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Der Israelit · 1903-11-09 · Heft 89 (9.11.1903) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 89 (9.11.1903)
Date
1903-11-09
Page
– (sequence 10)
Language
German
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bayrischen Kammer ein scharfes Turnier zwischen der liberalen Minderheit und dem Zentrum tobt, war man' allgemein voller Erwartung, in Würzburg einen Hauptwortführer der Liberalen zu hören. Ein solcher ist der seit einem Vierteljahrhundert im öffentlichen, d. h. politischen Leben stehende Professor Dr. Sigismund Günther von der technischen Hochschule in München. Der im bayrischen Landtage wie im Reichstage als gewiegter Parlamentarier bekannte Herr führte in Würzburg u. a. Folgendes aus: „Das viel verschriene Wort der Toleranz in religiöser Beziehung gehört hierher. Nicht alles, was in der bayrischen Kammer in den jüngsten Tagen gesagt wurde, könne er billigen. Das Beste aber habe der protestantische Dekan Wirt gesagt: Religion solle mit der Politik nichts zu schaffen haben. Wenn die Sozialdemokratie sage: „Religion ist Privatsache," so sage sie nur dasselbe, was schon der große Preußenkönig gesagt: „In meinem Staat soll jeder nach seiner Fasson selig werden." Um das einzusehen, mußten wir nach dieserSeite hintrübeErfahrungen machen, man glaubte, daß der Kampf der Geister mit Gewalt entschieden werden könne. Hier aber zeigte es sich, daß eine Grenze der Respekt vor dem inneren Menschen bildet. x Wenn jetzt das Zentrum die Macht habe, so danke es dies nur den von den Gegnern gemachten Fehlern. Nun glauben viele, mit Liberal i s m u s auf Kündigung zu zeitweisem Gebrauch auskommen zu können. Das ist aber eine völlige Verkennung. Jene Krankheit, daß man einen T h e i l des deutschen Volkes ausscheiden zu dürfen glaubt, sei nicht so sehr der Konitzer Radau- Antisemitismus, als . jener feine Salon- A n t i s e m i t i s m u s , der sich vielfach findet. Als großes Verdienst wird es dem despotischen Minister Montgelas angerechnet, daß er einen protestantischen Wirth in München zugelassen habe; umso schlimmer, wenn heute ein Stadtrath einen Juden als Lehrer nicht anstellen zu können glaubt. Für diesen Pseudoliberalismus gilt hic Rhodus. hic salta! Man soll den Liberalismus nicht bloß als anerzogenes Glaubens st Lck zeigen, sondern sich den Mann anschauen, nicht seine Religion, seinen Stand und seine Herkunft! (Lebhafter Beifall und Bravorufen.) Sonst hat der Gegner recht, wenn er sich über uns lustig macht. Dies mußte gesagt werden, weil von Norden her so manches Gift derart cinströmt." Herr Prof. Dr. Günther hat entschieden recht, wenn er dagegen Front macht, daß man trotz Liberalismus „einen Theil des deutschen Volkes" ausschließen möchte. Er nennt diesen Liberalismus ebenso treffend Pseudoliberalismus, wie den Antisemitismus eine „Krankheit". Die spezifisch jüdische Presse hat gleich Herrn Prof. Günther schon tausend Mal den latenten Judenhaß, den Sakonantisemitismus als weit gefährlicher hingestellt, als den eher faßbaren Ahlwardtismus und Konitzzismus. Seit einem Bierteljahrhundert kämpft dieselbe Mische Presse dafür, daß man „den Mann anschauen solle, nicht seine Religion, seinen Stand und seine Herkunft." Ja, man mußte sich zuweilen selbst mit „Liberalen" in dieser Hinsicht gehörig auseinandersetzen. So sagt denn die Rede des Herrn Prof. Dr. Günther in jedem Punkte Wahres und Beherzigenswerrhes, in keiner Hinsicht jedoch Neues. Dennoch registriren wir mit Dank und Genugthuung die gemachten Ausführungen, denen wir herzlich den besten Erfolg wünschen. Möge der „Jungliberale Verein" stets sich Männer wie Herrn Prof. Dr. Günther zum Führer und Vorbild wählen. Allgemein sieht man mit Interesse dem 14. November c. entgegen, an welchem Tage Pfarrer Naumann, der bekannte Führer der früheren Nationalsozialen, sprechen will. Wir werden seiner Zeit darüber näher berichten. Frciburg i. B., 7. Nov. Der Vorstand des „Mendelssohn-Verein Freiburg i. B." ersucht uns um Aufnahme der nachstehenden Berichtigung betreffs Artikel Freiburg i. O. (soll wohl i. B. heißen), Nummer 88, Seite 1914: „Es ist unwahr, daß der Leiter unserer nächsten Chanukahfeier der genannte Einjährige ist, dessen Glaubensbekenniniß uns übrigens bis heute unbekannt? war. Es ist ferner unwahr, daß Herr Rabbiner Dr. ] Lewin der Ehren-Präsident unseres Vereins ist. Ungarn. Kassa, im Okt. (Heimgang eines Großen in Israel.) Am dritten Tag des „chaul hamaued" hauchte der Barkfaer Rabbiner, Rabbi Moses Halber st am m s. A.. Enkel des weltberühmten Rabbi Chaim Halberstamm. Oberrabbiner zu Neusandec in Galizien, seine reine Seele aus. Nebst vollkommenen rp-n im Sinne seiner großen Ahnen, zeichnete den Mann "ein seltener Scharfsinn und Gelehrsamkeit aus. Von seinen Kenntnissen in der einschlägigen talmudischen und hagadischen Litteratur legen seine Werke ein glänzendes Zeugniß ab. In seiner „chasidisch-sefardischen" Gemeinde wirkte der Verstorbene volle 30 Jahre segensreich für imw 7t 12 im Sinne unserer Altvordern, so daß Bartfa, trotzdem es ein Weltbadeort ist, von seinen echt jüdischen Traditionen im Laufe der selbst an das Heiligste sich heranwagenden Reformjahre nichts eingebüßt und nicht ein Jota verändert hat. Der Verstorbene erreichte nur ein Alter von 54 Jahren. Adolf Alt mann, Rabb.-Kand.

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