Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 30-31 (22.4.1903)
- Date
- 1903-04-22
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
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Havanna und bezahlte dann alles, indem für den Kellner noch ein ganzer Rubel Trinkgeld abfiel. Hoch aufgerichtet schritt er zu dem vor der Thure haltenden Wagen und fuhr davon, die Gewißheit mit sich nehmend, daß er die Rolle, die er sich zugedacht, auch ohne Anstoß zu Ende führen konnte. Am nächsten Tage erschien er wiederum, speiste zu Mittag, und als er sich anschickte, wegzugehen, trat ihm Etelmann in den Wetz: »Ich stelle mich als den Besitzer des Restaurants vor und möchte Euer Gnaden fragen, wie Ihnen das Diner geschmeckt hat?" JerachMiel, darauf bedacht, so wenig wie möglich seine Stimme hören zu lassen, nickte nur und sagte: „Gut, sehr gut." Aber Etelmann ließ ihn noch nicht los. „Darf ich Euer Gnaden vielleicht bitten, mir Ihren werthen Namen zu nennen, um zu wissen, wen ich als Gast bei.mir zu sehen die Ehre hatte." „Ich heiße Brotzky, aus Kiew." Bei Nennung dieses Namens, des einen bekannten Millionärs, wurde Etelmann vor Freude ganz roth im Gesicht, und er erschöpfte sich in Komplimenten gegen seinen Gast. Chaimowitzfch schnitt ihm aber kurz das Wort ab, indem er sagte: „Herr Etelmann, ich befinde mich eben in großer Verlegenheit! Denn übermorgen ist ein Gedenktag für unsere Familie, an dem jedes Glied derselben verpflichtet ist, eine Anzahl-Armer zu speisen und mit einer Geldspende zu bedenken. Nun verbringe ich diesen Tag diesmal fern von Kiew und weiß nicht, woher ich zweihundert Arme — eine solche Zahlest es gewöhnlich — herbekommen und wo ich sie speisen soll." „Aber, Euer Gnaden," erwiderte eifrig Etelmann, „übertragen Sie mir nur alles. Für ein Essen, will ich sorgen, wie es besser nie auf Ihre Tafel gekommen fein soll und durch Plakate an den Vothei Hamidrosch werde ich übergenug Arme herbeiholen können." Jerachmiel schien etwas nüchzusinnen. Nach einigen Sekunden sagte er zu dem Restaurateur: „Es ist gut, richten Sie alles so her, wie Sie eS eben gesagt haben, Uebermortzen Um 12 Uhr werde ich anwesend sein, bis dahin bin ich durch Geschäfte verhindert, zu Ihnen zu kommen." Herablassend lüftete er den Hut vor de« ttef grüßenden Etelmann, bestieg seinen Wagen — und eine halbe Stunde später erzählte Jerachmiel Chaimowitzsch, bekleidet mit einem langen Kaftan, im Laden Reb Schlomes. diesem das Gespräch zwischen Etelmann und Herrn „Vrotzki, dem Millionär aus Kiew." IV. An den daruffolgenden Tagen sprach man im Städtchen von nichts anderem, als von dem großen Baal-Zedokoh, der jetzt hier weite. Besonders in Etelmann'S Haus schien fast eme Revolution zu herrschen. Dutzende von. Hühnern, Gänsen und auch Kälbern kamen fortwährend an. Sie wurden sofort zum besonders für diese Tage angestellten Schochet gebracht, und nach der Schechitah kn die Küche, wo ein ganzes Regiment von Aushilfspersonal angestellt war. - - Etelmann selbst lief aufgeregt umher, um noch zu rechter Zeit das Mahl ferttgstellen zu können. — Als der Termin endlich gekommen war, sah man ganze Schaaren armer Leute in Etelmann's Restaurant pilgern, wo sie sich an den fein gedeckten Tischen niedrrließen und die Ankunft Jerachmiels erwarteten. Einige Minuten nach zwölf Uhr fuhr ein Wagen vor und Jerachmiel entstieg ihm. Unter allgemeinen Rufen: „Es lebe unser Wohlthäter!" begab er sich auf den Ehrenplatz und winkte Etelmann,. mit dem Auf- . tragen der Speisen zu beginnen. Die Mahlzeit nahm nun ihren Anfang und die armen Leute ließen sich das vorzügliche Geflügel und den für sie so ungewohnten Bratim gut schmecken. Auch Wein wurde'in großer Menge getrunken. Schließlich sagte Chaimo'witzsch zu dem Restaurateur: „Haben Sie die Güte und folgen Sie jedem, der. den Saal verläßt, einen Rubel aus. Mr macht dies zu viel Umstände. Stellen Sie es auf mein Konto." Auch dies geschah, und als der Saal geräumt war, verlangte Jerachmiel die Rechnung. „Entschuldigen Euer Gnaden," sagte da Etelmann, „es ist mir unmöglich, sofort die ganze Summe anzugeben, aber ich werde Ihnen morgen die Rechnung in's Hotel senden." „Bitte, thun Sie das. Ich wohne Hotel de l'Europe, Zimmer Nr. 9." Und . unter den ehrfurchtsvollen Grüßen des Personals bestieg er seinen Watzen und fuhrtwvon. Etelmann jedoch und sein gesummtes Personal saßen noch bis tief in die Nacht hinein att der Zusammenstellung der Rechnung, und am Schlüsse derselben slbrieb Etelmvnn hübsch säuberlich hin: Siebenhundertundfünfzig Rubel (ca. 1600 Mk.) dankend empfangen zu Haben, bescheinigt Etelmann, Restaurateur. * * * ' . Am anderen Morgen in aller Frühe war Etelmann schon im Hotel de l'Europe vor dem Zimmer Nr. 9. Auf sein Klopsen erschien ein älterer Herr im Schlafrock an der Thür. „Sie sind wahrscheinlich der Diener des Herrn Brotzky?" redete ihn Etelmann an, „wollen Sie bitte diese Rechnung Ihrem Herrn vorzeigen." „Was?" schrie der Angeredete, „ich der Diener des Herrn Vrotzki!? Der General Gortschakoff bin ick! Verstanden!"