Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 30-31 (22.4.1903)
- Date
- 1903-04-22
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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Wir finden andere, die wohl einmal einen Versuch mit unserer Stellenvermittlung machen, wenn wir ihnen aber auf ihren Wunsch nach irgend einer Spezialität nicht dienen können, z. V. einen Reisenden, der. die Kundschaft auf einer bestimmten Tour kennt, dann heißt es: „Fa, eine Stellenvermittlung leistet nicht das, was ich verlange!" Nicht weniger wird vielfach in den Reihen der Gehiilsen gesündigt. Dort betrachten manche unseren Verein als einen Hafen, den man, wenn Stellenlosigkeit droht, schleunigst aufsucht, um ihn, wenn das Unwetter sich verzogen, ebenso rasch wieder zu verlassen. Andere vertrauen auf ihre vermeintlich sichere Position und lehnen es ab, sich mit wenigen Mark jährlichen Beitrages gegen die Folgen einer Stellenlosigkeit zu sichern. Dieser Jnd'ifferentismus in den eigenen Reihen ist es.'den wir immer wieder zu bekämpfen haben. Er ist unser schlimmster Feind! Wie ungünstig auch die Zeitverhältnisse liegen, wenn Prinzipale und Gehülfen sich einmüthig um das Banner der Sabbatruhe scharten, so ließe sich Gewaltiges erreichen. ' Dem Rechenschaftsbericht selbst entnehmen wir: Das abgelaufcne Geschäftsjahr stand für uns gleich seinem Vorgänger noch völlig unter dem Einfluß der schweren, wirthschaftlichen Depression, die seit einigen Jahren auf unsrem gesammten Erwerbsleben lastet. Die schwierige Lage, in der sich Handel und Industrie befinden, sie spjegelt sich in den einzelnen Ziffern unseres Berichtes mit völliger Treue wieder; sie kommt aber vor allem in dem finanziellen Abschlüsse unserer Versicherungskasse zum Ausdruck, der — zum erstenmal seit Bestehen des Vereins! — ein Defizit aufweist, das sich auf nicht weniger als Mk. 678.28 beziffert. Dank der günstigen Resultate der Vorjahre konnte zwar dieser Fehlbetrag aus den angesammelten Reserven der Versicherungskasse selbst (Reservefonds A) gedeckt werden, indessen verbleibt diesem Fonds, nach Entnahme des obigen Betrages, eine nicht mehr sehr bedeutende Summe. Es ist daher begreiflich, daß dieser Umstand Gegenstand der ernstesten Erwägungen seitens des Vorstandes war; wenn wir zu dem Resultat ge- ' kommen sind, sowohl von einer Erhöhung unserer Mitgliederbeiträge, als von einer Verschärfung der für die Karenzzeit maßgebenden Bedingungen abzusehen, so geben dafür zwei Punkte den Ausschlag. Zunächst dürfen wir hoffen, daß wenn die seit einigen Monaten einsetzende Besserung der allgemeinen Lage anhält, eine Wiederholung dieses schlechten finanziellen Ergebnisses sobald nicht wieder cintreten wird. Ferner kam in Betracht, daß für alle Fälle unser Reservefonds B noch vorhanden ist. Wenn dieser auch als unangreifbarer Fonds gedacht ist und immer noch nicht auf den Betrag gebracht werden konnte, den wir bei der Gründung in's Auge faßten, so gibt uns sein Vorhandensein doch einen Rückhalt und läßt uns auch einer schwierigeren Situation ruhiger in's Auge schauest. . t; Der Vorstand besteht aus den Herren: Moritz A. Locb, erster Vorsitzender, Jac. Rosenheim, zweiter Vorsitzender. Emanuel Ettinghausen, erster Kassier^ I. Sulzbach, zweiter Kassier, Sam. -Weil, erster Schriftführer, Em. Seligmann, zweiter Schriftführer/ I. Besthoff. Raphael Ettlinger, Joseph Wolf, sammtlich in Frankfurt a. 7 ,- Der Verwaltungsrath setzt sich aus folgenden Herren zusammen: Hermann Lehmann, Vorsitzender, Josef Wohlfahrt, Schriftührer, Louis Feist, Wilhelm Hackenbroch, Emanuel Lehmann, sämmtl. in Frankfurt a. M., Dr. Ed. Brberfeld-VerÜn, Jak. Blumenfeld-Leipzig, Dr. E. Fränkel, München. Äenjamin Hirsch-Halberstadt,. Ä. Kober-BreSlau, Oskar Lehmann-Mainz, George Marx-Königsberg, Mar Meyer- Nürnberg, M. L. Munk-Cöln, Samuel Straus- Karlsruhe, Albert. Wolfs-Hamburg, H. Wollheim- Die recht gut redigirten „Mittheilungen" kosten für Nichtmitglieder Mk. 3 jährlich, und empfehlen wir deren Monnement unseren geehrten Lesern.; - AnS Sachsen, 15. April. Die Handelskammer «zu Chemnitz hat, einer Anregung des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Folge leistend, die sächsische Regierung gebeten, sie möge dahin wirken, daß bei den Hdndelsvertragsverhandtungen mit Rußland eine Gleichstellung der deutschen Geschäftsreisenden jüdischen Glaubens mit denen christlicher Konfessionen herbeigeführt werde. In ihrer betr. Eingabe, weist die Handelskammer darauf hin,, daß während ausländische Reisende für Firmen, die in Rußland kein Etablissement besitzen, auf den Namen der von ihnen vertretenen. Firmen Gewerbescheine zum Preise von 150 Rubel zu lösen hätten, jüdische Handlungsreisende. einen Firma-Gewerbeschein von 500 Rubel und einen auf ihren eignen Namen von 60 Rubel lösen müßten. Sie betont, daß die russische Negierung nicht befugt ist, Unterthanen eines fremden Staates, in dem die Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses ohne Einfluß auf den Genuß der staatsbürgerlichen Rechte sei. zu differenzieren. Die Deutschen, welche der russischen Regierung im völkerrechtlichen Verkehr entgegenträten, feien als Deutsche zu behandeln, ihr Glaubensbekenntniß sei für die russische Regierung so irrelevant, wie die Frage, ob der einzelne ein Bayer oder Preuße, ob er adelig oder bürgerlich sei. Die Handlungsreisenden jüdischen Glaubens hätten sich stets als fleißige Pioniere des deutschen Absatzes erwiesen, deßhalb sei eine. Beseitigung dieser rigorosen Bestimmung auch im Interesse der deutschen Exporthäuser erwünscht, welche jüdische Reisende beschäftigen.