso die Skizzen „Eine Jüdin" von R. Brainin, und „Einsam" des I. Rabinowitz. Sehr real und formvollendet ist die Erzählung „Die Hauptsache" von I. Steinberg. Geistreich und scharf nüancirt ist das Feuilleton „Bibel und Babel", von I. Rädker. Außerdem enthält noch das zweite Heft des „Miniaturen" von A. M. Ganzer; „Die nationalökonomische Litteratur im 19. Jahrhundert und ihr Verhältniß zur Judenfrage," von F. Lifschitz; „Aus den Liedern des Todes", von A. Libuschitzky; Illustrationen von Lesser Ury, Lilien, Pikichowsky und Hirßenberg, und litterarische Besprechungen. Wir wünschen dem „Hakescheth" ein segensreiches Gedeihen und Wirken zur Förderung des tp-npn p»V unserer heiligen Sprache und ihrer Litteratur! <■•••• Hakore. Wahrheit. Roman von Emile Zola. 2 Bände. Geheftet Mk. 6, gebunden Mk. 8. Stuttgart. Deutsche Verlags-Anstalt. Noch einmal, ehe der Tod ihm die Feder aus der Hand nahm, hat der große Meister des Naturalismus mit den unerschöpflichen Kräften seines mächtigen Genies ein Werk geschaffen, das zu den Standard-Worts der modernen Weltlittekatür gehört und in jedem Belang ein außerordentliches litterarisches Ereigniß genannt zu werden verdient. Der weltbewegenden Dreyfus-Affaire. in die Zola m'it seinem flammenden „J'accuse" so ruhmvoll eingegriffen, hat der Dichter die Hauptmomente der Handlung entnommen und sie zu einem Kriminalroman größten Sttkes verflochten, der sich allerdings nicht wie in der Wirklichkeit in militärischer Umgebung, sondern im Lebens- und Wirkungskreise der Geistlichkeit und des Lehrerstandes abspielt. Wir begegnen hier fast allen Hauptfiguren urtd Ereignissen der „Affaire" in mehr oder weniger getreuer Nachbildung, und es bildet einen ganz besonderen Reiz der Lektüre, im einzelnen zu verfolgen, wie ungemein scharfsinnig und kunstvoll der Dicker die vielfältigen Gestalten und Episoden des großen Dramas künstlerisch zu verwerthen und dem von ihm konstruirten Parallelfall anzupaffen verstanden hat. Die eigentliche Handlung desselben will ich in kurzen Worten 'wiedergeben. Ein jüdischer Volksschullehrer, Simon, muß für seinen Neffen Zephirin sorgen, der in Folge Mischehe katholischen Glaubens ist. Er läßt ihn aus fast übertriebener Toleranz die Kongregationsschule besuchen,'eine Schule, die der seinigen auf jede Weise entgetzenzuarbeiten sucht. Eines Morgens wird der Knabe ermordet in seinem Zimmer aufgefunden. Zuerst hielt das Volk die Kapuziner für die Mörder, doch bald geschieht das Unglaubliche: Simon wird trotz seines Alibibeweises, und trotzdem kein tieferer Grund vorlag, ihn für den Mörder zu halten, verhaftet und unter Anklage gestellt, dank der wuthenden Hetzereien der Klerikalen. Die eigentliche Hauptperson tritt aber jetzt erst in Aktion. Markus, ebenfalls ein Lehrer, tritt für die Unschuld seines Freundes ein, entzweit sich mit seiner Familie und widmet sich ganz und gar der Erforschung der Wahrheit. Doch alles umsonst. Simon wird zu lebenslänglichem Bagno verurtheilt. Seine Vertheidiger aber ruhen nimmer. Sie suchen und finden neue Beweisstücke, die ihnen ermöglichen, die Revision durchzusehen. Doch wieder sind die klerikalen Wühler bei der Arbeit. Simon wird zu zehn Jahren Gefängniß verurtheilt. Markus jedoch und sein Advokat Delbos erwirken nach kurzer Frist seine Begnadigung. Eine Freisprechung erfolgte noch nicht. In den langen Jahren des Prozesses hat sich indessen ein großer Umschwung in der Gesinnung des Volkes, vollzogen. Es lebt nicht mehr unter der Fuchtel der Pfaffen und Kapuziner, verständige L'chrer bilden die

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