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Der Israelit · 1903-11-09 · Heft 89 (9.11.1903) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 89 (9.11.1903)
Date
1903-11-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1949 Rußland. Kischinelv. (Akten über die Judenkrawalle.) Am 6./19. November soll der Prozeß über die Mordgesellen von Kischinew beginnen, Für den Geist, in dem das gerichtliche Verfahren geführt werden wird, ist es bezeichnend, daß die Verhandlungen, wie gerüchtweise verlautet, bei verschlossenen' Thüren vor sich gehen sollen, unter völligem Ausschluß der Öffentlichkeit. Unter diesen Umständen ist es von Interesse, wenigstens Einiges über den Inhalt der Anklageschrift zu erfahren, die der Staatsprokurator nach Abschluß der Voruntersuchung über das Blutbad von Kischinew verfaßt hat. Sie ist von besonderer Bedeutung wegen der Widersprüche zwischen diesem offiziellen Aktenstück und den Angaben des Ministers v. Plehwe über die Ereignisse, wobei man nicht außer Acht lassen darf, daß auch die richterlichen Behörden, soweit irgend möglich, die Ereignisse im mildesten Licht darzustellen unternommen haben. In dem.Rundschreiben an die Behörden vom 23. April — das er dem Zaren vorgelegt hat — macht Minister Plehwe über die Entstehung der Krawalle folgende Angaben: „Um 4 Uhr setzte sich eine christliche Frau mit einem Kinde in den Wagen des Karussels. Der Bescher desselben, ein Jude, stieß sie weg und schlug sie dabei so stark, daß.das Kind aus ihren Armen fiel. Dieser Vorfall war der Nächstliegende Anlaß zu den Krawallen." Die gerichtliche Untersuchung hat dagegen, wie die „Nat.-Zeitung" schreibt, folgenden Thatbestand festgestellt: „Auf dem Tschuflin-Platz, wo ein Karussel stand, das aber am Feiertag geschlossen war, sammelte sich schon am Morgen eine Menge Leute an, darunter viele Knaben. Gegen 2 Uhr Nachmittags belief sich ihre Zahl auf etwa 600 ...." „Um 4 Uhr vergrößerte sich der Haufen noch mehr. Es waren auch Betrunkene darunter. Aus diesem Haufen zweigten sich zwei Gruppen ab. die sich bei den Häusern sammelten: eine an der Kirowskajastraße und die andere an der Ecke Kirowskaja und Alexandrowskaja. Diese Gruppen begannen Steine in die Fenster der Hauser zu werfen." Der Minister begnügte sich aber nicht damrt, den Juden die Schuld an der Entstehung der Unruhen zuzuschieben und sie als Friedensstörer zu denunzieren. Gr stellt es in seinem Zirkular so dar, als ob die Juden auch die Greuel des folgenden Tages durch ihre aggressive Haltung provozirt hätten: „Am nächsten Morgen überfiel auf dem Neuen Dazar ein Haufe von Juden die dort in weit geringerer Za bl versammelten Christen und schlug sie mit Stöcken. Die Schläaerei hörte bald auf: aber am anderen Ende des Bazars sammelten die Juden sich wieder und griffen eine Minderzahl Christen an. Aus der Mitte der Inden fiel ein Revolverschuß, der einen christlichen ' Knaben verwundete, und darauf brachen wieder in der Stadt Unruhen aus. die mit der allgemeinen Beraubung und Tödtung von Juden endeten." So die ministerielle Darstellung. In dem Anklageakt wird von der Rolle der Juden in der Kifchinewer Tragödie folgende Darstellung gegeben: «Den 7. April, vom Morgen an. sammelte sich die christliche Bevölkerung Kischinews in großer Erregung an verschiedenen Orten der Stadt und in den Vorstädten. Sie bildete kleine Gruppen, die Ueberfälle auf die Inden machten. Diese Ueberfälle nahmen einen immer schlimnleren Charakter an und endigten damit, daß um 10—11 Uhr die erwähnten Gruppen von Christen zu derselben Zeit an verschiedenen Orten der Stadt die Häuser der Juden zu demoliren und ihr Eigenthum zu plündern anfingen." Als Zeugniß für die „Jrrthümer" des Herrn von Plehwe sei noch ein bemerkenswerthes Detail angeführt. In dem Zirkular des Ministers, das ca. 3 Wochen nach den Krawallen erschienen ist, wird als Zahl der geplünderten Häuser 700 angegeben. Der Anklageakt bemißt sie auf 1340. Herr v. Plehwe hat sich also etwa um die Hälfte geirrt. Von der Haltung der Kischinewer Polizei während der Greuelszenen entwirft die Anklageschrift folgende Schilderung: „Die Schutzleute standen meist als stumme Zuschauer bei den Krawallen. Unter diesen Bedingungen konnte von einer Verhaftung der Räuber durch die Polizei am Orte des Verbrechens keine Rede sein. Die Unthätigkeit der Polizei in der Unterdrückung der Kralvalle rief ein neues Gerücht hervor: daß die Regierung erlaubte, die Juden zu erschlagen, weil sie Feinde des Vaterlandes seien. Die Räuber, von ihrem Erfolg und der Strasloüakeit ermuthigt, nahmen mit großer Freude dieses Gerücht auf, welches sehr schnell durch die raubende Menge flog und ihr viel neue Energie und die Ueberzeuqung von der Gesetzlichkeit ihrer Arbeit gab; darum hat die Zerstörung der Häuser einen ganz intensiven Charakter angenommen und sich auf einen immer größeren Rahon verbreitet." Fürwahr, ein vernichtendes Verdikt, das in letzter Instanz auf Herrn von Plehwe zurückfällt. Amerika. Philadelphia. Die jüdische Gelehrtenwelt hat einen unersetzlichen Verlust erlitten. Am 13. Oktober ist hier Rev. Dr. Marcus I a st r o w im 73. Lebens-, jahre gestorben. Unter den amerikanischen Rabbinern wie unter den jüdischen Gelehrten der ganzen Welt hatte er sich hohen Ansehens zu erfreuen. Geboren am 5.. Juni 1829 in Rogasen, besuchte er das Gymnasium in Posen, die Universität in Berlin. Die talmudischen Studien legte er bei Rabbiner Moses Feilchenfeld in

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