Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 30-31 (22.4.1903)
- Date
- 1903-04-22
- Page
- – (sequence 40)
- Language
- German
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„Dann hat Jakob allerdings nichtUnrecht!" unterbrach ihn Mann. „Gewissermaßen urtheilt er gar nicht so thöricht. Manch' eine ihrer großen Familien trennte sich dermaßen im entscheidenden Momente, daß von ihren Mitgliedern die Einen mit dem Könige, die Anderen gegen ihn gingen, die Einen mit der Regierung, die Anderen mit der Revolution hielten. Auf diese Weise hatten sie in beiden Lagern ihre Beschützer, und wer auch immer siegte, sie kamen immer unversehrt davon. ' Das müssen wir uns zum Beispiele nehmen. Wir können nicht f ü r sie untergehen, aber ebenso unmöglich gegen sie auftreten. Hierüber lohnte es sich, noch ausführlicher zu sprechen!" „Geradr'"heraus gesagt! Offen und ehrlich!" unterbrach ihn Jakob. „Gehen wir mit dem Vaterlande und theilen sein Geschick!" Mann nickte mit dem Kopfe und klopfte ihm auf die Schulter: ' „Du bist noch jung!" sagte er, „warte noch!" „Ja! Du bist jung!" platzte wieder Simon heraus. „Du wirst Rath annehmen, wenn Du abgekühlt bist. Denn zum Rathen gehört Schlauheit, nicht Offenheit — die stört nur. Wir alten Halunken werden uns berathen, Ihr ehrlichen Jungen aber führt es aus!" Man öffnete die Thüren. Ein Diener mit weißen Handschuhen meldete, daß es zu Tische gehe. Trlda, die sich entfernt hatte, zeigte sich auf der Schwelle. Ihr Vater führte sie zu . Tische. Mann reichte ihr den zweiten Arm, wie zum Scherz, in der That aber fürchtete er, zu weit hinten zu bleiben. Die Uebrigen folgten' ihnen. ' Es wäre überflüssig, sich über die prächtige Tafel und die vortreffliche Küche des Herrn Heinrich näher auszulassen. Er verstand es, sich mit einem Stückchen Vrod und einem Gläschen Wein zu behelfen, trotz seines Reichthums. Hielt er es aber für nöthig, hervorzutreten, und kam die Eigenliebe in das Spiel, so kannte er nichts, was zu theuer oder unerreichbar gewesen wäre. . Das Diner, über welches er sich bei Zeiten entschuldigte, da es ganz improvisirt sei, und von dem er sagte, er wisse wirklich nicht, wie es sein werde, wofür er im Voraus die Wirthin beschuldigte, die in der Küche völlig fremd sei, erwies sich als ein feenhaft fürstliches. Man hatte in der Eile sogar das „Menu" auf Rosapapier mit silbernen Rahmen angefertigt. So oft sprach der Wirth von diesem seinem improvisirten Diner, daß Simon zuletzt sich genöthigt sah. zu sagen: „Weißt Du was, mein Bester, Du improvisirst so vortrefflich, daß selbst Deotyma es nicht besser verstände!" Mann, der vorgab. er halte nicht viel vom Luxus, und der absichtlich die Manieren eines Grobians annahm, um seinen Mangel an wirklicher Bildung zu verhüllen, steckte sich die Serviette unter' den Bart und begann schweigend zu essen.' Die Unterhaltung glitt über die verschiedensten Gegenstände, Vergnügen, Stadtklatsch und ländliche Vorfälle. „Ra, Herr Jakob," begann Mann, nachdem er ein polnisches Beaffteak verzehrt, „wenn Du ein so rechtgläubiger Jude bist, so mußt Du wissen, daß Du ein höchst wichtiges Gesetz übertrittst und daher ein großer. Sünder bist!" „Ah! Wenn doch nur die Herrschaften uns endlich einmal mit diesen Judengeschichten in Ruhe lassen wollten!" rief der erschreckte Wirth auf Französisch. „Enthaltet Euch dessen, schon wegen der Dienerschaft!" „Mein Bester." rief Simon, „sei überzeugt, daß, sobald Du nicht offen davon reden wirst, sie umsomehr im Stillen darüber Dich auslachen müssen!" „Wovon aber ist denn die Rede?" unterbrach ihn Jakob. „Ich wollte doch kein Gesetz übertreten!" „Du häst's aber gethan! Und zwar ganz scheußlich, schamlos und frech hast Du Dich darüber hinweggesetzt. Du darfst Dich nie einen Menschen nennen, auf dem Gottes Segen ruht!" „Aber wieso denn?" ' „Run, wie alt bist Du denn?" fragte Mann. „Zwanzig und ...." „Sichst Du! und einige Jahre! Also mindestens vom achtzehnten Lebensjahre an bist Du ein Sünder. Tenn Du hast vergessen zu — heirathen! Als rechtgläubiger Israelit mußt Du daran so schnell als möglich denken. Das ist Pflicht. Sonst wirft Dich Dumah kopfüber in's Feuer!" „Ich bestreite durchaus 'nicht, daß dies eine Pflicht ist," erwiderte Jakob. „Ich glaube aber, das Gesetz gestattet in dieser Hinsicht manche Ausnahme! Ich habe zum Heirathen nicht die mindeste Lust." „Ihr möchtet wohl auch ihm so schn'ell als möglich das Joch auf den Nacken legen, Ihr, die Ihr selbst in ihm geht!" unterbrach ihn Simon. „Welch' zarte Fürsorge. Aber ich habe mich davon überzeugt, daß Jakob, obschon ein Hüssit, so dennoch ein kluger Mann ist!" „Sobald ich mich verliebe, werde ich heirathen!" antwortete Jakob, indem er erröthete und unwillkürlich nach Tilda hinblickte, die gesenkten Hauptes dasaß. „Sieh da' Darin liegt eben die Sünde," rief Simon ernsthaft, „daß Ihr jetzt durchaus dieses Zuckers der Liebe zur Ehespeise bedürft! Darin liegt eine Ausschweifung. Ihr verlangt Glück, Delikatessen und Leckereien da, wo nur Pflicht und Bürde, Befehl und Opfer ist!" - (Fortsetzung folgt.) DrrantwortliiLe Nedaction: OLcar Lehmann in Mainz.Ervedition des „3SraeKt\ Schottstraße Nr. 2. Mains, druck und Derlas der Iah. Wtrth'lÄen tzofbüSdruckerei Lcüm-SrlellsÄsst in Mainz.