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Der Israelit · 1903-04-22 · Heft 30-31 (22.4.1903) · page 45

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 30-31 (22.4.1903)
Date
1903-04-22
Page
– (sequence 45)
Language
German
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Jugend zu vernünftigen Männern heran, und nun ist die Zeit dafür reif, daß die Wahrheit .durchdringen kann, und Simon wird freigesprochen. Die Bürger seiner Stckdt ehren ihn mit der Schenkung eines Hauses . und im Triumphzuge zieht er wieder in den Platz seines früheren Wirkens ein. Doch es war dem Dichter nicht bloß uni eine dichterische Rekapitulation denkwürdiger, geschichtlicher Ereignisse zu dienen ihm vor allem als Mittel zu einem höheren Zweck. Wie er seinerzeit als Mensch durch die Thal muthvoll die Sache der Wahrheit verfochten hatte, so tritt er hier als Dichter mit der Kraft seines Wortes für die Wahrheit in die Schranken und preist sie als das höchste Ideal, dem die Menschheit überhaupt und sein-eignes Volk im besonderen nachzustreben habe, um sich'auf eine höhere Stufe der Sittlichkeit emporzuschwingen. Es zeugt von dem eminenten Scharfblick Zolas für eine der bedeutsamsten Fragen des Kulturlebens, 'daß er die Aufgabe, den Sinn für die Wahrheit zu schärfen und auszubilden, vor allem anderen der Schule zuweisen will, und mit gewaltiger Beredsamkeit dafür eintritt, daß die Schule im Staätsorganismus endlich den bevorzugten Platz erhalte, den sie als erster und wichtigster Faktor ulles Kulturlebens verdient. Der Roman ist sowohl als dichterische Schöpfung, wie als kulturhistorisches Dokument von höchstem, dauerndem Werth, und wird lange Zeit das allgemeine Interesse der lebenden Generation festhalten. Ein besonderes Lob verdient die von L. Rosenzweig herrührende Uebersetzung, die Zolas kraftvollen, aber oft ungefügigen Stil in Meisterhafter Weise wiedergibt und den feinsten Nuancen des Gedankens wie des Ausdrucks ebenso getreu wie verständnißvoll folgt. —- . I. L. Pruschanski, N. Ein Blatt aus der Chronik unserer Stadt. Roman. Berlin 1903. Siegfried C r o nb a ch. Eleg. geb. Mk. 6. Ein eigenartiges Buch ist es, dieses „Blatt aus der Chronik unserer Stadt," eigenartig in Bezug auf die Schilderung, und eigenartig — ja, in Bezug auf was ist denn noch eigenartig? Denn beim näheren Hinsehen erweist sich der Inhalt als nichts-weniger als die Geschichte der russischen Kleinstadt, wie sie sich wohl dutzendemal abgespielt hat. Doch unsere Leser mögen selber urtheilen. In der Kehilloh einer kleinen russischen Stadt bricht große Erregung aus. Das Schulgesetz ist erlassen, und die Juden sollen von der Regierung dazu genöthigt werden, ihre Kinder in eine Profanschule zu senden. Es entstehen Parteien pro und kontra, Petitionen werden abgesandt,' und doch herrscht äußerlich noch Frieden. Da tritt ein junger Mann auf,. gebildet und aufgeklärt, dabei ein großer Talrnid Chochom, dem nicht einmal der Rabbiner beikommen kann. Und er, der „Genius", der schon lange für einen „Epikuraer" gegolten, er tritt in flammender Rede gegen .die Engherzigkeit feiner Glaubesgenossen auf, die sich hermetisch von jedem Verkehr mit der Außen-, mit der modernen Culturwelt abschließen. Er wird fast geächtet, und doch findet er eine hochherzige, verständige Wirthin, die den „Epikuräer" nicht nur in ihrer Wohnung behält, sondern ihm sogar die Hand ihrer.Tochter zusichert. —•' - :;v Dies ist kurz die Handlung des Buches. Eine Mordg'eschlchte, für die ungerechterweise Juden ängeklagt werden, ist noch hinein verflochten. Alles wird in zwangloser Weise erzählt, ohne übersichtliche Anordnung, aber in.'warmer, interessirter Weise, welche die Anteilnahme des Verfassers an den darin geschilderten Vorgängen erkennen läßt.: .:v Eine Stelle aus dem Buche sei hier wiedergegeben. Es ist ein Gleichniß, 'das Frau Esther — eben die Wirthin des jungen Mannes — dem Gerichtsdiener erzählt, der immer wieder bei ihr Erpressungen versucht. Es lautet folgendermaßen: - - „Es war einmal ein sehr wohltätiger Räuber. Wenn er sich an der großen Heeresstraße aufstellte, so zeigte sein Gesicht stets das freundlichste Lächeln, und wenn er jemand ermordete, so th'at er das gleichfalls auf so höfliche Weise, mit so herzlichem Bedauern, daß der betreffende Mensch bis zum letzten Augenblicke feines Lebens der Meinung war, daß dieser Räuber ein liebenswürdiger und braver Mann fei. So überließ er seinem Opfer, ganz abgesehen davon, daß er es nie durch Drohungen oder Schmähungen in Schrecken setzte, jedesmal auch die Wahl, ob es lieber vor dem Tode oder nach dem Tode beraubt werden wolle. Natürlich zogen die Meisten es vor, die seine Leutseligkeit und Gutmüthigkeit erkannten, zuerst beraubt zu'werden und nachher erst zu sterben, in der stillen Hoffnung, daß ein so gutherziger Mensch nachher nicht mehr tödten werde, da er vorher schon alles geraubt habe. Aber siehe, einst stieß dieser Räuber auf einen klügeren Menschen. Nachdem er den Wanderer herzlich bewillkommnet und sich nach seinem Befinden erkundigt hatte, auch nach dem Wohlergehen von Weib und Kind, da leigte er ihm auch in zartester Weise jene Frage vor: wie er wohl vorzieh'e zu sterben, ob nackt oder, bekleidet? „Aber erlauben Sie, geehrter Herr, wie kommen Sie auf eine, so sonderbare Frage?"' entgegNete der Reisende. „Ich bin, müssen Sie wissen, meines Zeichens ein Räuber, aber kein solcher, der einem anderen Menschen ohne Noih Unannehmlichkeiten bereitet. Für mich ist's, Sie können es mir glauben, wirklich vollständig einerlei, ob ich Sie nackt abth'ue, oder bekleidet. Bon Ihrem GeschMacke allein hängt das jetzt nur ab, je nachdem Ihnen das eine lasser behagt, als das andere." ..Nun, Wenn ich also meine Kleider ausziehe, so werdet Ihr mich dennoch umbringen?" fragte 'der Walwersmann.

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