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Der Israelit · 1903-11-05 · Heft 88 (5.11.1903) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 88 (5.11.1903)
Date
1903-11-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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44. Jahrgang. 21 f £ ö o tj. von Ludwig Krautz. Ein ergreifendes Bild ist es, das die dieswöchentliche Sidrah in dem Akedoh-Ereigniß uns vor Augen führt. Ein 137jähriger Greis führt seinen Sohn zum Spfcraltar und schickt sich an, ihn zu schlachten! Wohl ist die Menschengeschichte nicht arm an Ereignissen, gegen die Herz und Verstand sich auflehnen, und manche Unthat starret aus den Blumen und Blüthen, die die Menschheit verherrlichen. Die Geschichte unserer Stammväter jedoch — ist sie denn nicht eine ununterbrochene Kette von Tugendübung, ein unentwegtes Arbeiten an Veredlung und Vervolllomm- 1111113? — Und Abraham führt seinen Sohn zum Opferaltar! Was mochte wohl Abrahams großen Geist begriffen haben, unter Forderung Gottes und Menschenpflicht? Konnte er denken, daß Gott an Menschenopfer Gefallen habe? Konnte er denken, daß der Gott, den er erkannt, den sein alles durchdringender Geist gesehen, sein warmes Herz empfunden, sein scharfer Verstand begriffen, der Gott, den er als Urquell alles Wohlwollens kennen gelernt, konnte er denken, daß dieser einzig wahre, lebende Gott am Blut und Leben eines Menschen seine Lust letzen wolle? ~b “V*. r.s nrns itp» -pn' nx i;- r» x: r.p .7*rx ivx tbw D’inn irx bs rbvb cv T.bvru px bx „Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, den Iizchak, und gehe dir zum Lande Morija und bringe ihn dort zum Opfer auf einem der Berge, den Ich dir sage werde." Mußte dieser Ruf aus Himmelshöhen nicht niederschmetternd auf Abrahams Seele wirken? Exegeten, die von den wohlbetretenen Pfaden, unserer Tanoim abweichcn, Tauroh-Erllärung auf eigene Faust betreiben und in ihr eine lose Phantasie spielen lassen, kommen freilich angesichts dieser Schwierigkeit nicht in Verlegenheit. ' „Abraham," so lehren sie auf der Kanzel und in Schulen, „Abraham lebte in einer Zeit, da man Götter mit Menschenopfer zu ehren und zu versöhnen glaubte. Feueranbeter, Sonne- und Mondverehrer schlachteten ihre eigenen Kinder und verbrannten sie; cs konnte also Abraham nicht schwer fallen, das Gleiche zu thun und seinen Sohn Gott zu opfern." Wie gelehrt und geistreich zugleich!! Indem aber die Entdecker dieser Gelehrsamkeit vergessen, daß Abraham alles Andere mehr als ein Kind seiner Zeit gewesen, daß das seinem Leben Namen und Stellung gebende Moment eben in der Jsolirung gipfelte, die er durch Anschauung und That seinem Zeitalter gegenüber eingenommen, verrathen jene Thauroh-Ausleger eine schreiende Unkenntniß der Thauroh oder .zum mindestens eine nicht zu verantwortende Flachheit. Heißt es doch gleich in dem einleitenden Satze: LN12X nt nw D’p^xni „Und Gott stellte Abraham auf die Probe." Festigkeit und hingebungsvolle Treue werden aber nicht erprobt durch Lösung einer Aufgabe, die einem so leicht wird, wie dem Feueranbeter sein Molochdienst, sondern hart und unbegreiflich muß Abraham seine Aufgabe gefunden haben, wenn anders der angelegte Maßstab nicht täuschen soll. Alle anderen für diese Auffassung sprechenden und gegen oben angeführte Irrlehre zeugenden Beweise hier aufzuzählen, das hieße den Text Zeile für Zeile durchgehen; jede einzelne schlägt jener Gedankenlosigkeit mit Fäusten, in's Gesicht. — Nur Eins! Vers 5 erzählt: mm nenn cy ne es!? w brr cm?« *w„ * "aybv nmxnwi nvbz *w:m Da sprach Abraham zu seinen Knaben: „Bleibet hier bei dem Esel, ich und der Knabe, wir wollen bis dahin gehen; wir bücken uns dort und kehren dann zu euch zurück" — mir bücken uns dort. Abraham will die Wahrheit seines Vorhabens noch nicht einmal aussprechen, nicht einmal seinen vertrautesten Hausleuten gegenüber aussprechen, so schrecklich, so unfaßlich ist sie ihm und jene Blasphemie wagt es, ihn mit einem Molochdiener zu identifiziren, der auf offenem Markte unter Beistand eines Priesterheeres und einer zujauchzenden Volksmenge sein grauscs Schauspiel auffllhrt! Wie aber Abraham die von ihm zu lösende Aufgabe erfaßt, und wie er über dieselbe gedacht, das spricht er auf seinem Prüfungsgange in folgenden Worten selbst aus: „Da sprach Iizchak zu Abraham." so heißt es Vers 7, „mein Vater! da ist das Feuer und sind die Hölzer — wo ist das Lamm zum Ganzopfer? Und Abraham sprach: Gott wird sich das Lamm ersehen, mein Sohn!" — Soll diese Antwort bloß eine Ablenkung, soll sie eine Ausflucht, soll sie ein Deckmantel des wahren Sachverhaltes , sein? Was will das sagen: „Gott wird sich das Lamm ersehen?" — Iizchak war kein unmündiges Kind mehr; er stand im 37. Lebensjahre, das Alter des reifen Mannes, dem man keine Unwahrscheinlichkeiten vorspiegelt und die Antwort des Vaters — da sie ihn vollauf befriedigte, sie daraufhin i'iir dhmp wbi rüstig "inx 2b? ungetheilten Herzens fortschreiten und auf das Ziel losj steuern — so muß wohl diese Antwort den Schlüssel | zu dem großen Räthsel enthalten. . jj

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