Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 30-31 (22.4.1903)
- Date
- 1903-04-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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seiner Behauptung einsehen können. Wenn der Schreiber des Artikels durch die Ueberschrist „Die Zionisten unter sich" andeuten wollte, daß d'ie Streitigkeiten im Lager des Zionismus so groß seien, daß sie als Auflösungsmoment gedeutet werden könnten, so befindet'er sich auf dem Holzwege. Keinem Zionisten in der Welt wird es einfallen, zu leugnen, daß es innerhalb des Zionismus verschiedene Richtungen und verschiedene Auffassungen gibt, wie es bei jeder großen Idee der Fall ist, bife sich ihre Bekenner gemäß ihrer individuellen Entwickelung zurechtlegen, — aber diese Meinungsverschiedenheit ist lange nicht groß genug, um dir gemeinsame Arbeit für die gemeinsamen Ziele, die in dem Baseler Programme niedergekegt sind, auch nur im allergeringsten zu stören. Ich wünschte dem Zionismus die Stärke einer anderen Bewegung, die, obwohl oder weil sie die weiteste Meinungsverschiedenheit in ihrem Schoße birgt, die meisten Anhänger im deutschen Reiche besitzt. Wenn sich jetzt in den zionistischen Blättern eine heftige Controverse, die sich um die Namen Max Nordau und Achbd-Haam dreht, abspielt und wahrscheinlich noch einige Zeit abspielen wird, so entspringt sie durchaus nicht tiefwurzelnden, sachlichen Momenten, sondern vorübergehenden persönlichen Verstimmungen. Es ist zu bedauern, daß der Herr-Einsender, der allem Anscheine nach weder den Artikel von Achad-Haam, noch den von Max Nordau mit genügender Aufmerksamkeit gelesen, oder sie vielleicht überhaupt nicht gelesen hat, sich ein Urtheil über diese Affaire herausnimmt. Ach'ad-Haam, der zwar nicht „viel", aber umso besser schreibt, der allerdings für die Ausgestaltung einer echt-jüdischen Kultur kämpft, aber nicht im Entferntesten daran denkt, eine fanatische Propaganda für den Abfall vom praktischen Judenthum durch Schrift und Wort zu betreiben, hat von feinem Standpunkte aus den zionistischen. Roman „Altneuland" von Dr. Herzl, in dem gerade die jüdische Kultur keine genügende Berücksichtigung gefunden hat, einer scharfen, aber durchaus sachlichen Kritik unterzogen. Dr. Nordau hat auf diese Kritik replizirt, das war sein gutes . Recht und in gewissem Sinne auch seine Pflicht. Aber er, der, wie es scheint, die hebräischen Werke von Ach'ad- Haam nicht genügend kannte, ließ sich von feinem bekannten heftigen Temperamente fortreißen und verfiel in seiner Replik in einen Ton, der der Würde des Gegenstandes nicht entsprach, und vor allem einem Manne gegenüber unangebracht war, der sich weit und breit als Charakter, wie als Denker einer außerordentlichen Verehrung erfreut- und in der hebräischen Litteratur eine dominirende Stellung einnimmt. Es konnte nicht ausbleiben, daß die Anhänger und Verehrer Achad- Haam's gegen eine derartige Verunglimpfung eines hochbedeutenden Mannes Front machten — auch der Unterzeichnete hat dies gethan — und wenn dabei der eine oder der andere in der Hitze des Kampfes auf den groben Klotz mit einem groben Keile reagirte, so ist es zwar keineswegs zu billigen, aber psychologisch durch-- aus zu begreifen. In keiner Weise hat aber dieser ganze Streit irgend eine sachliche Unterlage,- die irgend welche symptomische Bedeutung für die zionistische Be- . wcgung haben könnte. .1 ’ Was die vom Verfasser des Artikels zum Schlüsse angezogene Stelle betrifft, so scheinen jetzt die Zionisten den Willen Gottes zu thun; denn auch ihre Arbeit wird durch andere verrichtet. Denn durch derartige unbegründete und gehässige Artikel wird keine Propaganda' gegen, sondern für den Zionismus gemacht,' Privatdozent Dr. I. Friedlaender. Leipzig. Es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß just um dieselbe Zeit, da die Knochenfunde in einem Aborte in Könitz die Recherchen nach, dem Mörder des Gymnasiasten Winter in Könitz in Neue- Bahnen zu leiten scheinen, auch das Reichsgericht in Leipzig eine Entscheidung publizirt, die mit dtzmKoniher Morde in Zusammenhang steht. Es dürfte noch erinnerlich sein, daß im vorigen Winter die Herren Dr. Bötticher und Bruhn, Redakteur und Verleger der „Staatsbürgerzeitung", vom Landgerichte Berlin I zu 12 bezw. 6 Monaten Gefängniß verurtheilt wurden, weil sie in mehreren Artikeln ihres Blattes, in denen sie die beiden Levy als Mörder bezeichneken, auch die Polizei- und Gerichtsbeamten schwer beleidigten. Die Berurtheilten hatten Revision zum Reichsgerichte eingelegt, die nun verworfen wurde. Hoffentlich gelingt es nun doch noch, den Konitzer Mörder zu ermitteln,, und ebenso wird aber auch die empfindliche Strafe der Herren Bötticher und Bruhn die antisemitische Hoch-' fluth etwas eindäMmen. L. M. Geilenkirchen. Ein treues Gemeindemitglied, einen ehrenwertsten Bürger, einen königstreuen Unterthan, einen Mann , glockenreinen Charakters und vornehmer Gesinnung, haben wir am zweiten Tage kn -ijna zu Grabe geleitet. Herr Benjamin G o t i s ch a l k hauchte am zweiten Peßachtage seine reine Seele aus. Nie kam ein verletzendes Wort über, seine Lippen, nie haben Mißgunst und Lieblosigkeit in seinem Herzen Raum gesunden; er hat das Gute geivollt uiid geehrt und hat es selbst geübt in Herzensreinheit. Er war ein durch und durch treuherziger, wahrheitsvoller Mann, der sich auf die Schleichwege, Kunstgriffe und Winkelzüge nicht verstand, mit denen oft die unlautersten Bestrebungen zur Geltung gebracht werden. Echter Gottessinn erfüllte sein Herz, wahre Frömmigkeit leitete sein Thun, und was ich noch besonders hervorheben will, der Satz unserer Weisen vDV rr^vv *p*i rrim, war der Leitstern seines Lebens. Ehre fernem Andenken. - Frohmann. Qesterre ich. Wien, 17. April. Vorgestern fand ln Meran in Anwesenheit zahlreicher Leidtragender auf dkm israelitischen Friedhofe die Beerdigung des Professors Dr. Moriz Lazarus statt. Vertreter der dortigen