Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 89 (9.11.1903)
- Date
- 1903-11-09
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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!9äG werden sie von Allen überschüttet, Niemand will sie verstehen. Warum? Weil sie beiden Parteien die volle, bittere Wahrheit sagen, ohne sich an ihre Gunst oder an ihre Drohungen zu kehren! Seien Sie überzeugt, daß Ihre wohlwollenden Warnungen, so sehr ich sie auch zu schätzen weiß, mein Verhalten auch nicht um ein Haar ändern werden! Ich werde das sein, wozu mich mein Gewissen macht, mein Charakter anhält. Wollte ich Ihnen oder Jenen nachgeben, würde ich ein Anderer sein, ein Lügner!" Und er schloß mit dem hebräischen Verse: „Glücklich ist, wer stirbt, wie er. geboren ward, rein und schuldlos!" (Vaba Mezzia 107 a.) Mann -lickte ihn mit sonderbarem Gesichtsausdrucke an: halb spöttisch, halb verwundert, aber wie immer hochmüthig. Dieser schweigende Blick schien zu sagen: Sei ganz ruhig. Du wirst sterben, so dumm, wie Du bist! Seufzend fuhr er dann fort: „Na! Die Sache ist also zu Ende! Mit Ihnen menschlich zu reden, sich zu verständigen. Sie zu sich selbst zu bringen, ist unmöglich! Ich spreche mit Ihnen aus dem Leben. Sie kommen mir mit dem Talmud! Wollen Sie denn mit Gewalt in die Citadelle? Das aber bringt uns Alle in Verdacht, die wir mit Ihnen leben und befreundet sind!" „Was kann ich dabei aber ändern?" „Sie sagten doch wiederholt, Sie sind kein Revolutionär?" - „Allerdings, und Sie können es mir glauben!" „Sprechen Sie es also öffentlich aus! Stehen Sie zur Partei derer, die auf legalem Wege die Revolution bekämpfen!" „Diejenigen aber, die, wie Sie sagen, auf legalem Wege kämpfen, sind Leute, die.auch an die Erfolge des Galgens glauben, an die Untrüglichkeit des Terrorismus, und die den Despotismus als gerechtfertigt und unvermeidlich erachten!" „Beides ist gleich schlimm!" unterbrach ihn Mann. „Gut also! Beides ist schlimm oder vielmehr Beides ist Eins! Der Despotismus von oben oder von unten, die Revolution, sei sie schwarz oder roth, bleibt immer, was sie ist! Die Leute, deren Ueberzeugung ich theile, stehen in der Mitte. Aber, wie immer, sind ihrer sehr wenige!" „Und auch diese fallen meist zum Opfer der Revolution von oben oder von unten." „Allerdings! Aber sollte dies eine Veranlassung für mich sein, aus Furcht vor dem Untergange meine Ueberzeugung zu ändern? Reißen Sie mir das Herz aus der Brust, die Ueberzeugungen aus dem Kopfe, oder machen Sie mich zum Lügner!" „Zum Lügner nicht, aber zu einem besseren Politiker möchte ich Sie gern machen! Denn Sie thun mir aufrichtig leid! Wissen Sie was? Sie müssen gar nicht hier bleiben,.sondern über die Grenze gehen!" „Wollen Sie haben," rief Jakob, ihn erstaunt anblickend. „ich soll freiwillig, während die Andern.untergeben, während das Land in der schwierigsten Lage ist. während es gilt, für die Wahrheit zu kämpfen auf ihren Trümmern, vom Platze weichen, um mein iheures Haupt zu schützen?" „Ich gebe Ihnen wiederholt mein Wort," entgegnete Mann lachend, „daß es mir nicht so viel auf Ihren Kopf ankommt, wenn Sie ihn ebenso gern loswerden wollen, als vielmehr um uns! Sie sind Jude, Sie sind reich und gebildet; was sollen Sie sich unsertwegen todtschlagen lassen!" „Wir stehen also auf einem unlösbaren Dilemma," erwiederte Jakob. - „Ich kann nicht ich selbst sein und muß also dafür sorgen, daß ich nicht mehr bin! Wissen Sie was? Ponr cause d’utilitS publique, lassen Sie mich mir eine Kugel vor den Kopf schießen! Das ist die beste Lösung!" „Leider ist auch dies unmöglich!" rief Mann lachend. „Man würde sagen, es sei im Geheimen ein Mord an Euch begangen worden. Aber um Goiteswillen! Reden wir vernünftig. Sie sind kein Kind! Schließen Sie sich ein!" „Sie sagen ja. ich konspirire!" „Beschränken Sie sich auf die Russen!" „Soll ich ihnen die Wahrheit preisgeben?" ' „Run, so reden Sie wenigstens nicht!" „Das kann ich wieder nicht!" Der Gast sprang ungeduldig vom Sessel auf und rief: „Ra, so bol' Sie der Kuckuk!" Er griff nach Stock und Hut, bedeckte sein Haupt, eilte hinaus und warf di- Thüre hinter sich zu. Dieser Tag war für Jakob in jeder Hinsicht schwer. Man schickte nach ihm aus St. Georg, indem inan ihm den gefährlichen Zustand der Kranken meldete. Er beeilte sich, aber nur, um das wimmernde Kind als — Waise anzutreffen. Lia war nicht mehr. Das unglückliche Wesen war auf seinen Schutz angewiesen. Niemand war da. dem er es anvertrauen konnte, und doch durfte er es nicht verlassen. Natürlich wandte sich Jakob mit dieser Bitte an seine Mutter. Nach den ersten Worten, die er hierüber zu ihr sprach, errötbete die tiefbesorgte Mutter. Es war ihr peinlich, den Sobn zu verdächtigen und doch drängte sich dieser Verdacht ihr unwillkürlich auf. Um ihr die längere Ungewißheit und Besorgniß zU ersparen, betheuerte ihr Jakob auf das Feierlichste, daß das Kind ihm gänzlich fremd fei. Die Alte glaubte ihm dies, zeigte aber trotzdem eine gewisse Abneigung und Furcht und sagte: »Ich glaube Dir Alles; aber werden nun die Andern glauben, wenn sie das Kind sehen? Werden sie