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Der Israelit · 1903-11-09 · Heft 89 (9.11.1903) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 89 (9.11.1903)
Date
1903-11-09
Page
– (sequence 20)
Language
German
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195.8 „Was bedeuten denn aber diese Geheimnisse? Diese Frau Jakob erhob sich, rang die Hände, seufzte tief und senkte das Haupt aus die Brust. Dann sagte er: „Setze Dich.' Ich will Dir Alles erzählen!" Und ruhig begann er seine Erzählung, die er mit der gestrigen Scene und mit dem heutigen Tode Lia's schloß. Der armen Tilda, die ihm athemlos lauschte, schwammen'die Augen in Thränen; sie zitierte und bebte, aber sie fühlte sich stolz ob der Tugend ihres Lieblings, die wieder vor ihr strahlte in ihrem ganzen früheren Glanze. Dieser glückliche Augenblick gab ihr den Glauben, das Leben und die Liebe wieder, ihre letzten Schätze, die ihr die Verleumdung zu entreißen drohte. Als er geendet, wäre sie ihm zu Füßen gesunken, um Verzeihung zu erflehen für ihren Verdacht, hätte sic nicht die Furcht vor Zeugen zurückgehalten. „O. verzeihe mir!" rief sie gerührt. „Dieses Vorkvmmniß hatte sich so hartnäckig mir in die Brust eingeprägt, und ich war an das Unglück schon so gewöhnt, daß ich glaubte, auch dies müsse mich noch treffen!" „Nur über Eines wundere ich mich!" sprach Jakob: „daß Du nicht ain ersten Tage, in der ersten Stunde, da.man Dir dies erzählte, nach mir schicktest, um mich zu befragen, wie Du dies mir schuldig warst! Sprich, habe ich nicht Recht?" „Ich büßte dies auch mit unbeschreiblicher Qual." antwortete Tilda. „Diese Tage zähle ich zu den schwersten in meinem Leben. In ihnen kostete ich das Nichts und den Tod! Diese Nachricht ertödtete in mir Alles, selbst Vergangenheit und Erinnerungen. Sie raubte mir ja Dich, mein Alles!" „Mir aber konnte es ja gar nicht in den Sinn kommen, daß ick«, nachdem ich ein gutes Werk gethan. noch diesen Marterlohn dafür erhalten sollte!" „Ach, könnte ich doch nur diese arme Waise zu mir nehmen an Deiner Statt!" fuhr-Tilda fort. „Wie glücklich würde ich sein! Aber ich bin Herrin und Sklavin hier im Hause! Man schmückt mich, wie dies Geräth hier, um den Ueberfluß des Herrn zu bezeugen! Man schätzt wich, weil ich mich sein Weib nenne. Ich babe Alles, was der Ueberfluß nur haben kann und sein Stolz verlangt. Und doch bin ich — eine Sklavin! Man streut mir Blumen unter die Füße, damit die Welt sie sehe. Gar oft beneidete ich schon die Arbeit, ja die Noth der Armuth, mitten in dieser erstickenden Atmosphäre von Tllst und Pracht! Seit einiger Zeit sogar sehe ich bier nicht einmal Menschen! Heinrich schließt sich ein mit seiner russischen Gesellschaft, oder er verlebt mit ihr ganze Tage bei den Wtorkowska's! Zu mir kommt Niemand, außer dem Arzte, wenn ich einmal kranker bin. seit Jahren der Wächter meiner Gesundheit, oder ein Armer. dem ich nichts zu geben . habe. Denn ich habe selbst nichts. Dies Alles ist geborgt!"! Sie seufzte tief. I „Heut' aber," fuhr sie fort und reichte ihm die I Hand, ..heut' ist für mich ein Tag der Freude, der Wiedergeburt! Ich bin wieder ruhiger. Es gibt einen Menschen auf der Welt, der mich die Menschen lieben und schätzen läßt und glauben an das Gute und die Tugend!" . Noch lange plauderten sie zusammen. Die Diener brachten zur gewohnten Stunde den Thee. Hierzu erschien die stets verschnupfte Engländerin. Herr Heinrich aber nicht. So konnten sie leise weiter plaudern und die Welt da draußen vergessen. Endlich öffnete Tilda das bestaubte Instrument und mit der Adur-Polonaise von Chopin schloß diese Herzensfeier, dieser Gedenktag der Versöhnung und des Friedens. Bei der späten Heimkehr blickte Jakob nach den Kerkerfenstern dieses Hauses, und seiner Seele entrang sich, er wußte selbst nicht warum, ein banger Scheidegrüß, als solle er sie nimmer Wiedersehen! Der Frühling dieses Jahres hatte zeitiger, als sonst, begonnen, als wollte er den Hoffnungen zu Hülse kommen, die trügerisch wie er,' zu eilig ihre Blüthen entfalteten. Warschau bot den wunderbaren Anblick einer Stadt, deren Bevölkerung aus allen Winkeln hinausgeströnlt war in die Welt, in die Wälder, in Kampf und Tod. Die Russen schienen dies gleichmüthig mitanzusehen, oder es gar nicht zu bemerken, oder nicht hindern zu wollen. Im Bruehl'schen Palais wiederholte man aphoristisch mit kaltem Blute: „Das Geschwür ist reif — es muß bersten!" Man achtete dort nicht des Blutes, welches dabei fließen sollte, noch auch des Schmerzes. Man wollte nicht sehen, daß das Geschwür entstand aus einer durch wahnsinnige Unterdrückung eingeimpfte Krankheit. In den Mauern der Stadt schleppte sich das Leben scheinbar in gewohnter Ordnung hin. Nur die Eingeweihten vermöchten aus den Straßen die dem Tode verfallenen Opfer zu erkennen. Unter trügerischer Stille verbarg sich maßlose Aufregung. Man erfuhr insgeheim von kleinen Häuflein, denen es gelang, trotz des Militärs, sich zu schaaren, die Russen irgendwo zu schlagen und zu vertreiben, in ein Städtchen einzudringen, irgendwo eine Kasse mit sich zu nehmen, und' auf einige Zeit ihre Fahne aufzustecken. Betrat man die Kirchen, so sah man ganze Schaaren an den Altären sich zum Tode vorbcreiten. Sie Alle konnte man zählen, beweinen — zurückhakten aber Keinen? tFortsehnng folgt.)

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