Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-04-22 · Heft 30-31 (22.4.1903) · page 34

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 30-31 (22.4.1903)
Date
1903-04-22
Page
– (sequence 34)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449919--58092-2522424
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

übrigen geringen Bedürfnisse hoffte er aus seinem geringen Einkommen als „Minjonär" zu befriedigen. " II. Von nun an konnte man ihn täglich in Etelmann's Restaurant seine Mahlzeit zu sich nehmen sehen. Er merkte kaum, daß er da das Gnadenbrod aß, denn die .Bedienung behandelte ihn auf die rücksichtsvollste Weise. Gar bald aber änderte sich das, und er ward inne, daß das Personal ihn öfters länger, als gerade nothwendig, warten ließ. Da es nicht in seiner Macht stand, dies zu ändern, und auch mehrere Beschwerden bei Etelmann zu nichts führten, ließ er der Sache ihren Lauf und duldete stillschweigend seine Zurücksetzung. Eines Tages jedoch saß er schon volle drei Stunden d'a und harrte auf sein Essen. Sammtliche Kellner waren mit Gästen beschäftigt, von denen sie ein gutes Trinkgeld erwarteten, und Niemand schien Zeit für ihn übrig zu haben. Endlich ging er einen Kellner an, ihn doch auch nun endlich nicht länger'hungern zu lassen und ihm etwas Speise zu bringen. „Ihr könnt Warten!" schrie ihn dieser aber an. „Schaut mal diesen, zahlt nichts und bedient will er sein wie ein Pariz."*) Schamröthe stieg ob dieser Antwort Jerachmiel in's Gesicht, denn das Lokal war stark besetzt. Ohne ein Wort zu erwidern, begab er sich in's Nebenzimmer, wo er Etelmann wußte, um sich bei diesem zu beschweren. Dieser war jedoch sehr stark in Anspruch genommen und herrschte ihn an:. „Was will denn Reb Jerachmiel?" ' . Dieser brachte seine Beschwerde vor. „Was, hat Er denn keine Zeit?" schrie.Etelmann ihn an. „Solche Chuzpe!" knirschte er fast vor innerlicher Wuth. Wie vom Blitz getroffen stand Chaimowitz da. Die Glieder waren ihm gelähmt, die Kehle zugeschnürt. Nach einer Weile erst ermannte er sich wieder und wie von Furien gejagt, stürzte er auf die Straße. Heftig gestikulirend schritt er dahin, und die Passanten sahen ihm nach, indem sie sich allerlei Gedanken über seinen Geisteszustand machten. Stunden mochten so verflossen sein, als ein Brkonnter ihn anhielt und anredete: „Jerachmiel. um Gotteswillen, halt ein, man könnte ja beinahe glauben, daß ..." „Ich meschUgge bin!" ergänzte erbittert der Alte. „Nein, ich bin nicht meschugge. aber ihm wünsch' ich es, dem Etelmann. dem ..." und vor Wuth blieben ihm die Worte in der Kehle stecken. „Aber was ist Euch? Ich begreife nicht?" *) Polnischer Edelmann. „Eine Nekome, eine Nekome, eine Neküme muß ich haben!" tobte der jedoch weiter. Mit Muhe besänftigt, vermochte er endlich alles dem Freunde mitzutheilen, was sich zugetragen. Sein Bericht gipfelte wieder in den Worten: „Ach, eine Nekome, nur eine Nekome möchte ich an ihm erleben!" »Ja, ja," bestätigte ihm der andere, „so stillschweigend dürft Ihr das nicht hinnehmen." „Aber wie, auf welche Weise nur? Das ist die Frage!" „Einen Streich müßt Ihr ihm spielen, eine Sache gegen ihn aushecken, an der er auch etwas zu beißen haben soll! Ihr wart doch früher immer so lustig und habt die schönsten Streiche erfunden! Besinnt Euch doch einmal auf was Ordentliches, Jerachmiel!" Bei diesen Worten hob sich dessen Gestalt fast sichtlich, seine Züge verklärten sich: „Reb Schlome, Reb Schlo'me, einen Plan Hab' ich, einen Plan, um Etelmann einen Streich zu spielen, von dem noch seine Enkel erzählen sollen! Aber ich bedarf hierzu Eurer Mithilfe!" . Eifrig nickend entgegnet'e der andere: „Der sollt Ihr sicher sein. Sagt nur 'mal, was Ihr braucht." . . > „Gebt mit Eueren modischen Anzug, in welchem Ihr jedes Jahr nach Karlsbad fahret und, wenn möglich, auch etwas Geld." „Sollt Ihr haben, sollt Ihr alles haben! Aber jetzt erzählt!" „Gehekmniß! Szod! Doch Ihr habt ein Anrecht darauf, es zu erfahren. Kommt mit mir, ich will Euch in meinen Plan einweih'en.. " Und eifrig mit einander sprechend, gingen sie beide weg. Wer ihnen folgte, konnte noch lange das fröhliche Lachen Schlomes hören, von dem sich jetzt Jerachmiel verabschiedete. III. Wer Jerachmiel Chaimowitzsch vor einigen Stunden gesehen hatte, wie er, mit dem langen Kaftan bekleidet, über die Straße ging, der hätte ihn gewiß nicht in dem eleganten Herrn wiedererkannt, der eben im Zweispänner vor der Restauration Etelmann vorfuhr. Er hatte stch fxisch zwicken lassen, trug Reb Schlomes Gehrock und Cylinderhut und wiegte nachlässig einen Spazrerstock in der Hand. Erbetrat das Restaurant und begab stch sofort in das SeparatzimMer, auf dessen noble Einrichtung und hohe Preise, die die Gaste hier zahlen mußten, sich Etelmann nicht wenig zu Gute tycrt. Tief verbeugten sich die Kellner vor dem eleganten Gaste, und herablassend bestellte dieser die besten Spesen. die auf der ihm gereichten Speisekarte verzeichnet waten. So dinirte er in aller Rühe, rauchte eine gute

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.