Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 88 (5.11.1903)
- Date
- 1903-11-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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biner selber habe seine Gemeinde beim Kaiser denunzirt, er habe aber bewirkt, daß der Verweis auch an ihn gerichtet werde, damit man den eigentlichen Denunzianten nicht ernennen solle. Dieses Gerücht kam auch Rabbi Jom tob Lipman Heller zu Ohren; je entrüsteter und hartnäckiger er sich gegen dasselbe auflehnte, umso bereitwilliger wurde es geglaubt. Das Denunziantenwesen war in jener trüben Zeit so eingerissen, daß man es ganz selbstredend fand, wenn selbst der Rabbiner zur Denunziation, als einem Akt der Nothwehr, seine Zuflucht nahm. Dazu kam. daß der Rabbiner oft gedroht hatte, er werde, wenn man ft inen Anregungen zu Recht und Billigkeit nicht Folge leiste, höheren Orts deßhalb vorstellig werden. Der Oberrabbiner dachte dabei an eine der Kommission vorher vorzulegende Beschwerde an den Statthalter. Aber seine Feinde brachten jetzt diese Drohung mit dem kaiserlichen Erlaß geschickt in Verbindung. Als diese mehrere Wochen andauernde Gährung im vollen Gange war, wollte eines Nachmittags der Oberrabbiner eben die Synagoge zum Mnchagebet betreten, als ein jüdischer Mann an ihn mit der Mittheilung herantrat, der erste kaiserliche Gerichtsherr des Prager Criminalgerichts sei soeben voraefahren und habe ihn gefragt, ob der Qberrabbiner zu Hause sei. er habe eine vertrauliche Besprechung mit ihm zu halten. „Und was habt Ihr geantwortet?" fragte der Oberrabbiner. „Ich wisse es nicht, wahrscheinlich sei aber der Herr Qberrabbiner im Beth-Hamidrasch zu seinem regelmäßigen Lehrvortrage; jedoch wird der Herr Oberrabbiner jedenfalls gern den Kaiserlichen Gerichtsherrn aufsuchen, wenn dieser ihn zu sprechen wünscht. Der Gerichtsherr lehnte dies aber ab. er wolle den Qberrabbiner aufsuchcn." Als der Rabbi dieses hörte, fing er zum ersten Male an, an den Ernst der Ermahnungen und Warnungen zu glauben, die er früher und in der jüngsten Zeit wieder erhallen hatte. Aber in seinem Minchagebete ließ er sich deßhalb nicht stören. Mit innigerer Andacht als je verrichtete er. sein Gebet, und nach demselben setzte er die anwesenden Vorsteher von dem Vorgefallenen in Kenntniß mit dem Ersuchen, ihn in sein Haus zu begleiten und Zeuge der Unterhandlung zu sein, die zwischen ihm und dem Kaiserlichen Gerichtsherr statt finden soll. Der Letztere war in seiner Karosse inzwischen bei einem jüdischen Manne vorgefahren, der in unmittelbarer Nähe des Rabbiners wohnte, blieb dort, um jedes Aufsehen möglichst zu vermeiden, bis etwa eine halbe Stunde nach cinaetretener Dunkelheit und kam dann erst in das Rabbinerhaus, um den Rabbiner aufzusuchen. In höchst leutseliger Weise betrat der Kaiserliche Gerichtsherr das bessere Wohnzimmer des Rabbiners, reichte jedem Anwesenden freundlich die Hand und ließ sich zur linken Seite des Rabbiners nieder, sich eine Zeit lang über gleichgültige Dinge unterhaltend. . Wir wollen die nun folgende Scene mit den . eigenen Worten Rabbi Jom tob Lipman Hellers schildern, wie er sie in seiner Selbstbiographie (Megillas Eba) ausgezeichnet hat: ..Nach einer Weile sagte mir der Gerichtsherr, daß er mir eine vertrauliche Mittheilung zu machen habe; ich begab mich darauf mit demselben in mein Lernzimmer. Da ich an demselben Tage von Wien . unterrichtet worden war, Se. Majestät der Kaiser habe dem Statthalter von Prag den gemessnen Befehl zugehen lassen, mich in Ketten nach Wien zu bringen, so brachte ich die vertrauliche Unterredung damit in Verbindung. Ich fragte deßhalb den Kaiserlichen Gerichtsherrn, ob er nicht die Gewogenheit haben wolle, mir seine Mittheilung im Hause des mir besonders befreundeten Vorstehers Herrn Jakob Schmilas machen zu wollen. Er erklärte sich dazu bereit und ersuchte mich, mit ihm in seiner Karosse dorthin zu fahren. Ich lehnte dieses ab, formell aus Bescheidenheit, in Wirklichkeit aber aus Furcht, der Wagen werde mich statt zu Herrn Schmilas, in's Gefängniß führen, und wollte zu Fuß dorthin gehen. Der Gerichtsherr er- Uärte in diesem Falle mir zu Ehren ebenfalls zu Fuß gehen zu wollen; die Vorsteher und Aeltesten begleiteten uns. Auch dort ließ er mich zu seiner rechten Seite niedersitzen und sprach wieder über gleichgültige Dinge. Endlich wandte er sich an den Hausherrn, Herrn Jakob Schmilas. mit der Bitte, um eine Unterredung in einem besonderen Zimmer, wo er ihm folgendes sagte: „Ich habe das Herz nicht, dem mir als brav und rechtschaffen bekannten Rabbiner das traurige Schicksal zu verkünden, welches ihm bevorsteht. Der Kaiser hat dem Statthalter die Weisung zugehen lassen, den Rabbiner in Fesseln und sicherer Bewachung nach Wien zu schicken. Zehn Mann stehen mit den Fesseln im Hause des Statthalters schon bereit. Ich habe den Befehl, den Rabbiner noch diese Nacht in das Palais des Statthalters zu bringen. Vielleicht können Sie dies alles dem Rabbiner in milder, schonender Weise beibringen, damit er nicht allzusehr davon betroffen wird." Erschrocken flehte Herr Schmilas den Kaiserlichen Gerichtsherrn an. daß hier doch kein übereilter Schritt geschehen möge, er wolle einige von den Vorstehern zu dem Statthalter schicken, um Gnade-von demselben zu erbitten. Der Gerichtsherr erklärte sich damit einverstanden. bemerkte jedoch, daß er dann ebenfalls hier verweilen wolle, bis die Antwort des Statthalters eintreffe. Als Abgesandte gingen die Vorsteher Rabbi