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Der Israelit · 1903-11-09 · Heft 89 (9.11.1903) · page 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 89 (9.11.1903)
Date
1903-11-09
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Dich nicht verdächtigen wollen? Gibt ihnen dies nicht Anlaß zu neuen Lästerungen und Klatschereien?" «Liebe Mutter!" entgegnete Jakob. „Soll ich dies schuldlose Wesen des Schutzes berauben? Es in Miethlingsbände geben? Soll ich meine Menschenpflicht nicht erfüllen aus Furcht vor Menschenzungen?" Die Alte blickte ihn schweigend an und sagte dann: „Nein! Nein! Jakob. Dies Opfer wäre zu groß! Dies Kind findet nirgends eine Mutter, aber es kann wenigstens sorgsame Pflege finden. Ein gutes Werk zu thun, will ich Dich nicht hindern, aber eine Kränkung laß ich Dir auch nicht anthun!" Spät am Abend begab sich Jakob, ermattet und abgespannt von unaufhörlichen Besuchen, und voll Schmerz und Trauer über den unerwarteten Tod der armen Lia, fast mechanisch in das Segel'sche Haus. Es war schon dunkel, als er dort ankam; schon im Voraus freute er sich darauf, ein Weilchen in dieser Atmosphäre stiller Trauer aufzuathmen, nach der Last und Hitze der Morgenstunden. Der Diener, gewohnt, ihn jederzeit vorzulassen, öffnete ihm den Salon, in dem noch kein Licht brannte. Mit Blumen geschmückt, aber leer, kühl und unwohnlich, sah dieses Prunkgemach der offiziellen Gastlichkeit so bang und düster aus, als'verhülle es ein Leichentuch. Es schien sogar, als ob die duftigen Blumen, die in großen Gruppen all seine Erker zierten, in dieser kalten Moderluft verwelken müßten. Ein Gemisch von Blumenduft und der Atmosphäre eines Sterbezimmers durchdrang diesen öden Raum. Tilda's Fortepiano stand verschlossen. Auf sie selbst mußte er, obgleich man ihn angemeldet, ziemlich lange warten. Der Diener schritt voran mit einem Lichte, welches, indem es seine Strahlen auf die dunklen Möbel warf und an den Vergoldungen der Spiegel und Kronleuchter heftete, den todtesftarren Salon etwas belebte. Die dunkleren Winkel aber schienen irgend ein Grabesgeheimniß in sich zu bergen. Dieses ganze Haus hatte wirklich, trotz feiner Pracht, etwas rührend Trauriges an sich. Niemals erschallte darin eine fröhliche Kinderstimme. Täglich ballte an den Wänden spöttisches Gelachter wieder, oder die Seufzer verborgener Qual. An Nichts hier haftete, an Nichts prägte sich Leben aus. Man schritt wie auf Steinen. Alles stand, lvie es einst der Tapezierer gestellt, wie es täglich die Diener stellten. Man sah. daß Niemand diesen Winkel liebte. Niemand darin glücklich war, und die Menschen hier nur durchgingen. Wie ein weißer Schatten, in langem, von einer Schnur umgürteten Gewände, schlüpfte Tilda herein. Aber seit er sie das letzte Mal gesehen, hatte sie sich schrecklich verändert. Ihre Augen hatten einen krankhaften Glanz angenommen, das Antlitz war noch magerer, die frühere Erstarrung war fast statuenartig geworden. Schüchtern reichte sie ihm die kalte, zitternde, magere Hand. Zur Begrüßung fehlte ihr die Stimme. Jakob, der an einen wärmeren Empfang gewöhnt war, wurde anfangs auch verlegen, da er fühlte, daß auch hier, wie überall, ihn irgend eine Verleumdung verfolgte. Es gibt aber im Leben Augenblicke, in denen die Wucht der Schlag auf Schlag ihn treffenden Schicksale den Menschen immer mehr abhärtet gegen Alles, was ihm begegnet. ... „Heut' komm ich wohl zu ungelegener Zeit?" sagte Jakob, nachdem er sie begrüßt. „So will ich wieder gehen!" „O nein!" erwiderte Tilda etwas verlegen. „Niemals konnten Sie, mein Herr, gelegener kommen. Ich wünschte dringend, ,Sie zu sehen und zu sprechen!" „Sprich! Bist Du krank?" „Nein! O nein! Ich bin ganz gesund!" antwortete sie kalt. „Mich trafen heute schon so viele verschiedene, peinliche, lächerliche, schmerzliche und blutige Schläge, daß mein Herz selbst mich mahnte, hierher nach Trost zu gehen!" „Das Herz? Doch wohl nur aus alter Gewohnheit?!" „Wieso? Solltest auch Du schon nicht mehr, an mich glauben?" fragte Jakob. Tilda blickte ihn lange forschend an. Dann sagte sie: . *. „Höre mich an! Genug sei es jetzt der Qual, dre mir die Seele zerreißt. Länger ertrag' ich nicht diese Zweifel. Lieber will ich die Wahrheit, sei sie auch noch so bitter! Ich sah in Dir einen Mann der Wahrheit — warum wurdest Du ein Mann der Lüge, wie sie Alle sind?" „Auch Du zweifelst an mir?" schrie Jakob und rang die Hände. „Das hat mir gerade noch gefehlt!" »Ich zweifelte? Nein! Ich überzeugte mich davon, daß Du gelogen! Du hast mich verrathen, mich, die von Dir nur Wahrheit forderte. Du konntest mir ja, wie einer Schwester, offen sagen: Ich liebe Dich nicht! Ich liebe eine Andere! An diesen Leichnam will ich nicht geschmiedet sein! Ich bedarf des Lebens! Dann hätte ich Dir gesagt, wenn auch mit kummervoller Seele: Geh' und sei glücklich! Dann hätt' ich kein Herzeleid nach Dir, sondern nur Schmerz um Dich gehabt!" . . „Aber was that ich denn? Wann log ich denn? rief Jakob. „Wie? Du wagst noch?" „Tilda," sagte Jakob ernst und würdevoll. „Urtheile über mich, wie Du willst — aber nimm mir nicht meine Ehre! Ich bin ein schwacher, gebrechlicher Mensch, doch war ich niemals ein nichtswürdiger! Niemals!" — »»'

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